Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1867)
- Date
- 1867-04-02
- Page
- Seite 288 (sequence 20)
- Language
- German
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288 gab und ungestüm Branntwein begehrte. Doch mit dem ihnen dargereichten Branntwein nicht zufrieden, ergriffen die Tumultuanten den ganzen vorhandenen Branntwein, Flaschen und Gläser, zerbrachen und vernichteten Alles, rissen den dort befindlichen Semmelschrank ab und zertrümmerten damit sämmtliche Fensterscheiben der Parterrewohnung. Von hier aus giug's zum Spezereihändler Jakob Kornstreicher, um den Kantor Bellak zu suchen. Sie fanden ihn nicht. Doch um nicht vergeblich den Weg hierher gemacht zu haben, ergriffen sie einen halben Metzen „Gerstel" und Spezereiwaaren und streuten sie auf die Gaffe. Das nächste Ziel war der Jude Adalbert Hirschenhauser. Die vier Haupträdelsführer drangen in die Wohnung, riffen eine sie hindernde Gitterthüre im Vorhause aus, warfen zwei Geschirrkästen um, stahlen daselbst 3 goldene Ringe und eine Geldbörse mit 4 Gulden, die sich auf dem Tische befanden, zertrümmerten und beschädigten noch sämmtliche Einrichtungsstücke. Das energische Einschreiten des Bezirksvorstehers und Bürgermeisters that weiterm Vordringen Einhalt und die Tumultuanten entfernten sich aus der Judengasse. Doch plötzlich ertönte auf Geheiß des Jamnitzer Gerichtshalters Trommelschlag, der sämmtlichen Fremden befahl, die Stadt zu verlassen. Anders deuteten dies die Tumultuanten. Für sie galt dies als der Befehl, zum zweitenmale über die Juden herzufallen. Und wirklich drang jetzt eine mit Windesschnelle anwachsende Menge in die Judengasse vor, riß daselbst das sich dort befindende Wächterhaus nieder, drang in das versperrte Gewölbe des Kaufmanns Joachim Kornstreicher, woselbst die Thüren zerbrochen und die vorhandenen Waaren gestohlen wurden. Die Excedenten zerschlugen sämmtliche Fensterscheiben in der Judengasse und rissen sodann die Fenster der Synagoge und des Schulhauses aus, wobei sie wieder sämmtliche Glastafeln zertrümmerten; zuletzt begaben sie sich noch zum Wirthe Samuel Kohn in Fodoly, in nächster Nähe von Jamnitz, wo sie unter Drohungen Essen und Trinken begehrten, was ihnen gewährt wurde. Ju 22 Häusern der Jndeugasse, in der Synagoge und im Schulhause waren sämmtliche Fensterscheiben zertrümmert; der augerichtete Schaden belief sich auf 1300 fl. Auf diesen Thatbestand fußend, erhob der Staatsanwalt gegen 7 der 12 anwesenden Angeklagten die Anklage der Lfsentlichen Gewaltthätigkeit, der boshaften Beschädigung des fremden Eigenthums und des Diebstahls; gegen 5 derselben die Anklage wegen Mitschuld an diesem Verbrechen. Dem Anträge des Staatsanwalts gemäß verurtheilte der Gerichtshof die Angeklagten: 1. Nevecny Jakob zu einer schweren Kerkerstrafe in der Dauer von einem Jahr und drei Monaten, verschärft mit einem Fasttage in der Woche; 2. Harer Franz zu einem Jahr und zwei Monaten schweren Kerkers mit einem Fasttage in der Woche; 3. Kacenka Caspar zu einem Jahr und zwei Monaten; 6. Peri Franz zu einer schweren mit einem Fasttage in jeder Woche verschärften Kerkerstrafe in der Dauer von einem Jahr und einem Monate; 5. Tesarz Eduard zu acht Tagen Arrests; 6. Walla Franz und 7. Strafst Jacob zu je einer achttägigen, mit einem Fasttage verschärften Arreststrafe; 8. Hatovy Martin zu drei Tagen Arrests. Simandl Jacob und Rind Jacob werden wegen Mangel an Beweisen freigesprochen, Uher Joseph und Zelezny Matthias schuldlos erklärt. Mrtva Franz und Mandat Caspar verbleiben, der Erste wegen Versuch des Mordes, der Zweite wegen Diebstahls, in fernerer Untersuchung. Sämmtliche Verurtheilte erklären sich mit dem Urtheile zufrieden. Kuriosum. Auch ein ptar-otzer für die Lmancipation der Juden. Aus Pest erhält die „Debatte" durch einen Correspondenten Kenntniß von einem dieser Tage an Franz Deal gelangten Schreiben, in welchem eine Dame ihrer Sympathie für die Emancipation der Juden in Ungarn in einer so heiteren, naiven Weise Ausdruck verleiht, daß wir diesen Brief schon seiner orginellen Pointe wegen gerne reproduziren. „Es ist wahr" — so heißt es in diesem Briefe — „daß die Juden bei der vorgestrigen Illumination gerade so eifrig und freudig wie die ganze sonstige Bevölkerung beleuchteten, und daß sie auch das ungarische Wappen und die ungarische Krone illuminirten; bei der letzteren aber hatten sie das Kreuz entfernt. Ich hebe das letztere nicht hervor, weil ich etwa eine Judenfeindin wäre. Gott bewahre. Ich war im Gegentheil stets dafür, daß man auch den Juden alle Freiheiten des Landes gewähre; ich wäre also auch heute für eine vollständige Emancipation der Juden, nur sollten sich diese — taufen lassen! (Die liebe gute Dame!) In Locle bei Chaux-de-Fonds lebt ein Greis, Moses Weill, der, im Januar 1767 geboren, nun sein hundertstes Jahr zurückgelegt hat. Er befindet sich wohl, nur seine Augen sind schwach geworden. Noch vor kurzem hausirte er mit Waaren bis auf die Berge. Die Ortssteuer ist ihm aus Achtung vor seinem hohen Alter erlassen worden. Notiz. Nach den Ermittelungen des preußischen Consuls zu Jerusalem wohnen gegenwärtig daselbst 7100 Juden, 5000 Muhammedaner und 3400 Christen. Die Juden bilden also jetzt die Mehrheit der Bevölkerung, die zusammen 15500 Seelen beträgt — so geschwunden ist also die Herrlichkeit der heiligen Stadt, die einst zur Osterzeit Vj* bis 2 Millionen Menschen in ihren Mauern und um dieselben sah, als die Söhne Juda's noch im Lande ihrer Väter saßen. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur DL*. H. Lvtze.