Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1867)
- Date
- 1867-04-23
- Page
- Seite 348 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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348 mehr zu leiten. Die Parteien standen sich erbittert gegenüber. Die Linke, die in der Minderheit war. suchte jede Beschlußfassung zu Hintertreiben; „dringliche" und „höchst dringliche" Anträge wurden beständig gestellt, Lärmen und Unterbrechungen, Vorwürfe und Klagen aller Art störten die Berathung. Keinem Präsidenten gelang es wieder vollkommen, die Würde der Versammlung abermals herzustellen. Rießer aber verlor seine Rübe, er konnte sich nicht enthalten, auch wohl seinem Unwillen über das Treiben der Minorität Luft zu machen, und am Schluffe des Monats November erklärte er, nicht Kaltblütigkeit genug zu besitzen, um das Amt des Präsidenten weiter zu führen. (Schluß folgt.) Die jüdischen Kreise in der Stadt der Intelligenz. Moses Mendelssohn, Lessing, Kant hatten nicht vergebens ihre Worte erschallen lassen; die von ihnen ausgestreute Saat der Kultur und Bildung war nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen, und prangte in herrlicher Blüthe, hauptsächlich in den. Kreisen, welche noch bis vor wenigen Jahrzehnten der Kultur und Bildung am meisten verschlossen waren. Die Juden der Stadt der Intelligenz, wie Berlin zu Anfang dieses Jahrhunderts genannt wurde, gehörten damals fast ausschließlich zu denjenigen, welche für Kunst und Wissenschaft wahres und lebhaftes Interesse zeigten, die nahmhaftesten Gelehrten und Künstler verkehrten gern in ihren gastfreien Häusern, in denen als höchsteZierde die durch Geistes- und Herzensbildung sich auszeichnenden jüdischen Frauen in fesselnder Weise walteten; wir erinnern nur an Hinriette Herz, diese classische Schönheit, Dorothea Beit, Mendelssohn's begabte Tochter, die lieblichen Töchter des reichen Jtzig, eine Friedländer, Levy, Oppenheim u. A. Ein recht anschauliches Bild dieses geselligen Lebens entwirft der epochemachende Theolog Schleiermacher in einem Briefe an seine Schwester vom 4. August 1798 (Aus Schleiermachers Nachlaß 1, 191), anknüpfend an eine Madame Ungar, „welche eine eigene Pique gegen die Juden hatte," und ihrem Haß bei jeder Gelegenheit Luft machte. „So eben," schreibt Schleiermacher, „komme ich von der sich so nennenden reisenden Dame, die in ihren Briefen über Berlin der jüdischen Frauen so angelegentlich und so sonderbar gedenkt. Es ist Madame Ungar, eine ältliche, kränkliche, grämliche Frau, die Berlin gewiß seit vielen Jahren nicht länger als auf einige Tage verlassen hat. Warum sie so eine eigene Pique gegen die Juden hat, weiß ich selbst nicht, sie soll aber in ihr schon sehr alt sein. Daß junge Gelehrte und Elegants die hiesigen großen jüdischen Häuser fleißig besuchen, ist sehr natürlich, denn es sind bei weitem die reichsten bürgerlichen Familien hier, fast die einzigen, die ein offenes Haus halten und bei denen man wegen ihrer ausgebreiteten Verbindungen in allen Ländern Fremde von allen Ständen antrifft. Wer also auf eine recht ungenierte Art gute Gesellschaft sehen will, läßt sich in solchen Häusern einführen, wo natürlich jeder Mensch von Talenten gern gesehen wird und sich auch gewiß amüsirt, weil die. jüdischen Frauen sehr gebildet sind, von Allem zu sprechen wissen und gewöhnlich die eine oder andere schöne Kunst in einem hohen Grade besitzen ... Herzens sehen auf viele Fremde und es kommt nicht leicht ein merkwürdiger Mensch nach Berlin, der sie nicht besuchte, und auch hier sind sie in den ausgebreitetsten Verbindungen, aber sie halten doch nicht, was man ein offenes Haus nennt, und ich besonders bin meistentheils en Familie bei ihnen und vermeide es, große Gesellschaften dort zu sehen. Sie besonders, die Herz, schränkt ihre persönliche Bekanntschaft ein und wenn sie nicht des Mannes wegen müßte, so würde sie gewiß nur mit ein paar Menschen leben. Veits aber sind gar nicht in diese Klasse zu setzen und leben sehr eingezogen." Kuriosum. Eine Entführung und ihre Folgen. Der Bresl. Zeitung wird aus Radomsk in Polen die folgende Heirathsgeschichte geschrieben. Zwei sehr junge, außergewöhnlich schöne Mädchen mosqischer Confession sollten ohne jede Neigung im fast noch kindlichen Alter*) zwei Jünglinge von gleichem Alter von etwa 16 bis 18 Jahren heirathen, wie es die beiderseitigen Eltern unter einander verabredet hatten. Die Mädchen hatten jedoch die Bekanntschaft zweier russischen Offiziere gemacht, welche ihnen besser zusagten, und ließen sich von diesen nach Warschau entführen. Aber ihre Eltern setzten ihnen sogleich nach und beklagten sich bei dem russischen Gouverneur, dem General Berg, der ohne Weiteres die schuldigen Paare aufsuchen und vor sich bringen ließ. Bei dem Verhöre nun erklärten die Mädchen, zur griechischen Kirche übertreten zu wollen, und die Offiziere sahen sich genöthigt, in. eine wahrscheinlich nicht beabsichtigte Heirath einzuwilligen. Noch an demselben Tage wurden die verliebten Jüdinnen zu Christinnen gemacht und gleich darauf getraut, ihre Entführer aber gelangten durch dieses summarische Verfahren schneller in den heiligen Stand der Ehe, als sie jemals gehofft hatten.**) *> Nun, die Folge zeigt doch, daß sie bereits — sehr heirathsfähig waren! **> Dieses Verfahren wird die russischen Offiziere für die Zukunft wohl etwas vorsichtiger machen. Daß die Lehren der russischen Kirche den beiden Jüdinnen so schnell beigebracht werden konnten, zeigt, daß sie sehr einfach sein müssen! Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld, Verantwortlicher Redaktmr Dr. H. Lotze.