Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 39 (20.9.1864)
- Date
- 1864-09-20
- Page
- Seite 614 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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614 gliede des Comites Dr. Silberzweig. Sie sehen also, daß der Streit ein hitziger ist und daß es an tüchtigen Kämpfern nicht fehlt. Die Broschüre ist im edelsten Geiste abgefaßt und entlehnt ihre Argumente vom einfachen Menschenverstände, von der Begeisterung für Recht und Wahrheit und von der Geschichte, und dies sind Gründe, mit denen es sich leicht, gegen welche es sich schwer streiten läßt. Die Anschuldigungen des Herrn Holban sind die alten: die Juden hätten sich des Handels in den Donaufürstenthümern bemächtigt und die Rumänen sollten zuschen, daß sie nicht die Heloten derselben werden; die Juden seien Fremdlinge und könnten also keine Rechte fordern; die Juden seien die Avantgarde des Germanismus und davor sollten sich die Rumänen schützen. Dr. S. weist darauf hin, daß Griechen, Armenier und Bulgaren den bei weitem größeren Theil des dortigen Handels innehätten und viel größere Reichthümer besäßen als die Juden, welche mit geringer Ausnahme ihr tägliches Brot im Schweiße ihres Angesichts erwerben. Er sagt: „Mein Herr, täglich sehen Sie vor Ihrer Thür einen Knaben, der eine Karre zieht, um Ihnen Früchte zu verkaufen, dieser Knabe ist ein Israelit; Sie sehen einen Mann, der auf seinen Schultern schwere Steine schleppt, um Ihnen ein Haus zu bauen, auch das ist ein Israelit; Sie treten in ein Magazin, um einen Anzug auszusuchen, irgend einen Luxusgegenstand, welcher Ihrem Geschmacke entspricht, welcher Ihre Wohnung ziert, ein Israelit ist es, der es Ihnen bringt; und wenn Sie, mein Herr, in Verlegenheit sind und Sie brauchen den nervus rerum, den man Geld nennt, so ist es wieder der Israelit, der es Ihnen gibt." Er erinnert daran, ob man in Frankreich, England, Rußland, Oesterreich, Amerika u. s. w. einem Rumänen verweigert, den Handel zu betreiben, weil er Rumäne oder griechisch-katholisch sei? Und mit welchem Fug die Rumänen dieses Recht den Bewohnern dieses Landes, welcher Nationalität und Religion sie seien, verweigern könnten? Er sagt: „Wie! Sie geben Euch ihre Söhne, um auf dem Schlachtfelde zu kämpfen, sie bezahlen alle die Steuern, die ihnen aufgelegt werden, ebenso gut wie die Einwohner anderer Confessionen, und Ihr nennt sie Fremdlinge? Was kann man mehr thun, um in Ihren Augen den Namen Bürger zu verdienen? Wenn Sie z. B. nach Frankreich, England, Preußen, Rußland, Oesterreich, Amerika kommen und Sie fordern die Bürgerrechte, so wird man Ihnen sagen: Naturalisiren Sie sich! und wenn das geschehen ist, so setzt man Sie in den Genuß aller Rechte ebenso gut wie jeden anderen Bürger ein. Aber wenn ein fremder Israelit sich hier niederläßt, was würde er in Ihren Augen durch diesen Act gewinnen? Würde er dadurch in dieselbe Kategorie wie die Bürger der andern Confession nach Ihrer Meinung kommen? Nein! Er würde die Pflicht haben, die Steuern zu bezahlen, er würde dem Gesetze der Conscription unterworfen sein; hätte er aber dadurch das Recht, Grundstücke zu kaufen? Würde er dadurch ein öffentliches Amt bekleiden können? Würde er dadurch die politischen Rechte erlangen? Nein! Und Sie hören nicht auf zu schreien, daß die Israeliten einen Staat im Staate bilden, eine Corporation für sich. Wenn Sie wollen, daß die Israeliten als Fremde Bürger werden, so erheben Sie Ihre Stimme, daß man ihnen dieselben Rechte gibt, welche die Bewohner jeder anderen Confession besitzen! Die Juden sind keine Avantgarde des Germanismus. Dieser braucht keine Avantgarde. Zahllose Rumänen erhalten ihre Ausbildung in den verschiedenen Ländern und sie müßten dann alle als die Avantgarde aller dieser Länder bezeichnet werden. Herr Holban habe seinen Unterricht in Frankreich erhalten, aber er sähe nicht darnach aus, eine Avantgarde Frankreichs zu sein. Wenn er aber wissen wollte, wovon die Israeliten zu aller Zeit die Avantgarde gewesen seien, so soll er die Bibel und die ganze Geschichte der Juden lesen, und er würde erkennen, daß diese vie unsichtbare Avantgarde der Freiheit sind. Dr. S. sagt hier: „Lesen Sie die Bibel mit Aufmerksamkeit und als Philosoph, und Sie werden erkennen, daß Moses nicht allein der Gründer einer neuen Religion, der Gesetzgeber eines Volkes und ein Kriegsheld war, sondern auch, daß er der erste gewesen ist, der die Rechte der Menschen, die individuelle Freiheit und die Gleichheit vor dem Gesetz verkündet hat. Solange sich das Volk in einem engbegrenzten Vaterlande befand, entwickelten sich diese Principien nur in seinem Schoße, aber nachdem es den Boden seiner Unabhängigkeit verloren hatte, nachdem es verurthcilt war, von Land zu Land zu irren, brachte es diese Kleinodien mit sich wie ein Erbstück, das ihm das sterbende Vaterland vermacht hat. Und so hat es als treuer Sohn die Befehle seines Testaments ausgeführt. Ueberall, wo es hinging, ließ es ein kleines Körnchen zurück, welches gute Früchte hervorbrachte." — Sie sehen, Herr Redacteur! daß die Lehren, zu deren ersten und ausdau-