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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-28 · Heft 22 (28.5.1867) · p. Seite 448

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 22 (28.5.1867)
Date
1867-05-28
Page
Seite 448 (sequence 20)
Language
German
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448 spräche nach Sonnenuntergang gesagt worden, zählen die Festlichkeiten erst vom Tage darauf an, d. h. dauern sie acht Tage anstatt sieben. Im Allgemeinen feiern die wohlhabenden Leute die Hochzeit während acht Tage, und die Armen gehen nicht über das nothwendige Maß hinaus, nämlich sieben Tage. A. Kaufmann. Kuriosa. Stillleben einer kleinen Gemeinde. Ignaz Löbel, Vorbeter und Schächter der kleinen israelitischen Gemeinde in Mödling bei Wien, hat sich während der dreijährigen Verwaltung seines Amtes so lebhafte Antipathien seitens des Vorstandes errungen, daß derselbe ihn gerne längst entlassen hätte, wenn er nicht durch einen mit Löbel abgeschlossenen Contract noch gefesselt wäre. Wer an diesem Conflicte die Hauptschuld trage, diese wichtige Frage wollen wir nicht zu lösen unternehmen. Sichergestellt erscheint, daß der Vorbeter durch brüskes Benehmen die Mißstimmung gegen sich hervorgerufen; nicht minder zweifellos scheint es zu sein, daß Mancher seiner Vorgesetzten die stolze Gewalt, die in seinen Händen ruht, nicht ohne seinen Untergebenen zu verletzen ausübt. Mitte December vor. I. kam es zu einem offenen Ausbruche des Zwistes. Löbel hatte sich etwas zu Schulden kommen lassen; zwar nicht ein Vergehen, aber mehr als das — einen diplomatischen Fehler. Eine neue Thora war angeschafft worden, und an der Außenseite derselben hatten, einer religiösen Uebung gemäß, viele Mitglieder der Gemeinde ihre Anfangsbuchstaben eingezeichnet, darunter auch zwei sehr unpopuläre Personen, welche früher Aemter bekleideten und auf dieselben hatten resigniren müssen. Diesen die Einzeichnuug zu verbieten, wäre nun freilich nicht in der Macht des Vorstandes gelegen; allein daß sie es in der Wohnung des Vorbeters, also gewissermaßen in einem amtlichen Locale, hatten thun dürfen, statt in der Behausung des Thoraschreibers, das rief Entrüstung hervor, welche sich mit voller Gewalt gegen Löbel kehrte. Er wurde zum Vorstande gerufen, wo ihm die herbsten Vorwürfe zu Theil wurden. Niemand aber war so rücksichtslos in seinen Zornesäußerungen, als das Ausschußmitglied Ignaz Neurath; er rief dem Vorbeter zu: Ich weiß schon lange, wie es mit Dir steht, Du Lump, Du L. . . kerl! Löbel antwortete darauf erbittert: Neurath Flausen (Du Stolzer!), ich werde Dir schon den Herrn zeigen! Damit meinte Löbel, daß er Neurath wegen Ehrenbeleidigung verklagen wolle. Zuvor jedoch wollte er einige seiner Freunde als Zeugen haben, daß Neurath wirklich diese Worte gebraucht. Am anderen Tage beim Mincha- (Vesper-) Gottesdienste schritt der Vorbeter Leim Schlüsse des Gebetes von seinem Platze herab und fragte Neurath: Ist es wahr, daß Du mich Lump geheißen hast? Das war das Signal zu einem neuen Zanke, in welchen sich bald alle Anwesenden mischten, so daß ein Lärm entstand, in welchem man sein eigenes Wort nicht (eigene Worte des Angeklagten) hören konnte. Ein Placat des Bezirksamtes, welches angeheftet war, enthielt, mit Bezug auf mehrere Excesse, die aus Anlaß von Besitzstreitigkeiten in Betreff der Bethaussitze stattgefunden hatten, die Aufforderung zu ordnungsmäßigem Verhallen. Einer der Vorstandsmitglieder deutete darauf hin und sagte zu Löbel: „Du bist der Erste, der das verletzt, was der Herr Statthalter herabgegeben hat." Löbel, der sich in wahrem Zornesrausche befand, antwortete: „Stumm! Was geht mich der an? Bagatelle!" Mit Mühe wurde die Scene beigelegt, und nun fand als Nachspiel eine Schlußverhandlung gegen den Vorbeter statt. Diejenigen, welche die Anzeige erstattet, hätten wohl der Würde ihrer Gemeinde mehr genügt, die Asfaire nicht an die große Glocke zu hängen; überdies erreichten sie nichts, denn Löbel wurde schuldlos gesprochen, weil sich herausstellte, daß der Streit erst nach Beendigung des Gottesdienstes begonnen hatte. Die Iu-engasse in Frankfurt am Main. Auf diesem Erdball ist nichts von Dauer. Auch die hartnäckigste Existenz wird von dem Zahn der Zeit benagt. So ergeht es auch den alten Häusern in der bekannten „Judengasse" in Frankfurt am Main. Die alten Dächer beugen sich immer mehr zur Erde, die Wände haben längst tiefe Risse und die Fundamente zerbröckeln. Folgendes berichten die öffentlichen Blätter, wobei wir bemerken wollen, daß diese Judengasse jetzt nur noch wenig von Juden bewohnt wird, die es zur rechten Zeit verstehen, sich vor dem Zusammensturz alter Baulichkeiten zu retten, sobald ihnen das Thor dazu geöffnet ist. Es wird gesagt: Aus den städtischen Häusern in der Judengasse fanden im Laufe dieser Woche mehrfach Exmissionen statt. Die Möbel der von dieser Maßregel Betroffenen wurden in dem Hofe der Konstabler - Wache untergebracht. Die Exmittirten hatten keine Ursache, sich über die Strenge des Verfahrens zu beklagen. Schon voriges Jahr war ihnen von der Stadtkämmerei bedeutet worden, daß sie am 1. März die betreffenden Wohnungen, welche dem Abbruch geweiht seien, zu verlassen hätten. Da die Miether klagten, entsprechende Logis nicht finden zu können, so wurde die Frist bis Mai verlängert und erst dann, als keine Anstalten zum Ausziehen gemacht wurden, die Exmission vollzogen. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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