Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Jahrgang. M. 42. Kerlin, 18. Oktober 1896. Gin unparteiisches Organ Hr alles Wische Interesse. Begründet von Nabüiner Ludwig Philippson-Kpnn. Verlags-Erpeditun: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen sitr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung deS Judenthüms", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. I. Leitartikel: Die neueste Kriminalstatistik. — Die Woche. — Pariser Briefe/ Von Q. Neuschotz de Jassy. — Zur Judenemanzipation im Fürstenlhum Birkenfeld. Von Dr. Loevy. — Das Buch Hiob. III. Von Georg Brandes. — Feuilleton: Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwill. — Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch. (Forts.) — Von der Reise. VIII. Von G. K. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Potsdam, Bromberg, Löbaü, Breslau, Aus der Provinz Hannover, Dortmund, Wien, Budapest, Genf, Petersburg. — Von Nah nnd Fern. — Miseellen. Nie neueste Kriminalstatistik. Berlin, 14. Oktober. s war eine der interessantesten Entdeckungen des aufkeimeilden Antisemitismus, daß die angeblichen Unterschiede des deutschen und des jüdischen Volkscharakters sich in der Kriminalität der beiden „Völker" aussprechen müßten, wenn sie wirklich vorhanden wären. Gestützt auf diese Entdeckung, sllchte nian mm nach statistischem Material zur Untersuchung — und in der Thal fand man weit mehr, als man erwartet hatte. Ja, sogar die Unterschiede des Rassencharakters wollte man auch in der Kriminalstatistik „in die Augen sprillgen sehen". Allerdings stürzte der ganze inühsam aufgerichtete Bau bei näherer Betrachtung wie ein Kartenhaus zusammen. Es blieb von den ganzen statistischen Erhebungen nichts als die allbekannte Thatsache übrig, daß die Juden, weil sie — wahrlich nicht durch ihre Schuld—zumeist Kaufleute sind, demgemäß auch an den kaufmännischen Delikten mehr betheiligt sind, daß sie dagegen an allen anderen Delikten, wie Körperverletzung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Hoch- und Landesverrath, Sittlichkeitsvergehen, Mord und Todschlag, Brandstiftung und dergleichen zum Theil wenig, zum Theil gar nicht betheiligt sind. Selbst die mehr als kühne kasuistische Auslegung, daß, weil die Gemeinschädlichkeit einer bestimmten Art von Verbrechen / nach den Zeitverhältnissen, nach Art und Natur des Volkes sehr verschieden sein könne, unter den gegenwärtigen schweren Erwerbsverhältnissen betrügerischer Bankerott in Deutschland fast ein ebenso schwerwiegendes Verbrechen sei wie Raubmord in Sizilien, wurde nur mit mitleidigem Lächeln ausgenommen. So hat die Kriminalistik ,den Antisemiten keine Lorbeeren gebracht. Auch die neuesten Publikationen auf diesem Gebiete werden für sie nur wenig brauchbares Material enthalten, obwohl merkwürdiger Weise die eben erschienene Kriminalstatistik eine auffallende Steigerung der Bestrafungen von Juden erweist. Dieselben f■ sind von 3801 Fällen im Jahre 1892 auf 4260 Fälle im Jahre 1893 i D gewachsen. Zwar sind die Bestrafungen im Allgemeinen auch gestiegen, aber doch wohl nicht in dem Maße, wie die Verurteilung von Juden. Es ist dies natürlich eine sehr auffallende Erscheinung. Läßt | sich doch gar nicht annehmen, daß die Juden von einem Jahr zum?! anderen ihre Moralität so bedeutend verschlechtert haben sollten! ji Eine nähere Prüfung der einzelnen Positionen lehrt denn freilich [ auch, daß dies nicht der Fall ist, daß vielmehr die außer- | gewöhnliche Steigerung der Bestrafungen von Juden auf äußerliche > Ursachen zurückzuführen sei. « Es hat nämlich im Berichtsjahr eine bedeutende Verschärfung I der Gewerbeordnung stattgefunden, im Besonderen der Bestimmungell über Sonntagsruhe. Infolge dessen sind die Bestrafungen wegen dieses Deliktes vervielfacht, und da Störungen der Sonntagsruhe und Zuwiderhandlungen gegen die Gewerbeordnung naturgemäß vorzugsweise von Kaufleuten begangen werden, da ferner unter diesen aber j die Zahl der Juden bekanntlich größer ist als in der Gesammtbevölkerung, so mußte auch ihr Prozentsatz bei diesem Vergehen eine naturgemäße Steigerung erleiden. Thatsächlich ist allein bei den Delikten 4F (Vergehen wider Absatz VII und § 49a des Str. G. B„ j hauptsächlich öffentliche Gewaltthätigkeit, unbefugte Beseitigung öffentj licher Siegel, Theilnahme an verbotenen Verbindungen u. s. w.), 4G (Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften über Beschäftigung jj von Arbeiterinnen bezw. jugendlichen Arbeitern), 48 (Zuwider- Handlungen in Bezug auf Konzessionspflicht und dergl.) und 41 ji (andere Vergehen gegen die Gewerbeordnung) eine Steigerung von 210 auf 626, das heißt um 415 Fälle zu konstatiren. j| Dadurch ist die Steigerung der Gesammtbestrafung von Juden, welche 459 Fälle ausmacht, zur Genüge erklärt. Es würde aber i' falsch sein, auf diese Erscheinung besonderen Werth zu legen, denn?! ganz unzweifelhaft wird erfahrungsgemäß, sobald das Publikum i? sich an die neue Art der Vorschriften gewöhnt hat, wieder ein großer Rückgang in den Bestrafungen wegen dieses Deliktes eintreten. Zudem handelt es sich ja thatsächlich um ein ganz leichtes Vergehen, das immer mit geringen Geldstrafen gesühnt wird. Dagegen ist auch diesmal bei allen schweren Vergehen nach wie vor das Verhältniß außerordentlich zu Gunsten der Juden, und auch das statistisch sich ergebende Gesammtverhältniß stellt sich immer noch für die Juden sehr günstig heraus. Nach dem Prozentsatz der Bevölkerung sollten 4950 Bestrafungen von Juden Vorkommen; es sind aber thatsächlich nur 4260 vorgekommen ---86 Prozent. Obwohl also in Folge der Umstände, die wir eben aus einander gesetzt haben, der Vergleich für die Juden in diesem Jahre nicht so günstig ausfällt wie tu allen früheren Jahren, so ist doch auch jetzt noch immer das Verhältniß der Kriminalität zwischen Juden und Christen ein durchaus günstiges für unsere Glaubensgenossen. Besonders interessant ist in der Kriminalstatistik für das .Lahr 1893 eine eigene Zusammenstellung der Kriminalität der