Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1864)
- Date
- 1864-01-19
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
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46 Männer, Geschlechter und Völker in langen Reihen uns vorüberführt, kaum an dem Faden der Zeit uns hindurchleilend, jemehr auch hier die Untersuchung und Forschung, der Fleiß und der Scharfsinn leisten und der Einzelheiten immer größere Massen ans Licht bringen, den Trümmerschutt von untergesunkener Vergangenheit Hinwegräumen, aus den zerbrochenen und umhergeworfenen Gliedern ein Ganzes wieder herzustellen und aus den verblaßten und verstümmelten Formen das Wesen wieder zu erfassen suchen: die Religion des Judenthums verbindet sie alle zu einer großen und organischen Einheit, läßt sie alle aus dem Willen und der Fügung der göttlichen Vorsehung hervorgehen, lehrt dich das Ganze durch das Gesetz der Entwickelung nach dem Plane der göttlichen Weisheit begreifen, zündet dir auch hier das Licht der Erkenntniß auf allen Pfaden des Weltganges an, verknüpft Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem Werke der göttlichen Absicht und Leitung, erhebt so das Reich des Todes, das unabsehbare Gräberfeld des Gewesenen zu einem Reiche des Lebens, zu einer Flur des lebendigen Daseins und Wirkens, vom Geiste Gottes erfüllt und getragen. So eigenthümlich, mangelhaft, verworren, unerklärlich die mannigfaltigen Erscheinungen der menschlichen Gesellschaft vor uns stehen, wie mühsam hier jeder Schritt vorwärts, wie einander bekämpfend Recht und Thatsache, Idee und Wirklichkeit hier erscheinen, Verdienst und Lohn, Werth und Nutzen, Arbeit und Gewinn sich zu widersprechen scheinen, wie zahllos die Schaaren der Sclaven, der Leibeigenen, der Knechte gegen die kleine Zahl der Herren, die Menge der Arbeitenden gegen die Genießenden, der Entbehrenden gegen die Schwelgenden sich gegenüber reihen, wie maßlos und unerfüllbar die Ansprüche gegen die Befriedigung austreten: die Religion des Judenthums läßt auch diese menschliche Gesellschaft als ein großes, ursprünglich begründetes, allmählich sich entwickelndes, sicher zu einem fernen Ziele fortschreitendes Werk der göttlichen Vorsehung, des wirkenden Gottesgeistes erkennen, wie die Geschlechter der Menschheit allmählich zu einer einheitlichen Völkerfamilie sich zusammenschließen, die fernsten Glieder dem Körper sich annähern, auf dem Boden des Austausches sich das Ganze organisirt, das Verschiedenartige zur Ausgleichung, das Rechtslose zur Berechtigung, das Gefesselte und Geknechtete zur Freiheit, zur freien Entfaltung und zu freiem Walten geführt wird. Schon bei ihrem Beginne entwarf sie die Linien hierzu, deutele die Pfade an, stellte die Grundsätze der Rechtsgleichheit, der Besitzausgleichung und der Freiheit auf, zeigte aber schon in ihren Vorschriften, daß hier allein das Gesetz allmählicher Entwickelung zum Ziele der allgemeinen Befriedigung führen könne und dürfe, wie namentlich auf diesem Gebiete nicht die allgemeine Idee sofort zur Wirklichkeit werden könne und solle, sondern in immer weiterm Vorschreiten von Stufe zu Stufe bis zur Höhe anstreben möge. So lehrt sie uns auch hier das Wirken und die Wege Gottes begreifen, weist den Gedanken des Zufalls und der ewigen Herrschaft der Leidenschaften und der Selbstsucht weit von sich und will auch die menschliche Gesellschaft als vom Geiste Gottes regiert und durchwebt, entworfen und geleitet zur Erkenntniß bringen. So riß sie, die Religion Israels, auch die Sittlichkeit von dem schwankenden Rohre des bloßen Gewissens und von dem kalten Grübeln und Ordnen deS bloßen Verstandes los, gab ihr einen unerschütterlichen Grund in der Beziehung des Menschen zum allheiligen Gotte, in der Bestimmung und Gottebenbildlichkeil des Menschengeisles, gab ihr als ihr eigentliches Wesen und Leben die Liebe, die sie von dem dunkeln Boden der Erde zu den reinen Höhen des Lichtes emporsprießen und aufwachsen läßt. Und erheben wir nun erst den Blick zu diesem Gotte selbst, wie befreite sie seinen Begriff von allen Beschränkungen und Verkehrtheiten des Heidenthums, von aller Einkerkerung in körperliche Gebilde, in leibliche Erscheinung der Wesen, wie schützte sie ihn schon von Beginn an'vor aller Verdunkelung durch den Glauben, leitete auf ihn das Licht der Erkenntniß und wollte ihn von Vernunft, Herz und Glauben harmonisch erfaßt haben! Ja, alle Herrlichkeit, die in dem begeisterten Herzen und in der erleuchteten Vernunft enthalten ist, vereinigte sie als den Lichtstrom, der zu der Majestät Gottes führt. So vereinigt die Religion des Judenthums die Natur, die menschliche Gesellschaft, die Geschichte, die Sittlichkeit und die Gotteserkenntniß in einem großen Gedanken, von dem aus sie alle diese Gebiete durchdringt und mit ihrem Odem erfüllt, daß sie zu einem Reiche des Lebens werden. Ja, das Judenthum hatte ein großes Werk vor sich; es sollte sich von seiner Geburt an schwer und mühselig durch die Zeiten arbeiten; dunkles Gewölk und dichte Nebelmaffen breiteten sich oft um dasselbe und verdüsterten sein Licht und nicht selten schienen die Schalten der Nacht sich ganz darüber breiten und es erdrücken zu wollen. Aber immer brach es wieder hindurch, schaffte sich