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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-04-09 · Heft 15 (9.4.1867) · p. Seite 305

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 15 (9.4.1867)
Date
1867-04-09
Page
Seite 305 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudcnthums. Feuilleton-Seilage M Ar. 15. Leipzig, den d. April 1867. Verschenkt! — Verkauft! Novelle. (Fortsetzung und Schluß.) Am andern Morgen ließ er den Rabbi Anselm kommen. „Freund, sagte er, Ihr wißt, ich bin durch Geschenk des Grafen Geroldstein in Besitz eines schön geschmückten Kästchens gekommen, in welchem ein wunderbar geschriebenes Dokument eingeschlossen liegt. Ich gestehe es Euch offen, ich vermag diese Schrift nicht zu lesen, nicht zu enträthseln. Die Züge sagen mir, daß es Eure heilige Schrift ist. Ich trenne mich ungern von diesem kostbaren Schatze. Oft schaue ich hinein, und die herrliche Malerei erquickt meine Augen, ergötzt weine Seele; sie blickt mich mit so sanftem Glanze, wie ein schönes Geheimniß an, das man nicht versteht, von dem man aber weiß, daß sein Inhalt und seine Form Trost und Erquickung in die bewegte Seele bringen. Andrerseits bedünkt es mich, daß ich nicht recht thäte, diese Urkunde der Vorzeit Euch wieder zu überliefern — versteht mich recht, nicht Euch persönlich, Rabbi, sondern diesen hartnäckigen Kindern Israels allen, die ihre Herzen verstockt halten vor dem Eingang der Gnade. Wer weiß, welche neue Kraft Euer Eigensinn aus dieser rätselhaften Schrift ziehet, denn der Künstler, der sie gearbeitet, muß eine große Begeisterung für die Heiligkeit des Inhalts in seinem Herzen getragen haben, und der, für den er sie gearbeitet, hat keine Kosten gescheut, um die höchste Pracht anbringen zu lassen. Schon die darauf verwendeten Farben haben einen ungeheuren Werth. Auf so Etwas verstehe ich mich; in meinem Kloster habe ich selbst Manuskripte nicht allein unter Händen gehabt, sondern auch verfertigt. Aber die Kirche ist in Bedrängniß. Da hört jedes Bedenken auf. Ich muß Geld, viel Geld haben, um den Schaden an unserem Dom wieder auszubessern. Wohlan, Rabbi, ich will den Schatz Euch verkaufen: wie viel bietet Ihr dafür?" Nach einigem Bedenken erwiderte Anselm: „Herr Bischof, ich rede eben so ioffett zu Euch, wie Ihr mich dessen gewürdigt habt. Auch ich kenne den Inhalt jenes Dokuments bis jetzt nicht, aber ich weiß von seinem Dasein, ich weiß, daß es eine heilige Ueberlieferung enthält, die ich mir gern zu eigen machen wollte, bevor ich diese lebensmüden Augen schließe. Aber ich fürchte, daß sie durch die Behandlung, die sie erfahren hat, daß sie geraubt, verschenkt worden und nun verkauft werden soll, an ihrem Werthe, an ihrer Segenskraft verloren hat; denn sie war bis dahin das geweihete Erbeigenthum einer hohen, verarmten und verbannten Familie gewesen. Und ohne diesen Gehalt, Herr Bischof, hat, so prächtig auch die Schrift sei, diese dennoch keinen allzugroßen Werth. Allein, ich denke so. Ihr, Herr Bischof, habt uns in unserer Roth beigestanden, und so sind wir auch verpflichtet, Euch in der Eurigen beizustehen. Wir haben daher nach unseren Kräften zusammengelegt, und da es uns nicht zukommt, zum Bau einer Kirche beizusteuern, bieten wir es Euch als Kaufpreis für das Kästchen da, es sind zwanzig Pfund Goldes." Der Bischof war von diesem unerwarteten Anerbieten sehr überrascht, eine helle Freude breitete sich über sein Antlitz und leuchtete aus seinen Augen. Bald aber schien er in einige Verlegenheit zu gerathen, sein Blick senkte sich, sein Haupt neigte sich auf die Brust. Es schien, als quäle ihn ein innerer Vorwurf. Doch nicht lange, so hatte er es überwunden. Freundlich sprach er zu Anselm: „Ich danke Euch, ich danke Euch vielmals für die bedeutende Gabe. Ihr könnt das Kästchen abholen." Anselm unterließ nicht, sobald er nach Hause zurückgelangt war, nach Menachem zu senden, um ihn von dem Rückkauf des Kästchens mit seinem kostbaren Inhalte zu unterrichten. Allein der Bote kam zurück und meldete, daß Menachem, der zum Grabe seines Vaters gewallfahrt, noch nicht wieder zurückgekehrt sei. Es konnte dies nicht auffallen, da er wahrscheinlich zum Schutze vor dem fürchterlichen Ungewitter bei Lämle eingekehrt sei. Anselm und sein Sphn sahen es so für geboten an, sich zum Empfang des geheimnißvollen Pergaments in frommer Weise vorzubereiten, denn obschon sie glaubten, daß jenes durch die Hände, durch welche es gegangen, und den Handel, dem es unterworfen gewesen, an Heiligkeit verloren habe, meinten sie, Nichts verabsäumen zu dürfen, was dem unentwegten Kleinod gebührt hätte und vielleicht im Stande wäre, seine Reinheit

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