Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-07-09 · Heft 28 (9.7.1867) · p. Seite 568

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 28 (9.7.1867)
Date
1867-07-09
Page
Seite 568 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226610--25139-3260627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

568 betet, jemalen ausgespucket haben, oder von unfern Stellen aufgesprungen sind. Dafern ich aber unrecht oder falsch schwere, so gebe mir Gott anstatt des Seegens die Verfluchung, daß ich verdorre wie das Gebirge Gilboa, daß ich verblinde, wie alle andere verbandet, welche falsche Schwüre gethan. Dafern ich falsch'schwere, so muß ich verjaget und verstreuet werden unter die Völker, und wohnen in dem Erdreich meiner Feinde; dafern ich falsch schwere, so sey mein Hauß verlaßen, und kommen über mich alle meine und meiner Voreltern Sünde und Flüche, die im Gesetze Moisis und der Propheten geschrieben sind und bleiben auf mich ewiglich, und gebe mich Gott in Verfluchung zu einem Schandzeichen meinem Volk. Ja, dasern ich falsch schwere, so verschlinge mich den Augenblick die Erde, wie Korah, Dathan und Abiram, und meine Seele komme nimmer in Abrahams Schoß. So will ich auch an unserm Versöhnungstage mich von diesem Eyde nicht lossprecheu lassen, noch sonst von Jemand diese Loßsprechungen annehmen, wenn sie mir gleich angeboten würde. Alles, so wahr mir Gott helffe und sein heiliger Rahme Adonai!"— »Fortsetzung folgt» Kuriosa. In der „Gartenlaube" berichtet ein Freund über die letzten Tage des bekannten Lassalle. Bekanntlich wollte er durchaus ein Fräulein von Dönniges heirathen, worein deren Vater nicht willigen wollte. Hier heißt es weiter: Da dieser Widerstand nicht zu besiegen war, beschloß Lassalle, die Geliebte zu entführen, und sich in Italien mit ihr trauen zu lassen. Um aber den Widerstand des Vaters ganz zu entwaffnen, wollte er vorher zum Christenthum übergehen, und zwar katholisch werden. Der Bischof von Ketteler in Mainz wurde durch die Gräfin v. Hatzfeldt davon benachrichtigt, und dieser erklärte sich bereit, die Ausnahme zu vollziehen. Wenn dazu auch äußerliche Gründe maßgebend seien, meinte er, so könne ja die göttliche Gnade auch noch in Lassalle zum Durchbruch kommen. — Lassalle und seine Handlungsweise hier zu besprechen, kommt uns nicht in den Sinn. Es giebt Charaktere und Motive, deren Beurtheilung man ruhig der Zeit überlassen muß. Uns interessirt vielmehr nur die Auslasiung des Bischofs Ketteler, dieses Mannes, der sonst gegen den Scheinkatholizismus und die Scheinkatholiken mit aller Gewalt zu Felde zieht, sich aber mit einer Phrase abfindei, sobald es gilt, eine Seele aus dem Schoße des Judenthums und wohl auch des Protestantismus zu fangen, selbst wenn sie umumwunden den Unglauben und das selbstsüchtigste Motiv bekennt. — Und doch hat der Mann recht. Denn einentheils weiß man, daß der Unglaube der pietistischen Gläubigkeit sehr nahe steht, und oft mit einem Sprunge mitten in die letztere sich hineinversetzt'— wobei jedoch nicht zu vergessen ist, daß die entgegengesetzte Prozedur noch außerordentlich häufiger-ist, denn die große Mehrzahl der Ungläubigen besteht aus solchen, welche „sehr fromm" im elterlichen Hause erzogen werden. Andererseits sind es die Kinder und Kindeskinder, welche der Kirche angehören werden, und weshalb die Aufnahme auch eines ungläubigen Ketzers ein Gewiun scheint. Dies ist ein Umstand, welchen die Juden zu wenig im Auge haben. Diese sprechen stets davon, daß der Abfall eines abgestorbenen Reises nichts zu bedeuten habe. Das Gleichniß hinkt aber, wie alle Gleichnisse. Mag Jemand für die Religion abgestorben sein, so kann doch immer noch das Leben in ihn zurückkehren, und jedenfalls ist er noch immer ein Reis, das von Neuem ausschlägt und Schößlinge hervortreibt, welche sehr religiös und der Religion fruchtbringend sein können. In einem der Berliner Tagesblätter veröffentlicht jetzt Herr Adolf Stahr „Römische Skizzen", und darunter als Nr. IV „ein Papst aus dem Ghetto." Das Haus Pierleoni, welches der Stadt Rom im Mittelalter zahlreiche Konsulen, Senatoren und Staatsmänner, mehrere Kardinäle, ja sogar der Christenheit einen Papst gegeben hat, jetzt aber längst ausgestorben ist, stammt von einem Juden im XI. Jahrhundert ab, der sich am päpstlichen Hofe emporgeschwungen, und um seinen Kindern den Weg zu den höchsten Würden zu eröffnen, übergetreten war. Dessen Enkel wurde Geistlicher, Mönch, Kardinalpriester, päpstlicher Legat und endlich 1130 durch die Mehrheit des Wahlcollegiums und in Uebereinstiinmung mit fast dem ganzen römischen Adel und der größeren Menge der römischen Bürger als Anaklet II znm Papste gewählt, welchem eine geringe Minorität Innozenz II als Gegenpapst entgegenstellte. — Was uns nun wundert, ist, daß Herr Stahr außer sich vor Bewunderung ist, daß der Enkel eines getauften Juden Papst werden konnte, und dieser Bewunderung nicht oft genug durch Phrasen und Ausrufungszeichen Ausdruck geben kann. Eine Würde, welche Männer, die für ihre eigene Person durch Geburt und Jugend den untersten Ständen angehörten, erlangen konnten, und zwar in der trefflichsten Weise behaupteten, wir erinnern an Sixtus V, der in seiner Jugend Sauhirt gewesen, kann doch wohl auch, ohne daß man vor Erstaunen außer sich kommt, von der dritten Generation eines emporgekommenen und getauften Juden erreicht werden. Ebenso wundern wir uns, daß Herr Stahr hierbei immer und immer nur wieder die Reichthümer des gedachten Geschlechts hervorhebt und diese als die Machtquelle betont, während er doch dem zukünftigen Anaklet „Bildung und Talent" zusprechen muß. Herr Stahr steht doch wohl den Juden nicht so fern, um nicht zu wissen, daß es viele Juden giebt, welche allem durch „Bildung und Talent" sich einen Namen und Einfluß erworben haben. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.