Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 3. Juli 1886. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 60. Jahrgang. Ur 27. Begründet von Kali Inner Mp- Ludwig Philippjon-Üann. Verlags-Expedition: Berlin« Jerufalemerftr. 48/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin . Unter Streifband bezogen vierteljährl.8M.. Nedacteur: Gustav Karpeies. Alle Zusendungen fltr Redaktion und' Expedition sind an die Adresie: Verlag der „Allgem, Zeitung des JüdenthumS", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse,BerlLn. - ' ' Inhalt. Leitartikel:. Praktische Resultate. I — Die Woche. — Ter sechste ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Svnagogen-Grmeinden Westfale 's. — Die Lehrbnchfrage. Von Dr. D. Leimdörfer. — Briefe aus England. Von Dr- Chotzner. — Abraham Geigers Briefe an I. Derenbourg. Von Professor Dr. Lu-dwig Geiger. — .Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von - Gotthard Deutsch. — Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. ." Der Gemeiudebote. Berlin. Osterode. Hamburg. Floß (Baiern). Aus Oberheffen. Wien. Paris. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. - Geschäftliche Notizen. Praktische Resultate. i. Berlin, 30. Juni.! lle Diejenigen, welche den letzten, Verhandlungen des Gemeinde-,: tages beigewohnt haben, und Diejenigen, welche zu Hause geblieben'sind, noch luehr^ Iverden sich die Frage vorlegen, welche praktischen Resultate hat der siebente Gemeindetag erzielt? Wir haben darauf zu antworten, daßdurch die Verhandlungen am 21: dss: zwei große und wichtige Fragen prinzipiell zum Austrag; gekommen sind und daß die praktische Durchführung dieser prinzipiellen; Entscheidungen nunmehr seitens des Gemeindebundes mit aller Entschiedenheit wird in Angriff genOllmen werden. Die erste pnd wichtigste dieser Fragen ist die des allgemeinen Re ligionsun t erricht es, die müdere, für das Gemeindeleben eben- . falls sehr wichtige, ist die der Begründung von Bezirks-Gemeinde- Verbänden. Wir wollen uns für.gellte nur mit der ersten Frage beschäftigen. Es war zu erwarten, daß die Angelegenheit eine lebhafte Debatte Hervorrufen werde. Aber es hat wohl Niemand erwartet, daß durch eine solche Debatte irgend Jemand in seinen Anschauungen ' bekehrt werden würde. Die Frage war eben, wie wir schon vorher sagten, spruchreif, als sie zur Debatte gelangte. Gleichwohl sind durch dieselbe verschiedene Ansichten über einzelne Punkte geklärt worden, Die imposante Majorität, welche sich -schließlich für die Leitsätze des D. I. G.-B. undsomit für den allgemeinen Religionsunterricht allssprach, war in diesem Falle das sicherste Zeugniß dafür, wie nothwenpig der Majorität der deutschen Juden eine Aenderung der bisherigen unhaltbaren Verhältnisse. und neue energische Maßregeln erscheinen. . Das, Unheil, welches politische Schlagwörter im öffentlichen Leben so oft anrichten, wird freilich auch hier, seine Wirkung üben und hat sie zum Theil schon geübt. Das Wort „obligatorischer Religionsunterricht" ist für alle Anhänger der religiösen Freiheit, ja für alle liberal denkenden Menschen überhaupt, ein förmliches Schreck-... gespenst geworden. Und zwar nicht mit Unrecht, wenn man sich so vieler Erscheinungen und Ereignisse der letzten Jahrzehnte erinnert. Aber — es kann dies nicht oft und nachdrücklich genug betont werden — die Leitsätze des D. I. G.-B., die sich zu unserer aufrichtigen Genugthimttg mit denen decken, die wir schon vor zwei Jahren aufgestellt haben, verlangen durchaus keinen obligatorischen Unterricht. Denn' eiM solcher schließt selbstverständlich den Zwang in sich, an einem bestimmten Unterricht theilzunehmen. Das ist aber hier »vollständig ausgeschlossen, da ja jeder Vater sein Kind von dieseni Unterricht dispensiren lassen kann, wenn er nachweist, daß dasselbe/ anderweitig einen auskömmlichen Religionsunterricht erhält.. Der einzige Zwang ist also der, daß jedes jüdische Kind RÄigions- Nnterricht überhaupt haben muß.' Wer sich aber heute auch selbst gegen diesen Zwang wendet, der - kennt entweder die thatsächlichen Verhältnisse nicht, oder er unterschätzt bei weitem die Gefahren, welche ' aus der Vernachlässigung des Religionsunterrichtes für die Zukunft der Juden in Deutschland entstehen müssen. Alle Vergleiche mit anderen Zeiten und anderen Ländern, alle berechtigten Einwände, die wir wohl verstehen und, zu würdigen wissen, muffen gegenüber dieser einen großen und unumstößlichen Thatsache zurückweichen : es ist nothwendig, daß jedes Kind Religionsunterricht erhalte. Da so viele Eltern aber eine so sträfliche Vernachlässigung ihrer diesbezüglichen Pflichten an den Tag legen, oder sich einem vollständigen Jndifferentismus /ergeben, ...so muß eben dafür gesorgt werden, daß das Kind: trotzdem einen ' Religionsunterricht erhalte. Und es ist sehr gutdaß wir selbst, diese Sorge übernehmen, ehe uns der Staat dazu zwingt und dann einen wirklich obligatorischen Unterricht.einführt. i’ . Wir wissen sehr wohl, daß wir mit dieser Maßregel, .etwas verlangen, was unsere liberal denkenden nichtjüdischen /Mitbürger nurzu gern von sich abschütteln möchten. Aber gerade .hier zeigt , es sich, - wie verkehrt es ist, solche Fragen nur von. einem einseitigem Gesichtspunkte aus zu beurtheilen. Es unterliegt ja gar 'keinem Zweifel, daß es vereinten Kräften bei gutem Willen wohl gelingen wird, für einen solchen allgemeinen Religionsunterricht.einenNoFmal- Lehrplan aufzustellen, der sicher alle Parteien innerhalb des Judenthums befriedigen wird. Und darin liegt der: wesentliche Unterschied: 'Im Judenthum findet kein Streit und keine Parteiung um die/Dogmen -statt. Allerdings hat auch das Judenthmn bestimmte Grundprinzipien, über welche aber alle Juden, so weit sie innerhalb des Judenthums stehen/einig sind. Die unbedingte Einheit -Gottes, die göttliche Vorsehung und Vergeltung, die Gottebenbildlichkeit des menschlichen - Geistes und dessen Bestimmung zu Erkenntniß. Recht und Liebe, sowie die ^.Versöhnung durch die Reue und Umkehr des Menschen sind die