Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1867)
- Date
- 1867-07-23
- Page
- Seite 608 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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608 buche, und übersetzten dann auch, was sie gelesen hatten. Daran knüpfte nun ihr Religionslehrer, Herr Lutornirski, eine katechetische Unterhaltung mit denselben über die Mosaische Pflichten- und Glaubenslehre. Mit Bewunderung hörte man sie angemessen und verständlich sprechen über Gott, Offenbarung, Vergeltung, Nächstenliebe, Dankbarkeit, Ehrlichkeit, Sabbathfeier u. s. w. Ueberraschend war es von den Mädchen auch zu vernehmen, daß das weiblicke Geschlecht von den zeitbedingten Pflichten enthoben, dahingegen desto stärker gehalten ist, die Vorschriften zu beobachten, die die Häuslichkeit betreffen, als solche sind: die Festlichte zeitig anzuzünden zur Weihe der heiligen Tage; bei der Speisebereitung dem Gesetze in Allem zu genügen, und vor Allem die Sittigkeit stets im Auge zu haben und Alles zu vermeiden, was dem religiösen Manne verächtlich und zuwider ist. — Tief ergreifend war auch das zu vernehmen wohl in einem harten Tone, aber aus einem Munde, der gewiß noch nicht entweihet war. Und sehr passend sagte der Herr Oberrabbiner darauf in seinem Schlußworte: Der Wahrheit Kraft bedarf des Wohllauts nicht, um ans der Seele und zur Seele zu dringen, und wies auf den ersten Verkünder von Gotteswort hin, der auch kein günstiges Sprach-Organ hatte. Am Ende wurden den Kindern im Namen der Anstalt einige Bücher zum Andenken dieser Feierlichkeit und zuletzt auch noch schöne Angebinde von einem edlen Menschenfreund, der unbekannt bleiben will, durch Ver- . Mittelung des H. Jnstitut-Directors dargereicht. Im Ganzen hat diese Feierlichkeit einen wohlthuenden Eindruck gemacht, sowohl auf die jungen Festpersonen als auf alle Anwesenden, welcher gewiß auch lange unverwischt bleiben wird. Nun noch die kleine Bemerkung: In besagter Anstalt hat zwar ein Israelit, nämlich der rühmlich bekannte Herr Hirsch, die Oberleitung, es ist darum aber keineswegs eine israelitische Anstalt, denn ungefähr °/to ihrer Zöglinge sind keine Israeliten , und ist überhaupt jeder Religionsunterricht ganz davon abgeschieden. Sie besoldet aber alle resp. Religionslehrer, die unter der Aufsicht ihrer besondern Geistlichen stehen. In London ist jetzt eine spezifisch israelitische Taubstummenanstalt Anfangs Juni 3. e. nach der deutschen Methode organisirt worden von einem jungen Manne, Namens: W. van Praagh, der auf Verlangen eines isr. Comitö in London, in der hiesigen Anstalt gebildet und alsdann zum Oberlehrer dahin berufen wurde, wie dergleichen Lehrer schon mehrere aus dieser Anstalt hervorgegangen sind. Uebrigens hat doch jedes Institut der Humanität, wenn es auch nicht das einzige ist, gerechte Ansprüche auf Unterstützung, je nachdem es deren bedarf! Berlin, 12. Juli 1867. Lin Lehrerleben. Gottschalk Jeretzky, geb. den 19. September 1815 zu Halberstadt, war der älteste Sohn des dortigen Cantors Meyer Jeretzky. Seinen ersten Unterricht erhielt er in der jüd. Gemeindeschule, dann in der Stadtschule und bereitete sich in dem Seminar für Elementarlehrer zu Halberstadt für das Lehrfach vor, zu welchem Berufe ihn eigene Neigung trieb. Nach bestandener Prüfung, aber ohne Aussicht auf eine Beschäftigung an der jüd. Gemeindeschule seiner Vaterstadt, begab er sich, noch nicht 20 Jahre alt, nach Berlin, um hier, unter dem Schutze seines damals schon in hohen Ehren gestandenen Landsmannes, des Gem. Syndicus 9r. Jul. Rubo, theils durch Privatunterricht, theils durch eine eventuelle Anstellung an der Gem. Knabenschule, seinen Eltern und zahlreichen Geschwistern durch seine Thätigkeit nützlich zu werden. Als nun im Jahre 1835 der damalige Gemeinde-Vorstand die Mädchenschule eröffnete, wurde Jeretzky an derselben mit dem Unterrichte im Hebräischen und in einigen elementarischen Gegenständen, zugleich aber auch mit einigen Unterrichtsstunden an der Gemeinde-Knabenschule betraut, wo er in jugendlicher Frische und regem Eifer den Grund zu seiner Lehrfähigkeit legte, die ihm auch bei einer Nachprüfung am hiesigen Königl. Seminar für Stadtschulen bezeugt wurde. Bei der wachsenden Frequenz der Mädchenschule und der nothwendig gewordenen Vermehrung der Klassen, wurde auch die Beschäftigung Jeretzky's an derselben eine größere, und als er bei der Reorganisation der Knabenschule (1852) nur an der Mädchenschule fernerhin unterrichten sollte, wurde er, mit Anrechnung seiner frühern Lehrthätigkeit, lebenslänglich berufen. In ungefchwächter Körper- und Geisteskraft hat er bis zum Herbste des Jahres 1866 unterrichtet; von da ab verfiel er in einen sichtlich hinwelkenden Zustand und nur durch die aufopfernde Sorgfalt und Pflege seiner Frau und durch die größte Schonung in seinem Berufe (vom Monat März e. ab ganz beurlaubt) war ihm seine Lebenszeit verlängert worden. Nach einem kaum wöchentlichen Aufenthalte in Potsdam, wohin ihn seine Aerzte geschickt hatten, verschied er daselbst in der Nacht vom 3. zum 4. Juli in dem Alter von 52 Jahren. Die Nachricht von seinem Tode hat hier überall große Theilnahme erregt, die sich an seinem am 7. Vorm. 9 Uhr stattgefundenen Begräbnisse noch mehr kund gab. Trotzdem die Leiche schon in der Leichenhalle war, war das Leichenbegängnis sehr groß. Die Schülerinnen bedeckten den Grabeshügel mit Blumen und Kränzen. Eine Grabrede wurde nicht gehalten, wohl aber eine sehr erhebende Todtenfeier am 16. Juli vor den versammelten Schülerinnen, in Gegenwart von Vorstands-Mitgl. und den Angehörigen. — Jer. hinterläßt eine Wittwe mit 3 unmünd. Kindern. Der Gem.-Vorst. wird sicherlich, in Anerkennung der langjährigen Dienste des Verstorbenen, auch seinen Angehörigen die Fürsorge nicht entziehen. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. Druck von I. 33. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur »*% H. Lotze.