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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-01-05 · Heft 2 (5.1.1864) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 2 (5.1.1864)
Date
1864-01-05
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 achtung alles Natürlichen, bis dahin, daß der Triumph des Menschen in der Ueberwindung alles Natürlichen, in der Verschmähung desselben, in der Feindseligkeit gegen dasselbe gefunden ward. So hatte das Alterthum seinen Cynismus und seine Stoa, das Mittelalter sein Braminenthum und seine Ascetik. Aber auch in den Sitten, in der Lebensweise und in der Erziehung auf ganz materiellem Boden machte sich dies herrschend. Nacht wurde in Tag verwandelt, die Bildung des Geistes auf Kosten des Körpers angestrebt und der letztere in der Erziehung ganz vernachlässigt; alle leiblichen Bedürfnisse wurden zum höchsten Raffinement gebracht und die natürlichen Triebe zu den schrankenlosesten Ausschweifungen gemißbraucht. Mit der großen Entwickelung der Naturwissenschaften, mit der vorherrschenden Neigung für sie mußte dies anders werden. Man begriff das Weltall in seinem Zusammenhänge, die enge Zusammengehörigkeit aller Wesen; man faßte den Menschen in seiner Eingliederung in dieses große Ganze wieder, man hörte auf, ihn als einen gesonderten Mikrokosmus zu betrachten, wohl aber als untrennbares Glied des Makrokosmus; man begriff die höhere Einheit, in welche Geist und Körper, wenn auch in ihrem Wesen so verschieden, in dem Menschen aufgehen und wie sie beide miteinander durch die engsten Bande, durch die nachhaltigste Wechselwirkung verbunden sind; man begriff, daß der Geist während seines Erdendaseins der Sphäre der Erde angehört, sich innerhalb derselben zu entwickeln und seinen Beruf zu erfüllen habe. Dies ist die Grundlage des naturwissenschaftlichen Bewußtseins. Jede Forschung, jede Entdeckung verstärkt und schärft es. Diese Erde ist uns nicht mehr die ganze Welt, deren Mittelpunkt, deren Endzweck, sondern wir wissen sie nur noch als ein mittleres Glied des Sonnensystems und dieses als ein Glied des großen Wcltensystems; wir wissen, daß die Erde nur eine Nüancirung der unendlich mannigfaltigen zahllosen Weltkörper ist und daß aus sie alle die kosmischen Gesetze einwirken, welche durch die ganze Schöpfung reichen. Um ein Bild zu gebrauchen: wir sehen Morgenroth, Tageshelle, Abendroth und Nacht immerfort zu gleicher Zeit um die Erde gleiten und wechselsweise die Erdgeschöpfe darunter stehen und verlernen immer mehr, diese Erscheinungen an den Ort gebunden zu betrachten. So erscheinen uns denn auch alle Wesen der Erde in ihrem innigsten Zusammenhänge als Modificationen eines und desselben Daseins, allesammt denselben Gesetzen unterworfen und von diesen in ihrer ganzen Existenz beherrscht. Dies ist das naturwissenschaftliche Bewußtsein. Aber es ist nicht zu verkennen, daß auch dieses große Errungniß zu den bedeutsamsten Ausschreitungen verleitet und, daß wir es offen sagen, zu den gefährlichsten. Es ist dies einmal das Schicksal alles Menschlichen, von einem Extreme zum andern getrieben zu werden und gewissermaßen die frühere Vernachlässigung eines Moments durch dessen nachherige Uebertreibung zu rächen. Wer weiß es nicht, daß dieses naturwissenschaftliche Bewußtsein viele Individuen zu einem trostlosen Atheismus und Materialismus führt? Die Betrachtung der Welt von ihrer physischen Seite verleitet zu der Leugnung ihres göttlichen Ursprungs, zu der Annahme eines Ansichseins des Stoffes, der Nothwendigkeit seiner Existenz, der Selbstschöpfung seiner Gebilde, Einrichtungen und Formen. Die Betrachtung der Erdenwesen in ihrem Zusammenhänge verleitet zur Verkennung alles organischen Wesens, zur Zurückführung desselben auf nur mechanische und chemische Gesetze. Die Betrachtung des Menschen vom naturwissenschaftlichen Standpunkte velleitet zur Jdentisicirung des Geistes mit dem Körper, zur Erniedrigung des ersteren als eines physikalischen Protestes des letzteren, zur Abschwächung seines selbstbewußten, freien Willens und sittlichen Werthes zu bloßen Instinkten. So steht die Verirrung der positiven Religionen der Verirrung des naturwissenschaftlichen Bewußtseins gegenüber, und indem das letztere die erstere bekämpft, versteht es nicht, sich selbst vor der entgegengesetzten Verirrung zu hüten, und weil man in diesem naturwissenschaftlichen Bewußtsein sich von jenen Extravaganzen der positiven Religionen frei macht, pocht man auf dasselbe und verliert sich in ihm ganz und gar. Wir sagen nun nicht, daß sich das Judenthum von jenen Jrrthümern frei erhalten habe; auch das Judenthum ist den Strömungen der Zeit, ist den vorherrschenden Richtungen der Völker, in deren Mitte es besteht, mehr oder weniger unterworfen und nahm in den verschiedenen Epochen mehr oder weniger von ihnen an. Auch das Judenthum bildete eine die Natur verachtende Ascetik aus und lernte den Menschen aus seinem natürlichen Zusammenhänge Herausreißen und über die Erde hinwegheben. Aber es ist doch ein anderes, wenn dieses Moment zu dem eigentlichen Wesen einer bestimmten Religion gehört und ihren ganzen Charakter ausmacht, oder wenn es, wie es bei dem Judenthume der Fall ist,

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