Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1864)
- Date
- 1864-02-16
- Page
- Seite 117 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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117 Oesterreichischer Kaiserstaat. Krakau, 29. Januar. (Privatmitth.) Abermals ist hier eine der wichtigsten Lebensfragen für die jüdische Gemeinde zum Austrage gekommen, und zwar so, daß sich die Hoffnungen auf eine Besserung und Hebung des Geistes gänzlich verfinstern und die chassidische Partei sich einen neuen Sieg zuschreiben kann. Es handelte sich um die Besetzung der durch den Tod des sel. Lewizki vacanten Directorstelle an der hiesigen israelitischen Hauptschule. Es bewarben sich um dieselbe Herr P. Baranek, der seine wissenschaftliche Bildung auf dem Seminar zu Breslau sich erworben, und Herr Winter, der sich schon dadurch genugsam kennzeichnet, daß er an der hier vom Rabbiner allsabbathlich gegebenen dritten Sabbathmahlzeit, bei welcher das Trinken und das Springen und Tanzen auf Tischen und Bänken nach chassidischer Sitte zur Tagesordnung gehört, beständig Theil nimmt. Der letztere wurde daher trotz der Opposition der deutschen Gemeinde zum definitiven Director gewählt. Dieser kann man jedoch zum Vorwurf machen, daß ihre Opposition nur eine sehr schwächliche war, denn eine Vorstellung bei der h. Regierung, die sich auf die sactischen Zustände in Krakau berufen, hätte sicherlich das Bedenken erwirkt, der Majorität der polnischen Gemeinde in dieser Angelegenheit das Wahlrecht zuzugestehen. Vorerst ist daher jede Aussicht auf Hebung des Culturzustandes in hiesiger Gemeinde wieder geschwunden. Andererseits wollen wir gern zugestehen, daß sich der Gottesdienst der deutschen Gemeinde immerfort hebt und bessert und eine regelmäßigere Gestalt annimmt. A. W. Aus Böhmen, im Februar. Aus Jungbunzlau bringt der Bol. folgende Mittheilung: „Vor einiger Zeit geschah es, daß bei einer in der jungbunzlauer Dechanteikirche vorgenommenen Taufe eine Israelitin als Pathin fungirte, ohne daß der den Taufact vornehmende Priester davon Kenntniß hatte. Nachdem der kirchliche Act nach katholischem Ritus beendet war, schrieb sie auch ihren Namen in die Taufmatrikel ein. Wie wir vernehmen, ist deshalb jetzt gegen dieselbe eine strafgerichtliche Untersuchung im Zuge." Frankreich. Paris, im Januar. Die Arcli. isr. sprechen über die verschiedenen seit 1840 in den orientalischen Ländern gegründeten Schulen, deren Verschwinden und Wiederaufkommen. In Tetuan (Marokko) ist jetzt eine solche gegründet worden und für eine gleiche in Tanger hat das französische Centralconsistorium eine jährliche Unterstützung von 1200 Frcs. auf drei Jahre zugesagt. Ebenso soll in Damascus eine jüdische Volksschule gegründet werden und von Bagdad aus ist an die Alliance isr. univ. die Bitte gegangen, zur Schöpfung einer Schule Beiträge zu geben, und wären in Bagdad hierzu 1500 Frcs. jährliche Beiträge subscribirt worden. Die Arcli. 8r. machen dabei mit Recht aufmerksam, daß man keine Schule gründen solle, wo nicht aus der Gemeinde selbst angemessene Geldbeiträge erfließen, weil es sonst doch nur exotische Pflanzen bleiben, deren Existenz und Wirksamkeit sehr fraglich seien, und daß es auf eine strenge und unparteiische Controls ankomme, die auf keine Täuschung und unverdienten Lobsprüche hinausliefe, wozu sie die diplomatischen Agenten der europäischen Mächte am geeignetsten halten. Paris, im Januar. (Privatmitth.) Die Alliance isr. univ. hat die Sitzungsprotokolle ihres Vorstandes aus dem letzten Drittel des verflossenen Jahres gedruckt versandt. Wenn auch keine bedeutenden Thatsachen daraus hervorzuheben sind, so sieht man doch, daß die Alliance noch im Wachsen begriffen ist» namentlich in orientalischen Ländern, und daß sie für Schulen in jenen Ländern gern Opfer bringt. Dennoch kann man eS nicht verkennen, daß es ihr an eigentlich zu lösenden Fragen und Aufgaben fehlt, und so kommt es auch, daß die Localcomites bei dem pariser Centralcomite wiederholt anfragen, womit sie sich zu beschäftigen hätten, dieses eine Specialcommission niedersetzt, um diese Frage zu beantworten, aber nichts anders zu erwidern weiß, als (S. 12.): 1) „Die Localcomites sollen eine gewisse Obwacht (surveillaoee) über alle israelitischen Interessen ihres Ortes ausüben und 2) dem Centralcomite Vorschläge machen im allgemeinen und — zur Verbreitung der Gesellschaft." Dies ist nun freilich so gut wie keine Antwort, denn die Gemeinden werden sich eine solche „Obwacht" weithin verbitten. ES fehlt of- 8