Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1864)
- Date
- 1864-04-19
- Page
- Seite 256 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Institut veröffentlichte, erschien so recht a propos. Bei uns in Oesterreich ist jetzt der Bann oder was dem ähnlich ist — da das Gesetz die Verhängung des Bannes verbietet — so ziemlich en vogue. Herr Dr. Hildesheim, der sich nur in gewissen Kreisen einen Namen gemacht, hat eine Erklärung gegen die Herren Mannheimer und Horwitz „losgelassen", dafür wurde er wieder und manche der Subscribenten von ungarischen Rabbinen, darunter, wie ich höre, ein gewisser Hillel Letsch, in den Bann gethan. Ich bekenne aufrichtig, dieser R. Hillel scheint, wenn auch sehr beschränkt, doch konsequent zu sein. Er steht auf dem Standpunkte des selig. R. Moses Sofer und dieser hat es verboten, deutsch zu lesen und zu schreiben, und wer sich gegen dieses Verbot versündigt, vergeht sich gegen das jüdische Gesetz und gehört zu den Reformern, an deren Institutionen ein orthodoxer Jude sich nicht betheiligen darf. Er empfiehlt daher in seinen Schriften, daß die Juden nur jüdisch reden und jüdisch schreiben, wie dieses noch anno dazumal der Fall war. Und wahrlich, es dürfte nicht lange dauern und der größte Theil jener 121 protestantischen Rabbinen, die deutsch schreiben, werden das Bußgewand anlegen müssen, um Gnade und Verzeihung zu erhalten. Doch es war nicht meine Absicht, über Schaumblasen, wie sie öfters erzeugt werden, zu sprechen. Wir wollten nur die Einsichtigen an den Satz des alten Hillel erinnern b* und gehen nun zu unserm Gegenstände über. Zuvörderst will ich bemerken, daß die weltlichen Behörden öfters den Juden die Macht gegeben haben, den Bann zu verhängen, weil dieses so zu sagen das einzige Compellirungsmittel war, um die Ungehorsamen zum Gehorsam zu zwingen (vergleiche unsere Judentaufen in Oesterreich S. 41). Der Bann wurde ferner nicht nur bei internen sondern auch bei externen Angelegenheiten angewendet. So hat z. B. der mährische Landesrabbiner Moses Aron Lemberger im Jahre 1756 im Austrage der Kaiserin Maria Theresia den Bann über jüdische Spione ausgesprochen (vergl. meine „Historische Bemerkungen" Leu Chanauja 1862, S. 89). In derselben Weise gestattete die Kaiserin, daß der Bann bei der Eintreibung der Judensteuer verhängt werden könne, da er bisher so gute Dienste geleistet habe. Es gab jedoch Zeiten, wo der Bann seine Macht und Gewalt verloren hatte und die Juden sich um denselben nicht kümmerten. In meinen Vorlesungen im hiesigen Bet.- hamidrascli: „Die Juden in der Leopoldstadl (in Wien) im 17. Jahrhundert" citirte ich eine Bittschrift der Aeltesten und Vorsteher der Gemeinde im I. 1634, in welcher sie den Kaiser Ferdinand II. bitten, daß es ihnen gestaltet werde, einen Kerker zu errichten, um diejenigen, die sich gegen die Gebote des Rabbiners oder gegen die Anordnungen der Vorsteher auflehnen, zu bestrafen. Sie beriefen sich darauf, daß auch in Prag, wo die Juden in ähnlicher Weise widerspenstig waren und der Bann ganz wirkungslos war, ein Kerker errichtet wurde. Dieser Eingabe nach, wenn wir nicht annehmen wollen, daß die Petenten vorsätzlich grau in grau malten, um desto größer einen Erfolg zu erzielen, scheinen die jüdisch-religiösen Zustände jener Zeit nicht sehr erfreulich und erquicklich gewesen zu sein. Herr Rabbiner Wiesner führt Krochmal rc. an, über die der Bann in neuester Zeit 1816 verhängt wurde. Es dürste nicht ohne Interesse sein, zu erfahren, daß zu jener Zeit auch der Großmeister der jüdischen Wiffenschast, Rappaport, von Rabbiner Orenstein in den Bann gelhan wurde. Wir geben das Document in deutscher Uebersetzung, wie es uns vorliegt, wieder: „Liebe Brüder in Israel! Es ist bekannt, daß seit einiger Zeit sich Cultur und Bildung wie auch die Erlernung der deutschen Sprache unter uns zu verbreiten anfängt. Die Hauptschuldigen in dieser Sache sind zwei hier bekannte junge Leute, Salomon Rappaport und Hirsch Natkes. Diese declamiren öffentlich die Bibel mit rein deutscher Uebersetzung samml Commentar vom Philosophen Moses Mendelssohn, auch empfehlen sie allen ihren Freunden und Bekannten, sich den Wissenschaften und den Sprachen zu widmen. Daher mit Bestimmung der Thora und frommer Talmudisten über Gedachte sammt ihren Verehrern und Anhängern der große Bann ausgesprochen wird. Zugleich verbannen wir auch vor beiden Welten alle, die sich der deutschen Sprache widmen. Niemand darf mit ihnen reden, sich ihnen nähern" rc. Wie bekannt, hat dieser Bann dem nun gefeierten Manne nicht geschadet. Er steht heute im Greisenalter, das der Herr ihm noch lange gönnen möge, als ein wackerer Streiter für jüdische Wissenschaft, eine Zierde unseres Volkes da. Wir hoffen, daß auch der Bann, den R. Hillel rc. ausgesprochen haben, ohne Folgen für die Betreffenden sein wird, wenn sie auch keine Rappaporte sind.