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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-11 · Heft 50 (11.12.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Frankfurt a. M., 1. Dezember. Hier' ist' am 29. v? M. der Musikdirektor Martin Wallenstein gestorben. Der am 22. Juli 1843 hier geborene Pianist und Komponist war ein -Schüler von DreyL schock und in Leipzig von Hauptmann und Rietz. Außer durch seine : zahlreichen Konzertreisen in früheren Jahren war er demmusikalischen Publikum auch durch die Oper ,>Das Testament" und andere Komposi-' tionen bekannt.- Am 1. Dezember wurde auf dem israelitischen Frieds Hof die Leiche zur letzten Ruhe bestattet. Nach der Trauer Zierlichkeit in der Halle widmete der Vorsitzende des Cäcilienvereins in Wiesbaden,' Landgerichtsrath Raum, dem zehnjährigen Leiter des Vereins einen Kranz; am Grabe legten Kränze nieder der Frankfurter Philharmonische Verein und das Konservatorium für Musik in Darmstadt, an dem . Wallenstein bis zuletzt als Lehrer wirkte, und Dir. Süß - Darmstadt. ■ Unter den sonstigen Kranzspenden befand sich auch eine der Frankfurter Museumsgesellschaft. t. München, 8. Dezember. Der israelitischen Kultusgemeinde München, der größten Gemeinde Baierns, ist es leider jetzt zum dritten Male seit 13 Jahren widerfahren, daß ihr erster Vorstand, noch bevor er die Schwelle des Greisenalters erreicht hätte, durch einen unerwarteten . Tod von einer segensreichen Berufsthätigkeit abberusen worden ist. Der Notar Dr. Ortenau, berühmt als juristischer Schriftsteller und ausgezeichnet als scharfsinniger Kenner der baierischen Gemeindeverhältnisse, die er als Vorsteher der Gemeinden Fürth und München gesammelt hatte, sein Nachfolger,'der als Menschenfreund und Wohlthäter bekannte Hermann Müller, und dessen Nachfolger Louis Schwab, Alle haben sie. das Glück gehabt, die Entwickelung der Gemeinde und den Ausbau ihrer Einrichtungen unter Stärkung des Einheitsgedankens und Beseitigung aller.Trennungsgelüste, deren Verwirklichung bei der bestehenden baieris scheu Gesetzgebung übrigens ausgeschlossen ist, zu fördern. Louis Schwab, der feit langen Jahren Mitglied der Verwaltung der Gemeinde ist, hat seit dem Mai 1894 die Stelle des ersten Vorstandes zur Zufriedenheit seiner Mitbürger und mit dem Geschicke eines klaren, Kopfes, aber unter Aufopferung seiner besten Kräfte und mit unermüdlichem Eifer bekleidet, und unter feiner Leitung ist der gegenwärtige. Rabbiner der Gemeinde gewählt worden. Ein in der Geschichte tonr'... jüdischen Gemeinden vielleicht noch nicht dagewesenes Ereigniß aber rM es, daß die Verehrung seiner Mitbürger nach Ablauf seiner Anilsdauert ihn wiederholt vorgestern zum Verwültungsmitgliede wählte, währestH man wußte, daß er bereits mit dem Tode rang, und daß man auch? nicht auf den Gedanken nur kam, seinen Namen von der Liste der. Ge--- wählten zu entfernen, ein Vorgang, der dem in der heutigen Nacht allzu früh Verstorbenen wie seinen. Wählern gleichmäßig zur Ehre gereicht. Oesterreich -Ungarn.? LI Wien, 7. Dezember. Erzherzog Rainer, der schon zu wieder» holtenmalen seiner liberalen Gesinnung Ausdruck gegeben, hat dieser Tage, wie schon berichtet, abermals gelegentlich des Besuches eines Etablissements die bösen Folgen des Antisemitismus scharf gekennzeichnet; und bei dieser Gelegenheit erinnert sich ein Leser der „N. fr. Presse^ eines Ausspruches desselben Prinzen, der höchst interessant ist: In einem längeren Gespräche, das die dermalen so trostlosen sozialen Ver-, hältnisse Wiens berührte, kam die Rede auch auf die sogenannte christlichsoziale Partei, wobei der Erzherzog die Bemerkung machte: „Ja, ja, dieses seltsame Gemisch einer Partei, welche sich christlich-sozial pennt, aber weder christlich noch sozial ist." — Welche Zustände jetzt in Wien herrschen, illustrirt ein freches Attentat, welches diese Woche an zwei Doktoranden, die man für Juden hielt, verübt wurde. Der Student erzählt: „Gestern Abend gingen wir, um uns zu erholen, ein wenig in der inneren Stadt spazieren. Eben bewunderten wir eine Auslage in der Rothenthurmstraße, als drei Burschen im Alter von 20 bis 22 Jahren sich an uns herandrängten. Plötzlich packte mich der Eine ohne jede Veranlassung am Barte und sagte, indem er höhnisch lachte : „Bist ein schönes Jüderl!" Im ersten Moment war ich vor Schrecken über die Attaque des Menschen, den ich nie zuvor gesehen, ganz sprachlos. Ebenso mein Freund. Die Kumpane des Strolches überhäuften uns mit einer Fluth antisemitischer Schimpfworte und umdrängten uns in geradezu unheimlicher Weise. In meiner Heimath hätte ich den beispiellos frechen Burschen einfach zu Boden geschlagen. Hier aber, wo mir die herrschende beklagenswerthe Strömung angesichts - der -Menge?' die sich im Nu um uns angesammelt hatte, Reserve auf-? erlegte, faßte ich meinen Angreifer am Arme und ließ :ihn,'trotz der' ' drohenden Haltung seiner Freunde und des, johlenden Pöbels, nicht früher aus, als' bis mein Freund einen Wachmann requirirt hätte:. Wir find aus: Konstantinopel, römisch-katholischer Konfession., :?Jch Am seit längerer Zeit in Wien, um meine Rig orosen an der hiesigen Universität. abzulegen,' während mein Freund Coyounian vor Kurzem, hier eintraf, ' um technischen Studien obzuliegen. ' Ich bin, wahrscheinlich wegen meines Bartes, schon, wiederholt als'Jude beschimpft worden, worüber ich mich jedoch stets, mit Verachtung hinwegsetzte. Mein Freund aber ist über unser heutiges Abenteuer derart aufgeregt und entrüstet, daß er ■ sobald als möglich das gastliche Wien verlassen will."—Aus Nikols.- burg schreibt mau: Am 30. v. M. erfolgte hier die Bestattung des Herrn Sigmund Blau,- welcher durch mehr als drei Jahrzehnte Äultusvorsteher und Bürgermeister der politisch selbständigen Jsraeliten- Gemeinde war. Alle Korporationen, die Schuljugend ohne Unterschied - der Konfession, die Veteranen und Feuerwehr, endlich Leidtragende aus. der ganzen Bevölkerung erwiesen dem Verstorbenen, welcher durch: sein humanitäres, und amtliches Wirken sich große Verdienste erworben hat, . die letzte Ehre. Die Stadtrepräsentanten und die Vertreter der anderen Aemter, mit dem Bezirkshauptmann an der Spitze, gaben dem Dahingeschiedenen bis zum Friedhofe das Geleite. Die ganze Trauerfeier für den fortschrittlich gesinnten Mann bot ein schönes Blld bürgerlicher Eintracht und religiösen Friedens. . Von Nah und Fern. ---- Am 28. d. findet hier eine Zusammenkunft des Verbandes der jüdischen Lehrer-Vereine statt. Wir werden darüber berichten. — Bei. der technischen Hochschule zu Berlin-Gharlottenburg ist Dr. S. Kalischer, Dozent der Physik, zum Professor befördert worden. — Dem Hofcellisten Heinrich Grünfeld ist vom Kaiser der Rothe Ädlerorden vierter Klasse verliehen worden. — Nach der soeben veröffentlichten Statistik über Taufen u. s. w. in Brandenburg wurden im Jahre 1895: 15 Kinder jüdischer Eltern getauft. — Zum Bezirks- , v or st e h er der Stadt Rybnik wurde Herr Kaufmann Perl und zu ' dessen Stellvertreter Herr Fabrikant Schaffer gewählt. — In Lei p zig hat ein achtzehnjähriger Komponist Gustav Brecher mit. einer Symphonie „Rosmars Sohn" einen außerordentlichen' Erfolg gehabt, '^Die? Äritik lobt allgemein die Ursprünglichkeit in der Erfindung wie in der Durchführung. Vom Publikum wurde dem Werke flürmische Anerkennung gezollt. Der Großvater des jungen Komponisten väterlicherseits war Dr. Gideon Brecher in Proßnitz, mütterlicherseits der Chacham Bernays in Hamburg, sein Oheim der berühmte Professor Jakob Bernays. — Die zwölfjährige Tochter des als Führer der Antisemiten in Hochmeisel bekannten Bürgermeisters Werner siel vor einiger Zeit in den dortigen Weiher. Der zufällig vorbeikommende jüdische Handelsmann S. Scheuer rettete das Mädchen vom Tode. Der Dank des antisemitischen Bürgermeisters steht noch aus; vielleicht erhält der Retter von Staatswegen die gebührende Anerkennung. — Der Großherzog von Hessen hat dem Hauptmann d. L. a. D. Joseph Gernsheim in Worms das Ritterkreuz erster Klasse des Ordens Philipps des'Großmüthigen verliehen. — Die großherzogliche Handelskammer in Worms hat Herrn M. Baruch zu ihrem Präsidenten gewählt, nachdem er schon mehrere Jahre die Stelle eines Vizepräsidenten verwaltet hatte. — Bei den am 2. Dezember stattgehabten Gemeinderathswahlen in München haben die Antisemiten eine klägliche Niederlage erlitten. Auf sämmtliche Kandidaten erhielten sie nur 150 von 16 000 abgegebenen Stimmen. — , Der ordentliche Professor der Zoologie an der deutschen Universität zu Prag Professor Hatschek ist zum ordentlichen Professor an der Uni- : versität Wien ernannt worden. — Der Ministerpräsident^ als Leiter des Ministeriums des Innern hat den Polizei - Kommissär Moriz ' Stukart, der Polizei - Direktion in Wien, zum Polizei- Oberkommissär ernannt. — Der Posten des jüdischen Kultus wurde auch diesmal von der französischen Deputirtenkammer mit großer Majorität bewilligt und zwar 123 530 Francs besonders für Kicktuseinrichtungen, - 22 000 Francs für das Rabbinerseminar in Paris, 51000 Francs Zuschuß für den Ban von Gotteshäusern. " . Druck und Verlag von Ruvolf Masse in Berlin. '- ' Verantwortlich für die Redaktion- Max Bauchwitz in Berlin. - mrnmmamm

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