Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1867)
- Date
- 1867-02-26
- Page
- Seite 181 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226591--24727-3260196- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Allgemeine Zeitung -es Zn-enthnms. Feuilleton-Beilage jtt Nr. 9. Leipzig, den 26. Februar 1867. Ueber Erziehung. Ein Srief an eine Dame. iSchluß.) Ihre besondere Frage geht dahin: wie hindert man in einem Kinde das Erstarken einer Leidenschaft? Es zeigt sich z. B. schon im zartesten Alter des Kindes eine Neigung zum Eigensinn, zur Hartnäckigkeit, zum Ungehorsam, zum Trotz. Auf welche Weise nun bewirkt man, daß diese Neigung sich nicht entwickele, nicht zur Leidenschaft werde, nicht eine unbändige Energie gewinne, die für das ganze Leben vorherrschend werde? . . . Sie haben Recht, verehrte Frau: diese Neigung ganz feindselig zu behandeln, sie ausrotten zu wollen, wäre ein gefährliches Unternehmen, denn sie ist doch die Wurzel der Selbständigkeit, der Festigkeit, des Charakters, also eines Gutes von unschätzbarem Werthe. Es ist dies eine sehr richtige Ansicht; aber noch gerechtfertigter scheint mir die, daß die Ausführung einer solchen Absicht in den meisten Fällen sich als unmöglich erweisen wird, wenn nicht in allen. Die Leute haben gut den Grundsatz aufstellen : in principiis obsta, d. h. bei den Anfängen tritt entgegen, widersetze dich von Beginn an, unterdrücke das Uebel in den Keimen. Versucht man dies, so kann der Erfolg ein zwiefacher sein; entweder es gelingt scheinbar, d. h. der Eigensinn, die Hartnäckigkeit, der Ungehorsam und Trotz verschwinden, um der Verstellung, der Hinterlist, der Tücke Platz zu machen. Das Kind fühlt heraus, daß es der Gewalt nicht widerstehen könne, daß es ihr weichen müsse, aber es sucht sich schadlos zu halten durch Umgehung, durch Ueberlistung heimlich zu erhalten, was es offen nicht erzwingen kann. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß dies das unseligste Resultat ist, daß offenmüthiger Trotz unendlich viel besser als heuchlerische Nachgiebigkeit ist. Oder aber der Erfolg ist, daß der kindliche Eigensinn nicht nachgiebt, daß er alle möglichen Zwangsmittel herausfordert und erschöpft, daß er immer stärker und stärker wird, das Gemüth des Kindes verbittert, das Verhältnis mit jedem Jahre schlimmer, endlich unheilbar wird. Dies ist der Erfolg des auch in der Erziehungskunst geltend gemachten Grundsatzes „in principiis obsta“, der die Menschenseele von einer rein mechanischen Seite auffaßt. Aus dem Gesagten können Sie meine Ansicht so ziemlich schon herauserkennen. Was ich übrigens oben vom Eigensinn gesagt, gilt von jeder Leidenschaft, die sich in der Seele des Kindes zeigt und entfaltet. Lassen Sie mich zu meiner Unterstützung ein Bild nochmals aus der Kunst der Gartenpflege entnehmen. So lange die Pflanze noch klein und zart, so lange der Schößling noch im Aufsprießen ist, hütet sich der Gärtner wohl, ihm einen Stab an die Seite zu stecken und ihn an denselben festzubinden. Dies thut er erst, wenn der junge Baum oder das Rankengewächs schon eine bedeutende Höhe erreicht hat, so daß seine Wurzel tiefer in den Boden gegangen, und seine Rinde hart genug geworden, um ein starkes Band ertragen zu können, ohne daß der feine Bast und das Mark im Innern verletzt werde. Während des zarten Alters der Pflanze hat der Gärtner nur die Obacht, alles Schädliche von ihr abzuwenden, fruchtbaren Boden und Feuchtigkeit ihr genug zu geben. So hat auch der Erzieher zu verfahren. Das gute Beispiel, die reine sittliche Lust, in der das Kind aufwächst, das sind die Zuträglichkeiten, die ihm verschafft werden müssen. Es ist ein Wahn, daß für Kinder im zarten Alter die Urngebung und die Vorgänge in ihr noch gleichgiltig wären. Gerade im Gegentheil. Nicht blos die ersten Vorstellungen, die ersten Begriffe, sondern alle die ersten seelischen Bilder, welche bei dem Erwachen des geistigen Lebens weckend und bestimmend, in mancher Beziehung entscheidend wirken, zieht das Kind schon im allerersten Alter aus seinen nächsten Umgebungen. Lange bevor das Kind das Wort, das es mit seinem Ohre aufnimmt, versteht, hat es durch seine Augen ein Verständniß von dem gewonnen, was um es vorgeht. Zweifeln Sie daran? Sehen Sie ein Kind vor einer Geberde, vor etwas Fremdem, vor irgend etwas Plötzlichem erschrecken, sich fürchten, in Weinen ausbrechen — es ist ein Verständniß durch das Auge. Die Menschen, die ein Kind umgeben, müssen vom ersten Beginne an sich in Acht nehmen, vor dem Kinde etwas Unsittliches, Unlauteres vorzunehmen, Liebe, Gerechtigkeit und Frieden müssen es von Anfang an umgeben. Dies ist das rechte Handeln a principiis.