Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Gemeinden oder einzelner Juden in Europa oder Amerika bestimmt sind. — Der Board of Guardians hat vom Baron Hirsch eine Spende von 16 000 Mark erhalten. Bei der letzten Monatsoersammlung seines Vorstandes konnte Mr. Cohn mittheilen, daß diese Spende nur der Anfang weiterer größerer Bewilligungen sein würde, da der Baron Hirsch die Leistung des Board voll zu schätzen wisse. Die Gehälter, die der Board an seine fest angestellten Beamten auszahlt, haben sich mit dem fortwährenden Wachsen seines Wirkungskreises sehr bedeutend gesteigert, und erreichen jetzt den Betrag von 60 000 Mark pro Jahr. — Der berühmte englische Maler Mr. G. W. Holman Hunt hat einen Vortrag gehalten über die Wiedererrichtung des jüdischen Staates in Palästina. Der große Künstler, übrigens aus urchristlicher Familie stammend, sprach seine feste Ueberzeugung aus, daß die neue Begründung eines jüdischen Staates auf dem Boden des heiligen Landes nur eine Frage kurzer Zeit sei, und daß die weitere civilisatorische Entwickelung der Kolonisation Palästina's durch Juden sehr schnell zu diesem Ziele führen würde. In der Versammlung, in der Herr Hunt sprach, wurde auch der Brief eines angesehenen Geistlichen der katholischen Kirche, des Pater Ignatius aus Bournemouth, verlesen, der seine Sympathie'mit diesen Ideen ausdrückt. Kein Wunder! — Mr. Joseph Sebag-Montefiore, der Generalkonsul für Italien, sandte den von ihm für die italienischen Verwundeten gesammelten Betrag von 66 006 Mark an das italienische Komitee des rothen Kreuzes ab. Diese Summe ist größtentheils von jüdischen Gebern aufgebracht. — In der monatlichen Versammlung der Anglo-Jewish Association wurden bewilligt für die Schulen in Chios 280 Mark, Konstantinopel 4 000 Mark, Crujowa 600 Mark, Damascus 1 006 Mark, Damascus Abendklassen 200 Mark, Damascus Mädchenschule 640 Mark, Philippopel 800 Mark, Arco 80 Mark, Smyrna Mädchenschule 800 Mark, Thetuan Mädchenschule 560 Mark und Bottuschani 400 Mark. Ueber die einzelnen wurde mitgetheilt, daß in Damascus in der Talmud Thora Schule 462 Schüler sich befinden, außerdem 32 Lehrlinge Abendunterricht erhalten. In der Mädchenschule von Damascus sind 200 Schülerinnen, in der von Smyrna 330. Die Association beabsichtigt, dem Schah von Persien zu seinem 50jährigen Regierungsjubiläum zu gratuliren und^ dabei auf die traurige Lage der dortigen Juden hinzuweisen. Won Nah und Fern. — Der österreichische Orben der Eisernen Krone dritter Klasse ist dem Ingenieur und Fabrikbesitzer Jakob Gutfeld zu Berlin in Anerkennung seiner außerordentlich gemeinnützigen und ersprießlichen Thätigkeit als 'geschäftsführender Sekretär des österreichisch-ungarischen ' Hilfsvereins zu Berlin verliehen worden. — Der praktische Arzt Dr. Flato w hatte gegen den Redakteur Dr. Otto Bachler eine Privatbeleidigungsklage eingereicht. Der Gerichtshof nahm mannigfache Beleidigungen als vorliegend an und verurtheilte Dr. Bachler zu einer Geldstrafe von 50 Mark oder 10 Tagen Gefängniß, sowie zur Publikation des Urtheils in der Staatsbürger-Zeitung. — In Ostromo wurde ein Kaufmann wegen Betrug und Meineid verhaftet. Sofort fügten zwei hiesige Antisemitenblätter der von allen Zeitungen gemeldeten Nachricht die Bemerkung hinzu, daß der Betreffende Jude sei. Auf Grund zuverlässiger Information wirdnun bekannt, daß derselbe Christ und eifriger Antisemit ist. Ob die beiden antisemitischen Blätter den Anstand besitzen und einen Widerruf veröffentlichen werden? — Dr. Albert Pick, Lehrer an der höheren Handelsfachschule in Erfurt, ist zum Oberlehrer am königlichen Realgymnasium daselbst ernannt worden. - Von Interesse ist die Nachricht, daß in Dertingen (Amtsbezirk Werthein in Baden) seit über 100 Jahren jüdische Schmiede leben, Namens Schwarzschild, die fromm sind und für die Bauern arbeiten außer Sonnabend und Sonntag. — Der diesmalige Preis der Rappaportstiftung in Wien ist Herrn Dr. M. Grunwald, Prediger in Hamburg, für sein Werk „Der Einfluß Spinozas auf die deutschen Denker und Dichter" zuerkannt worden. — Der Pfarrer von Weinhaus Dr. Josef Deckert wurde kürzlich wegen Uebertretung des Preßgesetzes zu einer Geldstrafe von fünfzig Gulden verurtheilt. Die vom Staatsanwalt Hawlath erhobene Anklage lautete dahin, Pfarrer Deckert habe Stellen aus einer in Deutschland erschienenen und hier konfiszirten Schmähschrift gegen die' Juden in dem von ihm herausgegebenen „Sendboten vom heiligen Josef" nachgedruckt. Der Gerichtshof fand Pfarrer Deckert im Sinne der Anklage schuldig und verurtheilte ihn zur Eingangs erwähnten Strafe. — Die zwanzigjährige Magd Anastasia Sw ob o da in Wien mußte auf Grund des polizeiärztlichen Parercs der psychiatrischen Klinik übergeben werden. Sie leidet an dem Wahne, ihre christliche Dienstgeberin sei Jüdin und beabsichtige, sie anläßlich der jüdischen Osterfeiertage abzuschlachten. — Ein Wiener Jude hat bei den olympischen Spielen — und zwar beim Wettschwimmen in der Bucht von Munychia — den Sieg errungen. Wie aus Athen gemeldet wird, gewann Paul Neumann aus Wien, Mitglied des Ersten Wiener Amateur-Schwimmklubs, die Weltmeisterschaft im Schwimmen, indem er die Strecke von 600 Metern in 8 Minuten 12 Sekunden durchschwamm. Der olympische Sieger ist ein Sohn des Wiener Professors der Dermatologie, Hofrathes Dr. Isidor Neumann. Auch Albert Gutmann aus Budapest hat die beiden ersten Preise im Wettschwimmen gewonnen. Dieser olympische Schwimmer war vor vier Jahren — noch Bachur in Preßburg! — Der deutsch-österreichische Handwerkerkongreß in Tr o pp au beschloß einstimmig die Ausschließung des antisemitischen Abgeordneten Schneider von allen Kongressen der österreichischen Gewerbepartei. — Der Redakteur des antisemitischen „Glos Narodu" in Krakau, Ehrenberg, wurde wegen verweigerter Aufnahme eines Dementis des Predigers Dr. Landau, bezüglich der Behauptung des Abgeordneten Chotkowski, Dr. Landau habe in der dortigen Volksschule christlichen Schulkindern Religionsunterricht ertheilt, zu einer vierundzwanzigstündigen Arreststrafe und Zahlung der Gerichtskosten verurtheilt. Außerdem wurde über sein Blatt bis zur Veröffentlichung der Berichtigung die Sperre verhängt. — Wie der „Pester Lloyd" berichtet, sind nach einer vierteljährigen Pause in Fertö-Szt.-Miklos die Ausschreitungen gegen die jüdischen Bewohner wieder an der Tagesordnung. Am Nachmarkt wurden die Wohnungen der nichts ahnenden israelitischen Bewohner attakirt, Fenster zertrümmert und die Ruhe gestört. Um 9^ Uhr begann auf Kommando das Bombardement auf die Fensterscheiben seitens einer größeren Truppe von halbwüchsigen Jnngen, und erst nach Mitternacht trat wieder Ruhe ein. Das Traurigste an diesen Hetzen. ist, daß die Ortsobrigkeit die Exzedenten ruhig gewähren läßt. Weder der Richter, noch die Geschworenen oder der Notar fanden es bisher für nöthig, einzuschreiten, und so kommt es, daß viele Juden es gar nicht wagen, sich zu Bette zu begeben. — Der französische Minister des Innern hat dem jüdischen Asyle zu Plessis-Piquet aus dem Wettfonds („Uari-Nutuel") den Betrag von 50.000 Franks zukommen lassen. — Bei dem Reiterkongreß in Paris hat der Lieutenant Roger Löv elier den ersten Preis erhalten. — In Paris ist der einzige Sohn des gelehrten Adolph Franck, Jules Franck, früher Unterpräfekt und Direktor am Ministerium des Innern, im 52. Lebensjahre gestorben. — Erzherzog Karl Ludwig besuchte die Synagoge der Sephardim in Jerusalem und besichtigte die Klagemauer der Juden, wobei, ihm die Aeltesten der Judengemeinde die Honneurs machten, denen der hohe Gast seinen Dank ausdrückte. — Ein christlicher Kaufmann in Holland hat dem Oberrabbiner Dr. Dünner in Amsterdam 10 000 Gulden für verschiedene jüdische Wohlthätigkeitsanstalten mit der Begründung testamentarisch vermacht, daß er bei allen seinen geschäftlichen Verbindungen mit Juden diese immer und überall als zuverlässig und anständig kennen gelernt habe. — Der letzte Präsident von Brasilien, Floriano Peixoto, dessen Regierungsmandat 1894 ablief, ist, wie der American Jsraelite aus zuverlässiger Quelle erfahren, jüdischen Ursprungs. — In Bombay ist unter dem Beni-Israel ein neuer Verein gegründet worden, der seiner Seltenheit bei Juden halber ein gewisses Interesse in Anspruch nehmen dürste. Es ist dies ein Temperenzverein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. Bei der sprichwörtlichen Mäßigkeit der Juden ist es sehr seltsam, daß ein solcher Verein für jüdische Kreise ein Bedürfniß sein sollte. — Auf Anregung des Rabbiners Dr. Boas aus Adelaide ist eine Versammlung sämmtlicher Rabbiner Australiens zusammengetreten. Die Zahl derselben ist allerdings noch keine sehr bedeutende. Es sind zur Zeit als Rabbiner thätig in Melbourne Dr. Abrahams, Jacob Lenzer, E. M. Blaubaum, in Adelaide Rabbiner Boas, in Ballarad Räbbiner Göldreich, in Brisbane Rabbiner Chodowski und in Neu-Seeland die Rabbiner' Goldstein, Van Staveren und Harrison. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.