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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-07-16 · Heft 29 (16.7.1867) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 29 (16.7.1867)
Date
1867-07-16
Page
Seite 570 (sequence 2)
Language
German
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man die religiöse Idee bei der Gvtteslehre und der Moral des Individuums abgeschnitten hat, und erklärte, daß Alles, was zu den politischen und socialen Berhältnifsen gehört, was die allgemeine und staatliche Gesellschaft betrifft, als „zu dieser Welt gehörig und das Reich dieser Welt" ausmachend, von der Religion zu trennen sei und von ihr gar nicht berührt werden dürfe. Noch mehr Jrrthum ist es, wenn man, Religion und Kirche verwechselnd, die trotz der eben gedachten Meinung geschehenen Uebergriffe der Kirche in das politische und sociale Gebiet der Religion zuschricb, Hierarchie und Religion für identisch hielt, und daher von vornherein jede Beziehung und Betrachtung der politischen und socialen Frage vom Standpunkte der Religion aus verwarf und heftig dagegen protestirte. Man hatte vollkommen Recht hierzu, wenn man dabei die Kirche und die Hierarchie im Auge hatte, vollkommen Unrecht aber, wenn man diese mit der Religion verwechselte. Der Mensch ist ein ganzes, einheitliches Wesen, und alle seine Beziehungen müssen aus einem ideellen Mittelpunkt ausstrahlen; ihn in seinem Berhältniß zu -Gott und zu seiner eigenen Individualität als ein anderes Wesen, und in seinem Verhältnis zur Gesammtheit wieder als ein anderes zu betrachten, für ihn als Individuum und zu den einzelnen anderen Individuen Religion und Sittlichkeit als höchste Forderung anfzustellen, diese aber der Gesammtheit abzusprechen, die Gesellschaft außerhalb der Religion und Sittlichkeit zu erklären, ist nothwendig eine starke Inkonsequenz, ein Jrrthum gefährlichster Art. Ist der Mensch ein Wesen höherer Natur, höherer Bestimmung, dessen Ziel in immer vollendeterer Gotteserkenntniß und Sittlichkeit liegt, so müssen diese gerade in aller Gemeinsamkeit, in allen Bereinigungen, also im Staat und in der Gesellschaft ganz besonders ausgeprägt sein, und es kommt noch viel mehr darauf an, daß die Gesammtheit als solche von jenen durchdrungen ist, als daß eine größere oder geringere Zahl von Individuen von ihnen erfüllt sei. Denn jene wird diese dann um so mehr zum Guten und Rechten anhalten, führen und stärken. Ist doch der Einfluß der Gesammtheit auf die Individuen unermeßlich, und die entschiedene Anerkennung eines Grundsatzes von der Gesammtheit fesselt die Individuen mit unwiderstehlicher Macht an denselben. Wenn z. B. in einem Staate von Gesetz und Regierung das Rechtsbewußtsein verletzt und verneint wird, was wird da im Volke alles Predigen des Rechts helfen?-Darum verkündete die religiöse Idee gleich bei ihrem Eintritt in die Welt, im Mosaismns auch die höchsten Grundsätze des politischen und socialen Lebens, und verkörperte sie in bestimmten Gesetzen. Diese letzteren mußten natürlich als Spezialgesetze den Bedingungen der Zeit, des Ort8 und der Verhältnisse sich akkommodiren, enthalten aber auch als solche immer jene höchsten Grundsätze, deren Verwirklichung in den immer auf einander folgenden Epochen die Aufgabe des Menschengeschlechtes sein sollte. Wenn also die Phrase „die politische und sociale Frage ist die religiöse Idee in der Gegenwart" die Anerkenntnis; enthält, daß diese Fragen integrirende Theile der religiösen Idee sind und auf dem Grunde jener Prinzipien derselben fortschreitend gelöst und entwickelt werden sollen, so ist dies das Wahre an jenem Ausspruch. Wenn dieser aber die Behauptung umfaßt, daß die politisch- und sociale Frage der alleinige Inhalt der religiösen Idee für die Gegenwart sei und daher an deren Stelle treten müsse und sie völlig ausfüllen solle: so ist dies das Unwahre, ja daß wir es offen sagen, das Heuchlerische und Gefährliche darin. Sie will den Theil für das Ganze, die Consequenzen für das Prinzip selbst, gleichsam einige Zweige für die Wurzel und den Stamm ausgeben. So wie aber die religiöse Idee alle menschlichen Beziehungen umfaßt, so ist sie auch ein einheitliches Ganzes, und löst man einen Theil von ihr ab, und behandelt ihn als selbständiges Gewächs, so hat man nicht blos jene verstümmelt, sondern diese abgetrennten Theile verdorren auch wie abgehauene Zweige. Im Grunde ist es daffelbe Manoeuvre wie vordem: denn ob man sagt, die Religion befasse das politische und sociale Leben nicht, oder das letztere für sich sei die Religion, verhält sich gleich, man hat immer das politische und sociale Leben von der religiösen Idee getrennt. Und eben diese Trennung ist es ja, die man durch jene Phrase nur verdecken will. Denn so, wie man die politischen und socialen Fragen behandelt, wie man sie erörtert und betreibt, haben sie mit der Religion gar keinen Zusammenhang, bringt man sie außer allen Zusammenhang mit ihr. Dies ist 'aber der volle Widerspruch mit der religiösen Idee. Die letztere stellt die Prinzipien für die Gesammtheit der gesellschaftlichen Beziehungen als nothwendige Folgerungen aus der Gottesidee und aus der wiederum aus dieser fließenden Idee vom Menschen auf. Der Mensch als Gottes ebenbildliches Wesen ist von Gott mit Selbstbewußtsein und freiem Willen und zu einem sittlichen Wesen geschaffen. Hieraus fließen nothwendig die persönliche Freiheit und die

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