Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. I-Hrgang. Ur. 37. Berlin, 11. September 1896. Mn unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabbiner Dr- Ludwig PHNippson-Sonn. - Uerlags-Drpeüition: Äerlin, Jerul'alemerstr. 48/49 - Alle Zulendungen fltr Redaktion und Expedition sind an die Adresse - Verlag der .Allgem. Zeitung deS Zudenthums". Berlin :SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements. Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt voncher Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.8 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Leitartikel: Die Mahnungen dos Versöhnungstags. — Die Woche. — Bericht über die 28. Jahresversanmrlung der israelitischen Lehrerkonferenz Hessens. — Einige Gedanken über Armenpflege. Von Rosalie Perles. — Eine Begegnung mit A. Bernstein. Von Dr. I. Rüls. — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) — Von der Reise. IV. Von G. K. — Sprechsaal. — Litterarrsche Mittheilitirgen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg i. Pr., Danzig, Osterode i. O., Aus der Provinz Posen, Glogau, Strelitz, Norderney, Gießen,' Wien. — Boir Nah und Fern. — Miscellerr. — Geschäftliche Notizen. Die Mahnungen des Dersöhnungstags. Berlin, 10. September. fn wenigen Tagen feiern wir den Jom hakippurim. Es ist ein erhebender Gedanke, daß an diesem Tage ganz Israel auf dem weiten Erdenrund sich in seinem Glauben und in seinem- Gebet vereinigt, wie groß auch die religiösen und sonstigen Differenzen, die die einzelnen Theile dieser Gesellschaft von einander trennen, sein mögen. Wahrlich, wenn wir nicht den Versöhnungstag bereits hätten, um dieses einen Gedankel.E'tvMn allein wäre es nöthig, einen solchen Tag im Jahre festzusetzen. Gerade an einem solchen Festtage kommt uns ja völlig zum Bewußtsein all das, was uns fehlt, was uns hemmt, wessen wir bedürfen und was wir ersehnen. Die höchste Bedeutung gewinnt naturgemäß an diesem Tage aber das Gotteshaus. Es ist der Versammlungsort für die ganze Glaubensgemeinde, und schon durch seinen Bestand befestigt es das Gefühl der Gemeinsamkeit in Allen. Es macht uns aber auch klar, daß das Judenthum im Grunde eine Volksreligion ist. Wir haben keine Geistlichkeit, welche die Kirche darstellt und den Träger des religiösen Gedankens bildet; die Gemeinde allein vertritt das Judenthum, und wer sich von dieser ausschließt, der untergräbt die Stütze, aus der dasselbe ruht. Nun giebt es freilich viele Glaubensgenossen, die ihren Fuß niemals über die Schwelle des Gotteshauses setzen und doch behaupten, daß sie jüdisch fühlell und wahre Juden seien. Diese Behauptung ist wohl nicht grundlos; aber nicht sie sind es, sondern ganz Andere, nämlich unsere Feinde und Gegner von außen, die die jüdische Empfindung in ihnen geweckt haben und die den jüdischen Glauben auch dann noch bei ihnen verfolgen, wenn sie im verächtlichsten Schacher ihre Ueberzeugung um ein Amt, um ein Stück Brod verkauft haben. Es ist merkwürdig, wie gerade hier die' Gegensätze zusammen-. treffen. Auch aus dem Munde der Ileberfrommen hört man oft -die Ansicht, daß das Gotteshaus für das Judenthum gleichgiltig sei; : ja, einer ihrer Führer hat einmal sich bis zu der Behauptung verstiegen: Es gäbe kein Heil für das moderne Judenthum, als wenn man auf fünfzig Jahre alle Synagogen schlöffe! Auch sie meiden sehr oft den Ort der Vereinigung mit ihren Brüdern, wenn da Orgeltöne oder deutscher Gesang zu Ehren Gottes erklingen, und wie Jene außer den Ceremonien, so sehen sie wieder in den Ceremonien alles Heil. Allerdings ist das Judenthum nicht ausschließlich Kirchenreligion, aber noch viel weniger ist es eine Küchenreligion. Und es ist charakteristisch, daß wir in dem langen Sündenbekenntniß des Versöhnungstages vergebens irgend eine deutliche Erwähnung auch Nur der wichtigsten Eeremonialgesetze finden werden. Das ist ein Fingerzeig, wie unfern Altennicht Brauch und Form, sondern nur das Sittengesetz das höchste gewesen ist. Das. Gotteshaus allein ist also für den Inden der Ort der „heiligen Volksberufung". Wer immer draußen bleibt, ob aus Gleichgiltigkeit oder überfrommem Eifer, der hat sich ausgeschlossen von der religiösen Gemeinschaft, der gehört so wenig zu uns, wie ein Sohn zu seinem Elternhause gehört, wenn er es absichtlich meidet. .Unb-hier möchten wir unser Mahnwort einsetzen: Halten wir unsere Gotteshäuser heilig! ':! Es genügt aber auch nicht, daß wir hinkommen, um, wie es boshaft heißt, dem lieben Gott eine Staatsvisite einmal im Jahre abzustatten. Ja, es ist besser, wenn wir dann überhaupt das Haus der heiligen „Volksberufung" meiden, wenn wir nicht mit reuevoller Gesinnung, mit aufrichtiger Hingabe an unfern Glauben uNd unsere Religionsgeineinde seine Schwelle überschreiten. Die Bedeutung des Versöhnungstages ist ja schon durch den Religionsunterricht Allen klar, die denselben mitfeiern. Aber es will uns scheinen, als ob doch nur die eine Hälfte von der Bedeutung dieses großen Tages in unserer Zeit volle Beachtung fände, nämlich die Versöhnung mit der Religion, während die andere, nicht minder wichtige geringere Beachtung erfährt, ja zum Theil ganz außer Acht gelaffen wird. Das Gotteshaus, die Synagoge ist aber der Ort — und das dürfen wir nie vergessen —, wo wir uns nicht, nur mit unserem Gotte, sondern auch mit unseren Nebenmenschen verlohnen müssen. Ja. die erhabene Ethik unserer Alten geht noch weiter; sie verlangten die Versöhnung mit den Nebenmenschen, bevor wir die Versöhnung mit Gott anstreben, und sie ergänzten das Schriftwort: „Vor eurem Gotte werdet ihr rein sein" durch die Erklärung: Vor Gott wohl, aber nicht vor den Menschen, mit denen ihr euch zuerst zu versöhnen habet. f Möchte dieser erhabene Gedanke in allen Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft am bevorstehenden Versöhnungstage beherzigt werden. . Es ist ein Widerspruch in sich selbst, daß Derjenige, welcher gestern ^Men Glaubensgenossen wegen irgend eines unbedeutenden Vergehens vor die Schranken der Gerichte gezerrt hat, morgen am Versöhnungstage vor seinem Gott erscheint', um. Vergebung. für alle Sünden, die er gegen seinen Nebenmenschen begangen, zu erflehen. Es;; ist eine Herabwürdigung unserer eigenen Religion, daß wir bei den wichtigsten ÜÜÜ HÜmm iüi