Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-11-06 · Heft 45 (6.11.1896) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 45 (6.11.1896)
Date
1896-11-06
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228194--53241-3258909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

überstand, fühlt er sich wieder so frisch und munter wie zuvor. Es war dies überhaupt die zweite ernstliche Erkrankung während seines Lebens. Die erste Krankheit bestand er unmittelbar nach dem Ueberschreiten seines 100. Lebensjahres. — Die. soeben vom Vorstände der Knltusgemeinde zur Versendung gelangenden Wählerlisten„für die Vorstandswahlen liefern einen Beweis für die Leistungsfähigkeit jüdischer Beamten und jüdischer Gewerbetreibender. Diese Listen enthalten nahezu 12 000 Wähler, alphabetisch geordnet, innerhalb neun Wahlsektioneu. § Budapest, 80. Oktober. Die Abgeordnetenwahlen für den ungarischen Reichstag sind nahezu beendet und hatten für die Juden ein sehr günstiges Resultat; der neue ungarische Reichstag zählt dreizehn Juden als Mitglieder. Die Advokaten Franz Chorin, Fr. Heltai, Moritz Mezey, Armin Neumann, Julius Nosenberg und Sam. Visontar sowie der Journalist Ambr. Nemenyi wurden wiedergewählt. Neug, Mitglieder sind: die Industriellen Berthold Weiß, Theodor Wolsner, Arthur Egyedst, der Advokat Lazar Samuels ferner Max Arenyi und Nud. v. Biedermann. Sämmtliche jüdische Deputirte gehören der liberalen Partei an außer Visontai, der sich zu den Unabhängigen bekennt. Die klerikale oder Volkspartei mit stark antisemitischer Färbung iftp durch zwanzig Abgeordnete vertreten. Auch der Redakteur des antisemitischen „Freimüthigen", Franz Blaskovics, ist mit großer Majorität aus dem Wahlkampfe hervorgegaugen. Bl. Budapest, 30. Oktober. Der Pester israelitischen Religionsgemeinde, die in der Nähe des neuen Parlamentsgebäudes eine., prachtvolle Synagoge erbauen will, wurde vom hauptstädtischen Magistrütein auf 1200 000 Kronen geschätzter Baugrund zu diesem Zwecke unter der Bedingung überlassen, daß die Gemeinde ein modernes Schulgebäude für 800—1000 Schüler errichte. Dieser Bedingung wurde entsprochen^ was auch eine Kommission der Stadt konstatirte. Die grundbücherliche Uebertragung des Baugrundes wurde demnach bewilligt, und die GeH meinde geht nun daran, einen Monumentalbau aufznführen. — In der.. Ausschußsitzung des ungarisch-israelitischen Litteraturverein^ wurde der Bericht über die ausgeschriebenen Preise oorgelegt, die zwch -Monographien jüdischer Gemeinden erhielten. Die ungarische Bibelübersetzung und andere wichtige Editionen, so auch die Vorlesungen' scheint der Verein nicht fördern zu wollen. Dem Magyar Zstdo Szemle wurde eine Subvention von 800 Kronen zugesprochen. ) Rußland. W. Petersburg, 1. November. Ein Seitenstück zu dem jüngst gemeldeten Vorgehen des Pater Johann von Kronstadt gegenüber einem Simferopoler Juden dürfen die folgenden, aus zwei russischen Städter? gleichzeitig eintreffenden Berichte abgeben. In beiden Fällen handelt cs; sich um die feierliche Begrüßung des griechisch-orthodoxen Bischofs seitens einer Deputation der jüdischen Bevölkerung des Orts. Im ersten Fall, war es in Schawli (deutsch: Schaulen). Auf einer Inspektionsreise' durch seine Diözese berührte, Bischof Hyronimus auch die Stadt Schaulen,: und als er die Kirche verließ, wo er celebrirte, wurde er am Ausgangs von einer jüdischen Deputation begrüßt, welche ihm nach russischer Sitte Salz und Brod überreichte. Indem er die Gaben in Empfang nahm, J wandte sich der Bischof an die Deputation mit einer kurzen Ansprache^ in der er hervorhob, daß alle Menschen die Kinder eines Vaters, seien- und daß der Gott der. Juden derselbe Gott ist, welchen die Christen in der. Dreieinigkeit preisen, zugleich ermahnte er die Juden, mit ihren; christlichen Mitbürgern in Eintracht zu leben. Ein ähnliches Vorkommnis hat auch in Slupk stattgefunden. Hier war es der Bischof Simeon,; welcher diese Stadt besuchte und ebenfalls von-einer jüdischen Deputation,^ mit dem Rabbiner 'E schm an n an der Spitze, begrüßt wurde. -Auf bie| Begrüßungsansprache des Rabbiners erwiederte der Bischof in Gegen-? ward der ihn begleitenden Geistlichkeit mit einer feierlichen Rede, in^ welcher er die Nothwendigkeit; bet. Brüderlichkeit und Einigkeit zwischen^ allen Menschen ohne Unterschied'^des Glaubensbekenntnisses betonte. DerZ Bischof nahm daraus das Brod und Salz, ertheilte allen Anwesenden) den Segen und übergab das Brod dem Rabbiner mit dem Auftrages dasselbe unter die anwesenden Juden zu vertheilen, als Symbol der^ Brüderlichkeit und Einigkeit. J o°o Warschau, 1. November. Seit dem Jahre 1890 ist durch' Cirkular des russischen Justizministers die Ernennung von«Juden zu beeidigten- Rechts anwäl ten von der Bestätigung des Justizministers, die' Ernennung aber zu Privatadvokaten von der Bestätigung des Justiz- Ministers und des Ministers des Innern abhängig gemacht. Faktisch aber erfolgte diese Bestätigung nie, so daß. die Gerichtspräsidenten am Ende ganz davon abstanden, Kandidaten zu präsentireu. Erst in letzterer Zeit haben doch zwei solche Ernennungen stattgefunden. Eine erfolgte im inneren Rußland. Aber davon ßst keine Notiz zu nehmen, da der betreffende Herr bis jetzt einen hohen Posten im Regierungsdienste bekleidete, er war nämlich Mitglied eines Bezirksgerichts. Aber, aus ganz gewöhnlichen Bedingungen heraus wurde Herr Ludwig Landau, Sohn des Bankier Herrn Moses Landau, vor einigen Wochen als Privatadvokat bei dem Friedensrichterplenum zu Pultusk (Gouvernement Warschau) ernannt. Es scheint dieses eine, liberalere Richtung in der Praxis der russischen Justizverwaltung zu bedeuten. Bulgarien. % Sofia, 30. Oktober. Die Rabbinatswahl in Sofia unterblieb, und hat Herr Dr. Kisch in Prag, der vor dem Dr. Grünwald tertia loco in Vorschlag kam, die Einladung erhalten, den Großrabbinerposten zu übernehmen. Zwei hervorragende Mitglieder dev.Gemeiude überbrachten ihm den betreffenden Beschluß des hiesigen Komitees. Ausschlaggebend für Herrn Dr. Kisch soll der Umstand sein^daß derselbe beim Fürsten Ferdinand von Bulgarien wohl gelitten ist. Daß diese Angelegenheit sich bisher verzögerte, hat darin seinen Grund, daß die spagnolischen Gemeinden nur sehr ungern ihren Beitrag zum Großrabbinat leisten) während die Sofiaer Spagnolen sich nicht verpflichtet fühlen, die Zahlpflicht aller Gemeinden auf sich zu nehmen. Von Nah und Fern. Dem Jacob Weinberg'schen Ehepaar in Charlottenburg wurde aus Anlaß der goldenen Hochzeit, welche es am 27. v. Mts^ feierte, vom Kaiser die Ehejubiläums-Medaille verliehen und vom Polizei-Direktor von Saldern dem Jubelpaar persönlich überreicht.— Aus Breslau meldet man: Der Primärarzt am Allerheiligen- Hospital, Dr. Jadassohn, wurde.als außerordentlicher Professor.und Leiter der dermatologischen Klinik nach Bern berufen. — In Nord- Hausen, wo die Wogen des Antisemitismus früher hoch gingen, ist Herr Julius Bach, zum Stadtrath gewählt und von der königlichen Regierung zu Erfurt als solcher bestätigt worden. — Das Oberlandesgericht in Dresden verwarf die Berufung des antisemitischen'Buchhändlers Gl öß, welcher, wie seinerzeit berichtet, vom Landgericht wegen Beleidigung des Getreidehändlers Heller zu zwei Monaten Gesängniß vernrtheilt worden war. — Im Königreich Baiern waren zu Anfang des Jahres 1894 in den Strafanstalten internirt 5864 Katholiken, 1674 Protestanten, 30 Israeliten. Das ergab bei einer Bevölkerung von 3 959 077 Katholiken,-1571 863 Protestanten, 53 585 Israeliten auf je 100000 Personen der betreffenden Konfessionen 148, 106, 56. — Tas Kuratorium der Bauernseld-Preisstiftung in Wien hat beschlossen, Leo Ebermann für sein Drama „Die Athenerin" sowie Georg Hirschfeld für sein Schauspiel „Die Mütter" je 1000 Gulden zu verleihen. — Unter den anläßlich der Vermählung des Kronprinzen von Italien neuernannten Senatoren befindet sich auch der Ministerialdirektor Mal van o. — Der bisherige Privatsekretär des Polizeipräfekten von Paris, M. Schrameck, wurde zum Kabinelsdirektor der Präfektur ernannt. — Der König von Belgien hat den Bankier Leon Lambert als Baron in den Adelsstand erhoben. — In Perpignan ist Alfred Milhaut, der frühere Präsident des dortigen Handelsgerichts und der Gemeinde, gestorben. — Zwei Männer mißhandelten in London zwei Juden, die harmlos ihres Weges gingen. Beide wurden zur Tragung der Kosten und zehn Schilling Reugeld, ferner zu einem Monat und zwei Wochen Gesängniß verurtheilt. — In Alexandrien ist David Aghiow, einer der größten Finanziers in Aegypten und ein treuer Anhänger des Judenthums, gestorben. — Es ist statistisch festgestellt, daß am letzten Rosch-Haschana in New- Io rk an der Brooklynbrücke 25000 Juden „Taschlich" gemacht haben. — In der landwirthschaftlichen Ausstellung zu Eape May (Nordamerika) erhielten die ersten Preise für Geflügel, Gemüse und Obst jüdische Bauern der Woodbine-Kolonie. . Diese Kolonie, welche nun gegen 900 Seelen zählt, hatte Heuer eine sehr, ergiebige Ernte. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.