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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-04-02 · Heft 14 (2.4.1867) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 14 (2.4.1867)
Date
1867-04-02
Page
Seite 285 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feuilleton-Mlage M tlr. 14. Leipzig, den 2. April 1867. Verschenkt! — Verkauft! Novelle. (Fortsetzung.) 7. Doch lange konnte Menachem nicht harren. Es drängte ihn unwiderstehlich, das Grab seines Vaters zu besuchen; es ließ ihm Tag und Nacht nicht Ruhe; selbst in seine Träume mischten sich bald furchtbare Gestalten, die ihn mit Verderben und Höllenstrafen bedrohten, wenn er nicht alsbald jener heiligen Pflicht genüge, bald lichte Wesen, seine Mutter selbst, die ihn dahin lockten mit seligen Verheißungen. Er entschloß sich daher, nach Wasendorf zu gehen, auch ohne das Kästchen. Er redete sich bald ein, daß er dort die Mittel finden würde, um das Kästchen wieder zu erlangen. Er nahm daher eines Tages Abschied von Frau und Kindern, indem er ihnen anzeigte, wohin er gehe. Hanna rieth ihm noch, Läinle zu vermeiden, da der Narr einen unüberwindlichen Wiverwillen zeige, irgend Jemand in die Schlucht eintreten zu lassen, wo der kleine verfallene Friedhof sich befand, ja in wahre Wuth gerathen sei, als sie die dortigen Gräber hatte besuchen wollen. Viele Tage schon hatte eine furchtbare Hitze diesen Sommer vor vielen seiner Vorgänger ausgezeichnet. Die Sonne wandelte glühend Tag für Tag an dem krystallblanen Himmel ihre Bahn. Die Erde war verdorrt, das Wasser in den Bächen und den Flüssen fast versiegt, Thier und Menschen schmachteten vom frühen Morgen an, bis der Abendthau einige Erfrischung brachte. Aber am Tage, wo Menachem sich aufgemacht, war die Gluth unerträglich geworden, sie hatte sich in die äußerste Schwüle verwandelt, welche jeden Schritt auf der Heerstraße zu einer Arbeit machte. Aber Menachem achtete hierauf nicht; seinen aufgeregten Gefühlen, seinen verworrenen Gedanken hingegeben, dachte und empfand er nichts Anderes, als zum Grabe seines Vaters zu gelangen. Ein weißer Duft begann die Luft zu erfüllen und die tiefe Bläue des Himmels lichter zu färben. Kleine graue, flockenartige Wölkchen begannen hier und da am Horizonte zu erscheinen, und endlich hob sich langsam am Saume des Himmels eine dunkle Wolke. Menachem achtete dies nicht. Er kam gen Wasendorf. Es war das erste Mal, daß fein Auge auf das schaurige Trümmerfeld fiel, und unter den Schatten einer uralten Eiche tretend, hingen seine Augen lange Zeit an den Ruinen, und suchten aus der weiten, wüsten Masse Einiges herauszufinden, was seinem Gedächtniß Anhalt gäbe, um sich zu orientiren und den Schauplatz seines Knabenalters wiederzuerkennen. Plötzlich aber fiel ihm der Zweck wieder ein, um desientwillen er gekommen, und er eilte weiter. Allein die Gegend hatte sich doch verändert. Es war alles wüst geworden, der Natur, dem wildwuchernden Gestrüpp und Unterholz überlassen, Felder und Obstbäume verschwunden, Wege und Pfade längst unkenntlich geworden. Der Wanderer verirrte sich mehrmals, versenkte sich tiefer in den Wald, schlug eine falsche Richtung ein, hielt erst, plötzlich durch eine Quelle oder einen uralten Baum oder ein übermoostes Gestein an seinen Jrrthum gemahnt, still, um den rechten Weg zu bedenken und wieder aufzufinden. Es geschah dies um so leichter, als jetzt in Menachem der Gedanke an die heilige Urkunde im Kästchen wieder aufgetaucht war, und ihm nun quälende Fragen entstanden: ob es auch recht und nützlich sei, daß er ohne diese Heiligthümer auf dem Grabe erscheine? Eine überaus bittere Empfindung ging durch sein Herz: daß gerade er bestimmt gewesen sei, dieses Erbgut seiner Väter zu verlieren. Er ging in Gedanken sein Leben durch, und fand von Stelle zu Stelle desselben Nichts als unverdientes Mißeschick von dem Tode seines Vaters und der Zerstörung Wasendorfs bis auf die Ereignisse im Speyerer Wald und den Kerker auf Geroldstein. Wie immer, vergaß dieses Menschenherz in dieser^Stunde der Beängstigung aller der zahllosen Tage des Friedens, der ruhigen Arbeit und Freude, der Gesundheit und Sorglosigkeit, welche zwischen jenen Felsklippen des Lebens liegen, all' der günstigen und unverdienten Vorthcile und Genüsse, welche das Geschick ihm in der langen Reihe von Jahren zugesendet hatte. Bald aber wurde diese Anklage des Geschickes wieder zur Stachel der Selbstanklage. Hast du wirklich jenes Kleinod vertheidigt, rief er sich zu, wie du konntest und solltest? Wo ist der Tropfen Blutes, der

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