Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-03-05 · Heft 10 (5.3.1867) · p. Seite 205

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 10 (5.3.1867)
Date
1867-03-05
Page
Seite 205 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226592--24752-3260222
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feililleton-Seilage M Ar. 10. Leipzig, den 5. März 1867. Verschenkt! — Verkauft! Novelle. (Fortsetzung.) Bon welcher Gerechtigkeitsliebe und Menschenfreundlichkeit der Bischof Johansen sich auch leiten ließ, so lagen doch auch in seinem Charakter gewisse Affecte, die seinen Handlungen nicht fern blieben. Er war vor Allem Bischof, und was die Pflichten und Rechte dieses Amtes nur irgend berührte, faßte er mit unerschütterlicher Festigkeit auf. Es konnte ihm in dem gewaltigen Kampfe, der sich zwischen den Mächten der Zeit erhoben, niemals zweifelhaft sein, daß die Kirche nicht zurück könne, daß sie vorwärts müsse, daß sie sich unterthan zu machen habe, was ihr entgegen stehe; davon hänge ihr Bestand, ihre Wirksamkeit ab. Ob der beschrittene Weg der rechte sei, ob er, wenn die weltliche Macht erst vor dem Stuhle Petri in den Staub gesunken, zum Verderben der Kirche selbst führen werde, da jede irdische Macht nur ihre Zeit haben kann und in ihrem unbedingten Siege stets der Anfang ihres Niedergangs liegt — wir glauben nicht, daß der Bischof von Speyer ein klares Bewußtsein hierüber gehabt — aber er sah die Kirche auf diesem Wege, und wußte, daß sie ihre Gegner nicht schonen, was sich ihr entgegenstelle, bei Seite schaffen müsse. Damit stimmte denn auch seine Persönlichkeit überein. Man steigt nicht aus niederem Stande zu hohem Amte, zu glänzender Würde herauf ohne Ehrgeiz, ohne Stolz, ohne mit ganzer Kraft des Geistes dem anzugehören, was man geworden. Wenn eine solche Erhöhung nicht durch Zufall und Jntrigue, sondern durch Arbeit, Talent und Ausdauer errungen worden, so bildet sich ein fester Charakter, der streng seine Pflichten erfüllt, wie er diese begreift, aber auch nicht minder streng in seinen Anforderungen an Andere ist. Es versteht sich daher von selbst, daß Johansen nicht im Entferntesten daran dachte, sich dem Willen des kaiserlichen Voigtes oder den Ansprüchen und Wünschen des Magistrats zu fügen. Er hatte den Vogel gefangen, und zwar in dem Augenblicke, als er seine räuberischen Krallen gegen ihn ausgestreckt — so habe auch kein Anderer das Recht, diesem die Federn auszurupfen. Vielmehr sah Johansen in der ganzen Situation eine Gelegenheit, wie sie leicht nicht wiederkäme, das Vermögen der noch sehr dürftig ausgestatteten bischöflichen Kirche zu vergrößern und zugleich das bischöfliche Ansehen auszudehnen, ohne von irgend einer Seite her die Anschuldigung der Gewaltthätigkeit und der Beeinträchtigung Anderer fürchten zu dürfen. Er beschloß daher, wo möglich dem Drängen der beiden anderen Parteien zuvorzukommen, und mit dem gefangenen Grafen selbst zu verhandeln. Er ließ ihn vor sich kommen. Zwei Tage Gefängniß hatten den Trotz Geroldstein's wenig gemindert, und wie er dem Bischof gegenüberstand, brachen nngeschwächt Haß, Wuth und Stolz aus seinen Augen hervor, und sein aufgeworfener Mund verrieth die ganze Verachtung, die er in seinem Herzen für den Mann niederer Abkunft hegte, selbst wenn dieser mit dem bischöflichen Pallium bekleidet war. Aber auch des Bischofs Erscheinung besaß des Jmponirenden genug. Seine hohe, von strenger, enthaltsamer Lebensweise und vieler Andachts- und Bußübung etwas magere und markirte Gestalt., hatte eine würdevolle Haltung; das ruhige, von höherer Weihe gekennzeichnete Antlitz, die großen, ausdrucksvollen Augen, welche ein über das Gewühle der Menge erhobenes Gemüth bezeugten, fesselten unwillkürlich die Leidenschaften des Gegners. Die Beiden sahen einander eine Zeit lang stumm an, und die Folge dieses Austausches von Blicken war, wenigstens für den Moment, daß sie gegenseitig ihre Gefühle auswechselten, daß das Antlitz des Bischofs den Ausdruck der Mißachtung vor dem wüsten Manne annahm, der vor ihm stand, und der Blick des Grafen den unwillkürlichen Respekt kundthat, den ihm dieser, so hoch über ihm stehende Geist einflößte. Wir sagen für den Moment, denn in dem Gemüthe eines in Stolz und Frevel grau gewordenen Menschen haften andere Gefühle als seine Leidenschaften nur wenige Augenblicke. „Ihr seid mein Gefangene^, Herr Graf," hob der Bischof an. „Ich weiß es," lautete die kurze Antwort. „Ihr seid mit den Waffen in die Wohnung des Bischofs gedrungen, oder vielmehr, als Ihr zu friedlicher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.