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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-07-16 · Heft 29 (16.7.1867) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 29 (16.7.1867)
Date
1867-07-16
Page
Seite 586 (sequence 20)
Language
German
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586 wird uns am Ende gar nichts übrig lassen und seiner Leidenschaft Alles zum Opfer bringen. Sie faßten nun folgenden Plan. Sie gaben ihrem Vater Wein zu trinken, daß er berauscht wurde, und trugen ihn daun auf den Schultern hinaus und legten ihn auf den Friedhof nieder ('ist obs rpa nna rrsiarri) Bald darauf zogen daselbst Weinhändler vorüber und als sie hörten, daß in der Stadt der Tribut und Zoll streng eingetrieben wird , machten sie dort halt, thaten die abgeladenen Weinschläuche in die Grabgewölbe des Friedhofes und gingen dann in die Stadt um das Nähere zu erfahren. Als der alte Trunkenbold erwachte, gewahrte er über seinem Kopfe die Weinschläuche liegen. Er öffnete sogleich den Spund eines Weinschlauches und trank davon nach Herzenslust, bis er wieder ganz betrunken einschlief. Nach drei Tagen sprachen seine Söhne: Laßt uns doch nach dem Befinden unseres Vaters sehen. Sie gingen darauf in das Grabgewölbe; aber wer schildert deren Erstaunen, als sie ihren Vater mit dem Weinschlauche im Munde erblickten. Wahrlich auch hier, riefen sie verwundert, verläßt Dich Dein Gott nicht! Da Dir Gott sogar hier Wein in Fülle bescheert, so wissen wir gar nicht, was wir anfangen sollen! Sie verabredeten sich daher untereinander, daß jeder von den Söhnen abwechselnd den alten Trunkenbold Tag für Tag gehörig mit Wein versorgen müsse. Durch die kleinen Modisicationen im Midrasch hat die Fabel viel gewonnen und die Moral derselben ist auch einleuchtender. Während die Aesopische Fabel uns bloß die dürre Moral lehrt, daß böse Handlungen, wenn sie sich einnisten, oft wider Willen zur Gewohnheit werden, giebt uns der Midrasch die doppelte Lehre, daß es ein vergebliches Bemühen ist, einen Menschen von einem veralteten sittlichen Fehler zu heilen; sondern man suche bloß das Nebel durch alle möglichen Mittel zu vermindern und zu verkleinern. Gegen eingenistete Laster giebt es nur Palliative, aber keine radikalen Heilmittel! Prozesse gegen jüdische Bücher und Gebete. (Fortsetzung.) Nach diesem grausigen Eidschwure wurden ihnen verschiedene Fragen vorgelegt, t) „Ob sie den Herrn Jesum Christum in ihren Schulen oder Synagogen, wie auch Morgens und Abends in ihren Häusern nicht lästern?" Sie verneinten dies Allesammt auf's Nachdrücklichste. — 2) „Ob sie sonst nicht schimpflich von ihm reden?" 'Auch dies wurde verneint; der eine Jude antwortete: „Warum sollten sie das thun? Glaubten wir doch mit ihnen den wahren Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat." — 3) „Ob sie, insonderheit bei dem Gebet, Olenu genannt, nicht diese Worte gebrauchen: Wir knien und bücken uns, aber nicht vor dem gehängten Jesu." Auch hiergegen verwahrten sie sich. Einige sagten aus: „Das Gebet Olenu wäre ihnen bekannt; sie beten es des Morgeus und des Wends, sic gebrauchten aber die ihnen gefragte Worte nicht, allem, weil ein Spatium da wäre, so gebrauchten sie sich der Worte Hevel — Verick." — 4) „Ob sie bei Nennung des Namens Jesu ausspucken, und von dem Ort, wo sie ständen, etwas hinwegspringen?" Sie antworteten u. A.: „Sie spuckten zwar aus, aber das ginge auf die Abgötterei, und unter das Wort Elilim verständen sie nicht Jesum. Sie hielten uns auch nicht für Abgötterer, weil wir an den wahren Gott glaubten." „Das Gebet Olenu wäre über 3000 Jahre alt. Josua hätte es gemacht, und wenn die Vorfahren es gebetet, hätten sie ausgespuckt, sie thäten es also noch." — 5) „Wen sie durch llevel Verick verstehen?" Die meisten antworteten, sie wüßten das gar nicht, sondern sagten es nur, weil es immer so gesagt worden; Andere meinten: „Die Götzendiener, welche Baal, Biel, Bel und Baalim gedient." — 6) Warum der Raum in ihren Gebetbüchern, bei Olenu gelassen worden?" Auch hierauf konnten die meisten nur antworten, daß sie das nicht wüßten, daß dies Sache der Buchdrucker sei; Andere meinten: „Weil die Bücher manchmal in solche Länder kommen, wo Heiden und Abgötter, auch Juden neben einander wohnen. In diesen Landen aber hielte er unnöthig, daß Raum gelassen würde." Da die Rechtfertigung der Juden in den anderen Provinzen ebenso ausfiel, so sah man ein, daß ein Grund zu Verfolgungen nicht vorhanden wäre. Auch diesmal, wie zur Zeit Reuchlin's, war es besonders ein christlicher Gelehrter, der die Juden von den ihnen aufgebürdeten Lästerungen fteisprach und sie rettete, nämlich der damals zu Halle lebende Theologe und Orientalist Dr. Johann Heinrich Michaelis. Dennoch erfloß unter dem 28. Aug. 1703 ein königl. Edikt, welches den Juden das Ablesen dieses Gebetes und die damit verknüpften Gebräuche bei Strafe verbot. Dies Edikt enthält so diel Charakteristisches, daß wir es hier stellenweise wiedergeben wollen. „Wir Friedrich von Gottes Gnaden, König in Preussen rc. rc. geben hiermit allen und jeden Prälaten, Grafen rc. rc. wie auch insgemein allen Unser« Unterthanen, Gläubigen und Ungläubigen, über welche der allerhöchste Gott Uns in Unserm Königreich, Churfürstenthum, Fürstenthümern, Graf- und Herrschaften, nach seinem allerhöchsten Rath und Willen gesetzet, nebst Entbietung Unsers gnädigen Grußes zu vernehmen, daß Uns gebühre, Lob, Preiß, Ehr und Dank zu geben, dem, der Uns Königreich, Macht, Stärke, Ehre und Herrlichkeit verliehen hat, und daß mit Uns alle, so auf Erden seine Statthalter und seines Reichs Amt-Leute seyn, nebst der Verherrlichung des großen Namens Gottes, auch diesen Hauptzweck haben müssen, daß sie nicht allein die zeitliche Wohlfahrt Ihrer anvertrauten Unterthanden befördern, sondern weil dieselbe nicht für diese Welt allein geschaffen, und in dem sterblichen Leibe eine unsterbliche Seele tragen, auch dafür nöthig zu sorgen haben, daß, wo sie nicht alle zu Gott bekehret, wenigstens doch ihr Gericht ihnen einsten nicht schiverer werde. Ü

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