Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1867)
- Date
- 1867-05-28
- Page
- Seite 445 (sequence 17)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudcnthums. Feuilleton-Geilage zu ttr. 22. Leipzig, den 28. Mai 1867. Gallerie von Abgeordneten jüdischen Glaubens. 6. Michel Gondcheaur. Michel Goudcheaux stammt aus einer reichen Kaufmannsfamilie des Elsaß. Er wurde im Jahre 1797 zu Nancy geboren. Der frühzeitige Tod feines Vaters stellte ihn noch in sehr jugendlichem Alter an die Spitze eines großen Bankhauses, dessen Sitz er im Jahre 1826 nach Paris verlegte, wo er sich bald durch seine skrupulöse Rechtlichkeit in allen geschäftlichen Beziehungen einen höchst ehrenvollen Namen erwarb. Es wahrte auch nicht mehr lange, daß Goudcheaux sich für die Politik zu interessiren begann. Bei den letzten Wahlen unter der Herrschaft Karl's X. zeichnete er sich durch seine Thätigkeit in dem Wahlcomitö der Opposition aus. So schloß er sich der Julirevolutivn von ganzem Herzen an, und auch die Erhebung des Herzogs von Orleans zum König fand seine völlige Billigung. Er war einige Zeit lang Mitglied des Generalrathes des Departements der Seine und nahm bald darauf den Posten eines Kriegszahlmeisters in Straßburg an, auf dem er sich durch Rechtlichkeit und Geschicklichkeit höchst vorteilhaft auszeichnete. Aber die Eintracht mit der Regierung Louis Philipp's währte nicht lange. Sowie mit Casimir Porier die Partei der „bürgerlichen Tories", d. h. der constitntionellen Reactionäre am t3. März 1831 die Verwaltung des Staates übernahm, trennte Goudcheaux sich von der Politik des Ministeriums. Im Jahre >833 scheute er sich nicht, mit dem Minister, von dem er abhing, eine entschiedene Polemik über die Frage der Amortisation und Abtragung der Rente zu führen, während er zugleich die politischen Tendenzen der Regierung augriff. Die rücksichtslose Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, die Goudcheaux hier wie in allen anderen Lagen seines Lebens bewies, erbitterten die Machthaber immer mehr gegen ihn. Besonders als nach der Annahme des reactionären Vereinsgesetzes in den Kammern 1834 Ausstände zuerst in Lyon, dann auch in Paris, hierauf in Grenoble, Marseille, Luneville ausgebrochen waren, beschloß das Ministerium, in seiner Verwaltung keinen Widerspruch mehr zu dulden und setzte den kühnen Kriegszahlmeister ab. Dieser kam nun nach Paris zurück und schloß sich der entschiedensten Opposition an. Besonders legte er seine finanziellen Ansichten in dem demokratischen Blatt „Le National“ dar, in welchem er den schon begonnenen Kampf betreffs der Amortisation und der Conversirung der Rente fortsetzte. Auch verlangte er in diesem Journale die Erbauung und Uebernahme der Eisenbahnen durch den Staat, indem er sich mit Entschiedenheit gegen die Eisenbahngesellschaften und die Agiotage erhob, die mit ihren Papieren getrieben wird. An Broschüren veröffentlichte er in dieser Zeit: Brief an Herrn Humana über die Conversirung der fünfprocentigen Rente (1834), Brief an Herrn Humann über die Münzen (1884), Ueber den Gesetzentwurf betreffs der Verlängerung des Monopols der französischen Bank (1840). Diese Artikel und Schriften machten den Namen Goudcheaux allen Politikern bekannt, er wurde eine unbestrittene Autorität in Finanzsachen. Deshalb ernannte ihn nach der Februarrevolution die provisorische Regierung zum Finanzminister, und diese Wahl reichte hin, den Geschäftsleuten und Kapitalisten einiges Vertrauen einzuflößen, da sie von ihm weder Bankerott noch Assignatenausgabe oder sinnlose Verschwendung fürchteten. Um zu zeigen, daß die Republik fest entschlossen sei, ihren Verpflichtungen nachzukommen, ließ er die Vorausbezahlung der halbjährigen Zinsen der fünfprocentigen Rente anvrdnen. Mer das öffentliche Vertrauen entsprach doch seiner Erwartung nicht ganz; dazu drohte den Finanzen durch die socialistischen Beschlüsse der Regierung der ernstlichste Schade, und so legte er sein Amt schon am 6. April nieder, welches nun Garnier-Pages übernahm. Erst spät als Candidat des Seine-Departements (Paris) aufgestellt, erhielt er nur 68,000 Stimmen bei den allgemeinen Wahlen des 23. April; aber bei den Nachwahlen am 4. Juni wurde er mit 107,790 Stimmen zum Abgeordneten gewählt. In der constitnirenden Versammlung erhob er sich gegen die Nationalwerkstätten. Nachdem in den furchtbaren Junikämpfen die Partei der Ordnung den Sieg davon getragen hatte, berief der General Cavaignac ihn wiedernm in das Finanzministerium. Hier brach er mit den Plänen seiner Vorgänger Garnier-