Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1864)
- Date
- 1864-01-05
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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16 Men die Extravaganzen des naturwissenschaftlichen Bewußtseins, gegen dessen Versinken in das physikalische Element, gegen dessen Ausartung in Atheismus und Materialismus. Bringen wir es uns immermehr zum Bewußtsein, daß das Judenthum die vier großen Momente in sich vereinigt: das eigentlich religiöse (Gotteslehre und Berhältniß des Menschen zu Gott), das naturwissenschaftliche, das sittliche und das politisch-sociale Moment, und daß in der Vereinigung und gegenseitigen Durchdringung dieser vier Momente die Religion des Judenthums besteht. Aus Baden, im December. Vorlesung Äluntschli's über Gewissenszwang. Herr Redacteur! Sie haben so oft für das Panier der Glaubensfreiheit gesprochen und geschrieben, daß es Ihnen gewiß lieb sein wird, die neuesten Aeußerungen eines Mannes über dieses Thema zu hören, welcher einer der Edelsten und Hervorragendsten unter den Notabilitäten der Intelligenz im Großherz. Baden ist. Zu diesem Zwecke sende ich Ihnen beifolgend die Beilage zur karlsruher Zeitung No. 298, worin Sie den Abriß einer von dem großherzogl. bad. Geh.-Rath und Professor Bluntschli über die Rechtsgeschichte des GlaubenszwangeS und der Bekenntnißfreiheit gehaltenen Vorlesung finden, welche durchgehends höchst anziehend, doch besonders auch dadurch sehr interessant ist, daß sie Anschauungen enthält, welchen man auch in Ihrem lehrreichen Predigt- und Schulmagazin begegnet, z. B. über die Toleranz der Römer in Glaubenssachen. (Abhandlung: Wie verloren die Juden das Bürgerrecht rc. Magazin 2. Ausl. S. 428 —434.) — Ich will aber nicht noch einmal einen Abriß geben, denn ich glaube, daß Sie ihn in die Allg. Z. d.Judenth. ganz aufnehmen, und beschränke mich darauf, folgende Bemerkung anzuschließen. Bluntschli, früher Professor in München, jetzt in Heidelberg, ist großherzogl. bad. Geheimrath und von unserm Großherzog, welcher sich stets mit den weisesten Männern zu umgeben pflegt, zum Mitgliede der ersten Kammer ernannt, wo er sich ebenso sehr den Dank des Volkes als auch die Anerkennung der Regierung gesichert hat. Dieser hochgestellte und hochgeehrte Mann, dessen wissenschaftlicher und philosophischer Charakter über allen Zweifel erhaben ist, spricht mit reiner Zartheit und Hochachtung von der Religion im allgemeinen und von den Lehrsätzen der christl. Religion insbesondere, und sogar von der Abirrung bet Geistlichkeit auf das Labyrinth des Glaubenszwanges, welche er schonungsvoll durch ihre eigenthümlichen Anschauungen zu erklären sucht, während er selbst weit davon entfernt ist; ja, er kommt zu dem rührenden Resultate, daß nichts mehr dem Menschen zur Demuth stimmen könne, als wenn er sich überzeugt, wie die begabtesten Menschen eines ganzen Zeitalters in grauenhaftem Jrrthume befangen sein können. Und nun, was sagen hierzu viele unserer Glaubensgenossen, welche, indem sie sich als studirte Fachgelehrte oder als hervorragende Industrielle zu den Gelehrten zählen, für ihre Religion so wenig Zartgefühl bewahren, daß sie, wie ehemals andere aus Aberglauben, selbst jetzt aus Unglauben fanatasirt, wie mit Achselzucken und allzu oft gar mit Spott und Hohn über jüd. Glaubenssachen absprechen und, wo etwa von möglichen Irrungen früherer Lehrer die Rede ist, den ersten Stein auf sie zu werfen bereit sind! Wahrlich, ihnen wäre jene Demuth zu wünschen, welche Herr Bluntschli als nothwendiges Resultat der Geschichtskunde hinstellt. S. Der Auszug aus der Vorlesung lautet: „Gestern Abend hat in Anwesenheit der höchsten Herrschaften die zweite Wintervorlesung stattgefunden. Geh. Rath Bluntschli begann seine bereits früher angezeigten Vorträge über die Rechtsgeschichte des Glaubenszwanges und der Bekenntnißfreiheit. Wir machen den Versuch, den Haupteindruck wiederzugeben, welchen dieses mit großer Meisterschaft entworfene und mit edlem Freimuth ausgeführte weltgeschichtliche Gemälde auf uns gemacht hat. Ein Mensch, der in Glaubenssachen verschlossen oder unwahr ist, macht unwillkürlich einen unbefriedigenden, oft selbst unheimlichen Eindruck auf seine Umgebung; er erscheint uns untreu an sich, untreu an dem, dessen Fügungen ihn zu seinen Ueberzeugungen geführt haben, untreu an Gott, der die Wahrheit selbst ist. Wir fühlen es, daß die Wahrheit für den Menschen eine Pflicht ist, und daß er deshalb auch ein Recht hat, wahrhaftig zu sein. Wo Gedanken und Worte nicht übereinstimmen, kann es uns nimmermehr wohl sein, und je höher der Gegenstand des Glaubens, je theurer er unserm Herzen ist, desto tiefer verletzt es uns, wenn das Verhalten eines unserer Mitbrüder dagegen verstößt oder gar die Heiligkeit desselben entweiht. Für die Glaubensfreiheit hat uns die Natur ein bedeutsames Schutzmittel gegeben: kein Mensch kann in