Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Ar. 52. ffAAtü Berlin, 25. Ne?ember 1896. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phittppson-Konw VerlagL-Crpedrtion: Lerlin« Lerufaiemerstr. 48/49 Alle Zujendungen für Redaktion und Expedition sind au die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung deS Judenthums', Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Leitartikel: Die letzte Volkszählung. — Die Woche. — Briese aus England. — Ein Brief aus Syrien. — Auch ein Wort über die jüdischen Shnagogen-Melodien. Von Dr. M. Kahserling. — Die Schöpfung des Weibes. Von Dr. W. Herz beug. — Aus meinen Lebens-Erinnerungen. V. Von Max Ring. — Der Schachkönig Laster. Von Julius Winter. — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch (Fortsetzung). — Litterarische Mittheilungeu. — Sprechsaal. Der Gcmeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Ans der Provinz Posen, Breslau. Liegnitz, Lnblinitz, Aus Schlesien, Hannover Freiburg i. B., Budapest, London, New-Pork. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. — Briefkasten der Redaktion. Die letzte Volkszählung. Berlin. 22. Dezember. fte Fabel von der überaus großen Vermehrung der Juden, sei es durch die natürliche Gemeinschaft, sei es durch Einwanderung, obgleich schon so oft widerlegt, spielt ihre Rolle in den antisemitischen Zeitungen und bei den Rednern, sogar den Parlamentariern, die aus ihnen ihre Informationen schöpfen, ungestört fort. Es ist deshalb von Wichtigkeit, immer wieder an der Hand der neuesten Ziffern die Thatsachen richtig zu stellen und jenen Uebertreibungen entgegenzutreten. Die soeben in der statistischen Korrespondenz erschienenen Zahlen aus den Ergebnissen der neuesten Volkszählung bieten, wie wir schon kurz bemerkt haben, abermals die Gelegenheit, zu konstatiren, daß die Juden in Preußen sich nicht, nur nicht stärker, sondern sogar viel schwächer vermehren, als die Angehörigen der anderen Religionen in unserem Staate. Das Gesamnitergebniß der Volkszählung in Preußen ist: 1890 1895 Zunahme auf 1000 jährlich Evangelische. 19 232 449 20.351 448 11,4 Katholiken. 10252 818 10 999 505 14,2 Andere Christen . 95 349 119 245 45,7 Juden. Anderen oder unbekannten 372 059 379 716 4,1 Bekenntnisses. . . . 4 692 5 209 21,1 im Ganzen: 29 957 367 31 855 123 12,36 Die Vermehrung der Juden mit absolut 7657 Seelen ist also noch nicht ein Drittel von dem Wachsthum, das nach dem Verhältuiß der^ Bevölkerung hätte auf sie entfallen müssen. Fürwahr ein sehr trauriges Bild, für das wir eine Erklärung suchen müssen. Betrachten wiralso die vorhandenen Ziffern über die natürliche Vermehrung, wobei freilich das Jahr 1895, dessen Ziffern noch unbekannt sind, nur schätzungsweise angenommen werden kann. Es wurden geboren: 1891 1892 1893 1894 Aus jüdischen Ehen. 8676 8239 8215 8084 Aus jüdisch-christlichen Mischehen halb gerechnet. 281 284 287 282 Uneheliche Kinder jüdischer Mütter 234 240 234 273 Summa 9190 ^763 7 836 8639 Es starben Juden. 5715 5927 6274 5873 blieb natürliche Vermehrung . . 3475 2736 2462 3266 in Suurma 11 939 Seelen, so daß, das fünfte Jahr im Durchschnittdazugerechnet, ca. 15000 Seelen die Ziffer der natürlichen Bevölkerungszunahme in den 5 Jahren bilden. Nun betrug die wirkliche Zunahme nur 7657 Seelen, es muß also ein Verlust von mehr als 7000 Seelen durch Taufen und Mehr-Auswanderung en * standen sein. Taufen, Austritte aus dem Judenthum rc. sind zwar genau nicht bekannt, doch dürften sie für den in Rede stehenden Zeitraum auf höchstens 2000 Seelen zu schätzen sein, und so verbleibt ein Rest von ca. 5000 Seelen für den Ueberschuß der Auswanderung gegenüber der Einwanderung von Juden. Schon daraus geht hervor, daß es sich bei der Einwanderung um ganz minimale Ziffern handeln muß, wenn wir nicht auch ohnedies wüßten, daß die Anziehungskraft Preußens durch den Antisemitismus, die Ausweisungen ausländischer Juden, die immer noch fortdauern, u. s. w. keine sehr große auf unsere Glaubensgenossen im Auslande ist. So sinkt denn der Antheil der Juden an der Bevölkerung des preußischen Staates seit 15 Jahren fort und fort; betrug er 1880:13,34 vom Tausend, so dagegen 1885 nur 12,90. 1890 nur 12,42 und 1895 sogar nur noch 11,99 pro Tausend. Noch nach einer Richtung hin bieten die Resultate der neuesten Zählung viel interessantes Material. Der Zug in die Großstädte ist in diesem Jahrfünft so stark hervorgetreten, wie zu keiner Zeit, immer mehr entvölkern sich die kleinen Gemeinden, immer mehr wachsen die großen jüdischen Gemeinden in den Hauptstädten. Aber auch außerdem ist der Zug nach dem Westen sehr bemerkbar, die Provinzen des Ostens zeigen einen starken Rückgang an der Ziffer der jüdischen Bevölkerung, die Provinzen des Westens dagegen eine schwache Zunahme. Eine Ausnahme macht natürlich Berlin und außerdem Brandenburg, die letztere Provinz offenbar nur der Vororte von Berlin halber, beide haben ein starkes Wachsthum der Juden zu verzeichnen. Die genauen Ziffern sind: Ostpreußen . . . 1890 14 411 1895 14 364 Zunahme Abnahme — 47 Westpreußen. . . 21 750 20238 — 1612 Stadtkreis Berlin. 79 268 86 152 6 866 ' — Brandenburg . . 13 775 18 394 4 619 — Pommern. . . . 12 246 11661 — 585