Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Aahrgang. Ur> 24. Berlin» I2.Mmri 1896. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redacteur: Gustav K arpeles. Begründet von Rabbiner 8*- Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Grpedition: (Berlin, Lerusalemerstr. 48/49 . Alle Zusendungen fllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung deS Judenthums", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin» > Ätthalt. Leitartikel: Zur Frage der Krankenpflege. — Tie-Woche. — Laierische Rabbiner-Konferenz. — Von der Deutschen Lehrervrrsaimnlung in Hain- I barg. Äon Jos. Feiner. - Schulzucht. V. Von Max Golde. — Abraham Geigers Briefe an I. Derenbourg. Bon Prof. Tr. Lud wig Gei ger. — Fcnillcton: Jüdische Märchen: Der seltsame Orach. — Ein siebzigster Geburtstag. Aon Dr. Georg Minden. -r- Ein Neichstagswort. Von Dr. Alfred Fried mann. Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nackrichtcn: Berlin. Strelno. Bromberg. Aus Oberschlesien. Wreschen. Nordhausen. Marburg. Karlsruhe. Wien. Petersburg. — Von Rat, nnd Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. Jur Frage der Krankenpflege. Berlin» 8. Juni. JjjRe seltener die Anregungen, welche die jüdische Preffe giebt. ans >0/ fruchtbaren Boden fallen, um so erfreulicher ist es, wenn dies doch einmal in einer besonders wichtigen Frage der Fall ist. Der Aufsatz, den wir jüngst darüber veröffeiltlicht, daß sich die Frauen und Töchter der besseren Stände mehr der Krankeil- und Armenpflege widmen möchten, hat uns eine ganze Reihe von Zuschrifteil, vor Allem aber das folgende Schreiben eines Mannes gebracht, der als Vorsteher des hiesigen jüdischen Krankenhauses, wie als Leiter lind Begründer des Vereins jüdischer Krankenpflegerinnen ans diesem Gebiete gewiß die wichtigsten Erfahrlingen gemacht hat. so daß wir seine Ausführmigen hier vor den andern im Wortlaut geben. Sie kanten: Geehrte Redaktion! An der Spitze der vorletzten Nummer Ihres geschätzten Blattes bringen Sie einen Mahnruf an unsere Frauen, von dem jeder Wohlmeinende nur den Wunsch haben kann, daß er Nachklang finden möge in allen Herzen und nicht nur gelesen und vergessen werde. Mit vollem Recht ist in dem Aufsatz auf die Opferfreudigkeit hingewiesen, mit welcher bei den anderen Konfessionen die Töchter hochgestellter Personen es sich zur Ehre anrechnen, sich der Krankenpflege zu widmen, den Aermsten die kleinsten, meistens nicht angenehmen Dienste zu leisten und hierin eine große Befriedigung finden. Allerdings darf eine solche Thätigkeit nicht als Sport betrachtet werden; es muß vielmehr derselben der erforderliche Ernst beigegeben sein, nnd es muß vor allen Dingen eine gründliche Unterweisung der Betreffenden in der Krankenpflege der Ausübung des Berufes vorangehen. Wenn man bisher die Ursache für die geringe Neigung zu solchem Beruf vielleicht in dem. Umstande suchen konnte, daß jüdischen Frauen und Mädchen in den fast durchgängig streng konfessionell gehaltenen Pflegerinnen-Vereinen die Aufnahme nicht gewährt worden ist, so ist durch Begründung von Vereinen zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen dieser Grund völlig hinfällig geworden. Es ist Ihrem geschätzten Blatte ja nicht unbekannt, daß im April 1894 sich in unserer Vaterstadt ein Verein für "jüdische Krankenpflegerinnen ^bildet hat, welchem Sie in dankenswerther Weise öfter Ihre Unterstützung haben angedeihen lassen und welcher durch die große Opferfreudigkeit unserer Glaubensgenossen hier und auswärts in die Lage gebracht worden ist, schnell eine ersprießliche Thätigkeit zu entfalten. Wenn nach kaum zweijähriger Thätigkeit diesem Verein etwa 25 Schwestern angehören, welche in ihrem eigenen Schwesternheim Auguststraße 17 zusammen wohnen, und wenn deren Leistungen als befriedigende, zum Theil als vorzügliche betrachtet werden können, so muß dies immerhin als ein nicht zu unterschätzender Erfolg bezeichnet werden. Und dennoch hat Ihr Artikel das Rlässige getroffen; denn die Mehrzahl der sich dem Verein zur Verfügung stellenden Personen müssen leider zurückgewiesen werden, weil sie durch Herkunft, Erziehung und Bildung den Ansprüchen nicht genügen, welche man an eine Krankenpflegerin stellen muß, die ihren selbsterwählten Beruf von einem höheren Gesichtspunkte aus aufzufassen in der Lage ist. Wir können, wie schon angedeutet, mit dem vorhandenen Schwestermaterial des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen wohl zufrieden sein, sie besitzen durchschnittlich die erforderliche Bildung, es sind unter ihnen Schwestern aus besten Familien, welche im Elternhause gute Erziehung und Bildung genossen, wohl auch aus Neigung den Beruf der Krankenpflege erwählt haben. Aber in vielen Kreisen unserer jüdischen Bevölkerung und, ich sage dies nicht ohne Bedauern, oft in denen unserer wohlhabenden und angesehenen Familien fehlt noch die Erkenntniß von der Bedeutung dieses höchsten Berufes weiblicher Thätigkeit. Wie oft müssen, wir dies erfahren! Wie oft erhalten wir von Töchtern gerade aus jenen Kreisen Anfragen und Bitten um Aufnahme, welche ohne . Erfolg bleiben, weil Eltern und Angehörige solchen Bestrebungen den entschiedensten Widerstand entgegen setzen, und nur in solchen Fällen ist der Eintritt erfolgt, wenn die Mädchen, entweder elternlos oder großjährig geworden, den Eintritt gegen den Willen ihrer Angehörigen bewirkt haben. Wohl mögen Gründe bei den Eltern vorhanden sein. Gründe, welchen man unter Umständen ihre Anerkennung deshalb nicht versagen kann, weil sie aus einem, wenn auch nach unserer Meinung nicht richtigen Gefühle der Liebe zu den Angehörigen entspringen. Bald ist es die Furcht vor übergroßer Anstrengung, vor Ansteckungsgefahr; man will die Seinen vor dem Anblick Kranker und Leidenderbewahren, sie sollen des - Lebens Freuden, nicht seine Schatten kennen lernen, und man läßt die Tochter Alles ergreifen, nur nicht die Krankenpflege. : Kennen die von solchen Bedenken erfüllten Personen wohl das hohe Gefühl, einen schwer Erkrankten, einen für fast verloren Gehaltenen durch treue Pflege und liebevolle Hingabe wieder aufgebracht zu haben? Verstehen Jene die Empfindung, welche eine Pflegerin ergreift, wenn nach geschehenen! Liebesdienst der Kranke dankerfüllt die matten Augen aufschlägt und seine blasse Hand in die Hand der Schwester legt? Giebt ' es etwas Beglückenderes als das Bewußtsein, durch treue Pflichterfüllung mit dazu beigetragen zu haben, den trostlosen Eltern das Kind, der verzweifelten Gattin den Ernährer, dem Bruder die geliebte Schwester wiedergegeben zu haben? Ich möchte dies bezweifeln, weil sonst in den Kreisen unserer gebildete- : ren und besser situirten Glaubensgenossen solche Erkenntniß die Bedenken