Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1864)
- Date
- 1864-01-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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28. Jahrgang. 2 Allgemeine Zcitimg des Zudeilthums. Ein unparteiisches Orga« für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 5. Januar 1864. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Dienstags, in 1 s/ä bis 2 Bogen. Preis des Jahrgangs 3 Thlr. Halbjährig 1 Thlr. 15 Ngr. Vierteljährig 22'/2 Ngr. Inserate werden mit 1^2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Berlagegebühren betragen für 1 Logen 4 Thlr., für lj% Bogen 3 Thlr., für */* Dogen 2 Thlr. Nlle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt- Expedition für beide Letztere hat sich das Königs. Sächs. Hanpt-Zeitnngs-Dureau hier unterzogen. 3 nhal 1. Leitende Artikel: Das naturwissenschaftliche Bewußtsein. — Vorlesung Btuntschli's über Gewissenszwang. — Die Rabbiner-Witwen- und Waisen-Kasse. — Spenden - Liste für die Rießer-Stiftung. — Literarischer Wochenbericht. — 3eitungsrmchrichten: Preußen: Magdeburg, Thorn, Aus dem Posenschen. Oesterreichischer Kaiser st aat: Wien, Pesth, Pesth. Frankreich: Paris. Großbrirtannien: London. — Nachtrag: London, Hannover. Leitende Artikel. Bonn, 27. Deeember. Das naturwissenschaftliche Bewußtsein. Wie wir erst wieder in der jüngsten Zeit nachdrücklich das politische Bewußtsein als Eigenthum des Judenthums, als von dessen Beginn an ihm integrirend zugehörig erkannt und betont haben, so müssen wir auch das naturwissenschaftliche Bewußtsein ihm vindiciren. Wir protestiren dagegen, dies mit dem Motive von vornherein abweisen zu wollen, als ob wir als Apologeten des Judenthums diesem alle geistigen Schätze und Errungnisse der Menschheit zuschreiben wollten. Der Mosaismus faßte den ganzen Menschen in allen seinen Beziehungen, Verhältnissen und Interessen auf und konnte daher kein wesentliches Moment der Mensckennatur übergehen. Umsoweniger war dies mit dem naturwissenschaftlichen Bewußtsein der Fall, als der Mosaismus die Schöpfung, das ganze Weltall als eine Einheit anerkannte und lehrte, in welcher also der Mensch seine bestimmte Stellung einnabm. Was versteht man unter naturwissenschaftlichem Bewußtsein? Das Begreifen der Welt als einer Einheit und des Menschen als eines Gliedes dieser Einheit, denselben Gesetzen unterworfen wie die übrigen Wesen und in seinem Dasein aus denselben Gesichtspunkten zu betrachten. Jemehr der Mensch in socialer und politischer Hinsicht sich entwickelte, jemehr er aus dem Leben in der Natur in einen sich abschließenden geselligen Kreis trat und durch die Cultur alles dessen, was zu seinem materiellen Leben gehört, eigenthümliche, den übrigen Geschöpfen fremde Gewohnheiten und Lebensweisen annahm, jemehr sich Intelligenz, Philosophie und Wissenschaft entfalteten und den Menschen von den anderen Geschöpfen immer mehr unterschieden, und als endlich die herrschenden Religionen den Beruf, die Bestimmung, die Zwecke des Menschen über die sichtbare Welt in eine höhere, jenseitige und göttliche immer mehr verlegten: desto stärker mußte die Scheidewand zwischen dem Menschen und der Natur werden, desto vollständiger mußte er sich von den übrigen Wesen getrennt denken und nicht blos über sie hinausragen, sondern sich auch als völlig verschieden von ihnen anerkennen. Dies führte endlich bis zur Ver-