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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-10 · Heft 28 (10.7.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 28 (10.7.1896)
Date
1896-07-10
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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er hatte, in Jerusalem für seine Heiligenbilder Modelle unter den Juden zu finden. Erst der Intervention von Moses Montifiore und F. D. Mocatta gelang es, ein paar Knaben ausfindig zu machen,xdie bereit waren/ zu diesen-Bildern zu sitzen. Jedoch geschah auch dies erst, als -das Madonnenbild verhüllt wurde, denn die Juden waren' alle ängstlich, daß ihre Knaben unter solchem Vorwand der Mission in Idie Hände gespielt werden sollten. Es kostete die jüdischen Freunde Hunts große Mühe, dies Mißtrauen zu beschwichtigen. — Ein großes Festessen fand kürzlich zu Gunsten des Metropolitan Hospitals statt, an dem Juden wie Christen zahlreich theilnahmen. Bei diesem Banket wurde auch eine Sammlung veranstaltet, die im Ganzen 36 000 Mark ergab. Darunter figuriren circa 10 000 Mark Beiträge von Juden, an der Spitze ein einmaliger und ein Jahresbeitrag von je 1100 Mark, welche die.Firma Rothschild gezeichnet hatte. Diese große Wohlthätigkeit der Juden auch nichtjüdischen Anstalten gegenüber, fand rühmende Anerkennung in einem von Lord Battersea gesprochenen Toast, in welchem dieser ausführte, daß mehr als eine gemeinnützige Anstalt wesentlich ihre Existenz jüdischer Freigebigkeit verdanke. Amerika. II. B. New-Nork, im Juni. .Die älteste Gemeinde der Metrople, die spanisch-portugiesische Gentbinde, Shearith Israel, folgt dem allgemeinen Zuge, der Zeit,, ihre Synagoge nach der vornehmeren „Oberstadt" zu verlegen. Der ungestüme Fortschritt der amerikanischen Städte macht solche Veränderungen häufig nothwendig, und während in Berlin die älteste Synagoge seit zwei Jahrhunderten auf demselben Platze stehen geblieben ist, ist die New - Jorker portugiesische Synagoge in diesem Jahrhundert schon dreimal übersiedelt. Ihr gegenwärtiges Gebäude wurde erst im Jahre 1860 errichtet, aber was damals fashionables Wohnviertel war, ist heute theils Geschästsviertel, theils von der ärmsten Klasse der Bevölkerung bewohnt. Wo' vor dreißig Jahren ein vornehmes jüdisches Pensionat sich befand, schwingt Heute der russische Melammed seine Gerte. Die Feier der Grundsteinlegung fand am 20. Mai statt. Ansprachen wurden gehalten von dem Rabbiner der Gemeinde, H. P. Mendes, von Meldola de Sola, Rabbiner in Montreal, Kanada, und Sabbato Morais, Rabbiner in Philadelphia. Der „Minister", das Gebetbuch und die Cantillation sind übrigens alles, was von der Gemeinde noch sephardisch geblieben ist; die Mitglieder sind größentheils deutscher und polnischer Herkunft. Die Gemeinde wurde im Jahre 1664 von den nach der Eroberung Brasiliens durch die Portugiesen aus Südamerika geflüchteten Marannen gegründet, die sich nach dem unter holländischer Herrschaft stehenden Neu-Amsterdam, dem heutigen New - Jork, begaben, dort im Jahre 1668 ein Grundstück zu einem Begräbnißplatze erwarben und . im Jahre 1682 die erste Synagoge auf dem nördlichen Kontinent errichteten. Die Gemeinde ist sehr reich, aber sonst im jüdischen Leben der Metropole nicht sehr mächtig. Hier ist einmal Reform der Zug der Zeit, und die portugiesische Gemeinde hat erst neulich der Aufhebung der Frauengalerie sich mit Erfolg widersetzt. Der Rabbiner H. P. Mendes ist eine der wenigen Säulen civilisirter amerikanischer Orthodoxie, sein Bruder, F. de Sola Mendes, Rabbiner der Shaaray Tefilla-Gemeinde, hat jedoch in seiner Synagoge daß Gebetbuch des Rabbinerverbandes, das freier ist als selbst das Hamburger Gebetbuch, angenommen und Mädchenchor und Orgel gestattet. Der Chasan der portugiesischen Gemeinde, A. H. Nietos, Träger eines berühmten Namens, Abkömmling David Nieto's, des des Pantheismus angeklagten Londoner Cachams, hat einen Sohn, Jacob Nieto, der in San Francisco Prediger einer „konservativen" Gemeinde ist. Demselben ist im vorigen Jahre der Unfall passirt, mit einer brennenden Cigarette im Munde aus einem Wagen geschleudert zu werden. Fatalerweise passirte dieser Unfall gerade am Sabbath! Derselbe Reverend Nieto hat, echt amerikanisch, neben seiner Synagoge eine Turnanstalt und ein Schwimmbad errichtet, um, wie das so Mode ist, die jungen Leute heranzuziehen. Die Geschichte erinnert mich an ein seinerzeit auf der Preßburger Jeschiba kurstrendes Witzwort: In Stampfen trägt man noch keinen Scheitel (sondern die das ganze Haar verdeckende Haube), und in Budapest trägt man schon keinen Scheitel. — Professor Deutsch aus Cincinnati hat sich, um seine Heimath Mähren aufzusuchen, für die Ferienzeit nach Europa begeben und wird erst im August mit ferner Familie zurückkehren/ Seine Kollegen gaben ihm ein Abschiedsbanket. Von Nah und Fern. Der Bankier Louis Model überwies dem staatswissenschaftlichstatistischen. Seminar 5000 Mark zur Erinnerung an seinen Sohn, den stud. jur. Paul Model, der im vergangenen Jahre in Tirol verunglückt ist. — Prinz Ludwig von Bayern hat am 1. d. M. in' Kairo Hie Ausstellung der jüdischen Dörfer in Palästina" mit seinem Besuche beehrt und seinen Beifall über das Gesehene. ausgesprochen. — Am letzten Montag fand im Rathhause unter Vorsitz des Stadlraths Borchardt die Vergebung der Zinsen aus der Leßmann'schen Stiftung statt. Diese ist bestimmt zur Unterstützung von in Berlin ortsangehörigen Wittwen und unverehelichten Personen weiblichen Geschlechts, denen ein Ernährer fehlt und gegen derM.sittliches Verhalten nichts einzuwenden ist. Die Höhe der einzelnen Mterstützungen beträgt jährlich 180 Mark. Von 2400 eingegangen Gesuchen konnten leider nur 23 für christliche und 22 für jüdische Frauen Berücksichtigung finden. -—Das Disziplinarverfahren gegen den Privatdozenten Dr. Jastrow hat. jetzt sein Ende gefunden, ohne der akademischen Behörde Anlaß zu irgend welchem thatsächlichen Einschreiten gegeben zu haben. Auch der ursprünglich verfolgte Plan, Dr. Jastrow zu einem Widerruf seiner in dem Buche „Sozialliberal" über den früheren Minister v. Berlepsch gethanen Aeußerungen zu veranlassen, ist aufgegeben worden. — Hcfprediger a. D. Stöcker hat gegen das Organ des Freiherrn v. Stumm, die „Neue Saarbrücker Zeitung", eine Privatbeleidigungsklage angestrengt. Das Blatt hat bei Besprechung des. bekannten Kaiser- Telegramms geschrieben, Stöcker sei, nachdem er den Weg der sozialpolitischen Besonnenheit, der bürgerlichen Ehrlichkeit und kirchlichen Lauterkeit , verlassen , thatsächlich zu Grunde gegangen. — Die jüdische Gemeinde in Hamburg hat durch den Tod des Herrn Sally Lewinsohn einen schmerzlichen Verlust erlitten. — An der deutschen Universität zu Prag wurde.Professor Horaz Krasnop olsky zum Dekan der juridischen, Professor Guido Goldschmidt zum Dekan der philosophischen Fakultät, an.der. tschechischen Universität Hofrath Professor Alois Zucker zum Dekan der juridischen Fakultät gewählt. — Eine Räumlichkeit der ungarischen Landes-Bildergalerie in Budapest wird jetzt als Atelier eingerichtet, m welchem der Maler Leopold H'orowitz ein lebensgroßes Porträt des Kaisers im Ornate des Stefans-Ordens malen wird. Der Künstler ist bereits in Budapest eingetroffen und . wird sein neuestes Werk schon demnächst in Angriff nehmen. Der Kaiser wird zu dem Porträt einige Male sitzen. Der Verein für jüdische Geschichte in London hat an Stelle des znrückgetretenen Mr. Lucien Wolf den Chief Rabbi Dr. Adler gewählt. — Charles I. Singer, ein Sohn.des Rabbiner S. Singer hat vom Universtty College in London die goldene Medaille für eine Arbeit aus dem Gebiete der Zoologie erhalten. — Der Verein für Erforschung Palästinas in London hat ein Telegramm aus Jerusalem erhalten, daß die hohe Pforte die Fortführung der Ausgrabungen gestattet hat. — Die Marquise von Bute in London, . eine eifrige Katholikin, hat dem Oberrabbiner Adler 500 Francs übergeben, welche zur Unterstützung von zwei jüdischen Studenten bei der Fortsetzung ihrer Studien verwandt werden sollen. — Eine Mittheilung aus Odessa berichtet Einzelheiten über eine schlimme Judenhetze in Mezabisch, Gouvernement Kiew. Ein jüdischer Schankwirth hatte einen Offizier beleidigt, der sich , rächte, indem er einen Sergeanten mit 100 Soldaten in die Stadt schickte mit der Weisung, den Juden derb zu züchtigen. Sechs Stunden später war die Stadt kaum wiederzuerkennen. — Aus Konstantinopel wird berichtet: Der Sultan hat unserem Glaubensgenossen David Effendi Molcho den. Medjidi -Orden I. Klasse verliehen. Der Ausgezeichnete ist der erste Dolmetscher der Pforte und besitzt bereits mehr als 20 Orden, die ihm theils der Sultan theils andere europäische Monarchen verliehen haben. — In Perth, Australien, fand am 17. Mai eine Generalversammlung der jüdischen Gemeinden statt, in der über die Errichtung, einer Synagoge beschlossen wurde. Dieselbe wird 410 Plätze erhalten, und find von verschiedenen reichen Mitgliedern der Gemeinde schon Geschenke, Sepher u. s. w., angeboten worden. Für die ausgeschriebene Stelle eines Rabbiners find aus England eine große Anzahl von Bewerbungen eingegangen, doch sollen noch weitere abgewartet werden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. ~ Verantwortlich für die Redaktion^ Max Vauchwitz in Berlin.

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