Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Negierung.des Großherzogs neuerbauten Synagogen enthalten waren. Der Großherzog empfing die Deputation in gewohnter Huld und sprach . von Neuem-die Versicherung aus, daß er die Gefühle seiner jüdischen Unterthanen schon lange kenne und schätze und daß er ihnen sein volles Wohlwollen stets bewahren werde Bei den allgemeinen Auszeichnungen anläßlich dieses Festes wurden auch viele Glaubensgenossen bedacht. Zum Medizinalrath wurde ernannt der praktische Arzt Dr. Albert Seligmann,, Vorsteher der Gemeinde Karlsruhe und Mitglied des Großh. Oberrathes der Israeliten. Das Ritterkreuz I. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen erhielten die Professoren Dr. Georg Jellin ek in Heidelberg, Ludwig Levy an der Baugewerkschule Karlsruhe, Prof. Heinrich Rosin in Freiburg (Mitglied des Großh. Oberrathes der Israeliten, des Kreisausschusses Freiburg rc.), sowie der Bezirksrabbiner Dr. Adolf Lewin in Freiburg. Das Ritterkreuz II. Klasse desselben Ordens der Bankier Leopold Willstaetter in Karlsruhe. Die kleine goldene Verdienstmedaille der Religionsschullehrer Hof mann in Wenkheim. Nicht unerwähnt bleiben soll, daß der Büreaudiener des Großh. Oberrathes der Israeliten, FerdinandKarzer, mit der silbernen Verdienstmedaille bedacht worden ist. Oesterreich-Ungarn. Hl Wien, 14. September. In einerder jüngst stattgehabten Gemeinderathssitzungen hat ein antisemitischer Gemeinderath dem Dr. Mittler in beleidigender Weise das Wort „Jud" zugerufen, „Schweig Jud" u. s. w,; nun haben die vereinigten Liberalen eine darauf bezügliche Interpellation eingebracht, in welcher sie erklären, eine derartige Behandlung nicht ruhig hinzunehmen, und entschieden „eine objektive und würdige Leitung der Sitzungen fordern." — Der Wahlkampf um die Landtagsmandate ist allerorts zwischen fortschrittlichen und antiliberalen Kandidaten ein aufs Höchste gesteigerter. In Schlesien haben die. Liberalen mit Hilfe der jüdischen Wähler einen Sieg über die Gegner davongetragen. — Mit Beginn des nächsten Semesters wird an der Wiener Universität eine „Marianische Kongregation" gegründet werden. Dieselbe wird zwar nicht diesen Titel führen, sondern „Bund katholischer Hochschüler in Wien" heißen, die Tendenz desselben ist vor allem gegen die deutsch-nationalen Burschenschaften gerichtet; der nationale Gedanke soll vollständig in den Hintergrund treten und ebenso der Rassenantisemitismus perhorreszirt werden. — Die Ortsgemeinde Kopitz hat die Stelle eines Kommunalarztes ausgeschrieben und in dem Konkurse die Bedingung aufgestellt, daß nur „christlich-katholische und deutschnationale Bewerber" berücksichtigt werden. Gegen diese Konkursausschreibung wurde von der israelitischen Kultusgemeinde die Beschwerde an die Bezirkshauptmannschaft geleitet. Die Bezirkshauptmannschaft hat nun den diesbezüglichen Beschluß der Gemeindevertretung von Kopitz wegen der erwähnten Bedingungen, die eine Verletzung der Staatsgrundgesetze involviren, sistirt und die Ausschreibung eines neuen Konkurses augeordnet. — Anläßlich des 200 jährigen Jubiläums des Hoch-und Deutschmeister-Regiments, das zu den vornehmsten Regimentern Oesterreichs gehört, meldete sich auch der in Rudolfsheim, Meinhartsdorsergasse Nr. 7 wohnhafte Privatier Ignaz Fischer, welcher durch mehr als neun Jahre bei dem jubilirenden Regiments gedient und im Jahre 1857 seinen Abschied erhalten hatte. Herr Fischer ist zum Trägen der Kriegsmedaille berechtigt. In dem Abschied wird hervorgehoben, daß Herr Fischer treu, redlich und tapfer gedient hat. B. Budapest, 8. September. Gegen den griechisch-orthodoxen Pfarrer Aurel B ersan in Derna wurde das Strafverfahren eingeleitet, weil er von der Kanzel herab gegen die Juden hetzte. Er tischte unter anderem seinen Gläubigen das „Blutmärchen" auf und machte diese darauf aufmerksam, daß im Dorfe zeitweise Juden erscheinen, die rumänische Kinder stehlen und ihnen das Blut abzapfen, welches sie dann in alle Weltgegenden versenden. Weiters sind gegen 14 periodische Druckschriften, die im Verlage der Volkspartei erscheinen, Preßprozesse im Zuge. Die Gegenaktion wird hoffentlich von Erfolg gekrönt sein und wird den Antisemitismus im Keime ersticken. A Przemysl, 14. September. Unter den Deputationen, die heute vom Kaiser empfangen wurden, befand sich auch die Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde, Rabbiner Schmelkes sprach bedeckten Hauptes den üblichen Segen, wofür der Kaiser freundlichst dankte. Auf die patriotische warme Ansprache des Kultusgemeinde-Vorstehers, Herrn Ch. Wolf, erwiederte der Kaiser: „Ich bin überzeugt, daß Ich auf die Treue der galizischen Israeliten wie der Israeliten meiner ganzen Monarchie fest rechnen kann " Der Kaiser zeichnete die Mitglieder. der Deputation Leon Schwarzthal und M. Gans durch längere Ansprachen aus. Von Nah und Fern. — Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Pastor Jskraut ist am Freitag von der vereinigten Gemeindekörperschaft der Sophiengemeinde zum dritten Prediger an der genannten Kirche gewählt worden. Die Bestätigung der Wahl liegt beim Konsistorium. Die „Kreuzzeitung" befürchtet ob dieses antisemitischen Sieges „mancherlei Unfrieden in den kirchlich gesinnten Kreisen Berlins." — Der Charakter als Landgerichtsrath ist verliehen worden den Landrichtern Goldstein in Guben und Kassel in Bochum. Der Charakter als Amtsgerichtsrath ist verliehen worden den Amtsrichtern Bernstein in Köpenick und Manasse in Goldberg. Zu Justizräthen sind ernannt worden die Rechtsanwälte Zülzer in Ratibor, Salomon und Dr. Lewinski in Posen. — Zu der Feierlichkeit der Denkmalsenthüllung in Breslau ist außer Herrn Dr. Rosenthal, auch Herr Rabbiner Dr. Guttmann offiziell geladen worden. — Der „Verein zur Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Juden" in Düsseldorf bewerkstelligte Umfrage über den weiteren Lebenslauf der vom Vereine entlassenen Zöglinge. Danach waren von den 87 während der Jahre 1888—1895 Ausgebildeten 5 selbstständige Meister, 2 gestorben, 4 augenblicklich Soldaten, 7 als Gesellen ausgewandert, die übrigen als Gehilfen in Stellung; nur drei sind nicht beim Handwerk verblieben. — Dem Geheimen Rath Baron von Cohn in Dessau ist aus Anlaß des 70. Geburtstages des Großherzogs von Baden dessen lebensgroße Büste als Geschenk übersandt worden. Vor einigen Jahren wurde schon Baron von Cohn mit den Brillanten zum Großkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen dekörirt. — Am 30. v. Mts. fand in der Moldau nächst Prag ein internationales Wettschwimmen statt, an welchem sich drei Wiener: Siegfried Löwin, Simon Orlik und Eugen Wolf betheiligten. Die Meisterschaft von Böhmen gewann Wolf. Im Gäste- ... schwimmen siegte Siegfried Löwin (Wiener Schwimmklub „Austria") gegen Max Hirschfeld (Breslau). Bei allen seit Jahr und Tag veranstalteten Wettschwimmen bleiben Juden erste Sieger. Auch bei dem anläßlich des Nationalfestes vom A.ntwerpener ..Sportklub veranstalten Wettschwimmen auf der Schelde ist der Israelit Ben Spiers als Sieger hervorgegangen. Er legte die Strecke von zweimal 2500 Metern in 23 Minuten zurück. — Wie aus Paris gemeldet wird, erhielt der Baron Alfons Rothschild vom Zaren den Großkordon des Weißen Adlerordens. — Nach dem Bericht des Comite de Bien faisance Israelite in Paris für 1896 betrugen dessen Ausgaben 436 000 Francs, die Einnahmen 437 000 Francs, 57 000 Francs mehr als im Vorjahre. Freilich beklagt sich das Comite de Bien faisance Israelite de Paris, daß die Einnahmen in keinem Verhältnisse stehen zum Reichthum der Gemeinde, die im Ganzen 28 500 Francs beisteuert; davon aber kommen auf die Rothschilds allein 3400 Francs. Die Thätigkeit des Pariser Armenrathes ist eine sehr mannigfache. Er sorgt dafür, daß die Fremden weiterbefördert oder in die Heimath zurückgeschickt werden; Waisenhäuser, Spitäler und Gefängnisse werden von den Mitgliedern desselben besucht, ein Bersorgungshaus für alte Frauen und Einwanderer wird von ihm erhalten, und im Winter wird armen Schulkindern ein warmes Mittagessen verabreicht. Die zwei Volksküchen in der Rue Ordener und Rue des Juifs folgten 664 000 Portionen aus, was 72 000 Francs kostete. — Der Papst hat den Augustiner-Kanonikus Pater Mortara, der bekanntlich als Kind seinen, jüdischen Eltern entrissen und getauft wurde, züm. Superior des Alpenhospiz St. Bernhard in der Schweiz ernannt. — Die Petition des Rabbiners Pucher in Riga, welche den obligatorischen Religionsunterricht für die jüdischen Schülerinnen des dortigen Mädchengymnasiums und der städtischen Töchterschule bezweckte, ist vom Ministerium der Volksaufklärung abschlägig beschieden worden.' Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. . Verantwortlich für die Redaktion: Max Vauchwitz in Berlin.