Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 semitische Lügnerbande in Wien hat natürlich sofort einen „Ritualmord" konstruirt. Um so nachdrücklicher muß es hier konstatirt werden: In Philippopel hat es sich wieder einmal-gezeigt, wessen man sich von der antisemitischen Bande zu versehen hat. / > . , ■ - ■ WM: , ' ■ 7. Großbritannien. - ■■■■?. B. London, 11. April. Mr. Arnold White, der Führer der Bewegung, welche die fremde Einwanderung bekämpft,-hat auf seine wiederholten Gesuche von Lord Salisbury die folgende Antwort erhalten,; „Geehrter Herr! Es liegt mir sehr am Herzen, ein Gesetz über die Einwanderung einzubringen, ich glaube auch, daß ein solches. wohl Nutzen bringen könnte und von den Arbeitern in vielen Bezirken dringend gewünscht wird. Andererseits weiß ich nun zu genau, daß die Geschäftslage im Unterhause so ungünstig ist, daß es gar keinen Zweck hätte, ein Gesetz jetzt vorzulegen. Ich denke daher, wir warten, bis die dringlicheren Angelegenheiten erledigt sind. Ihr sehr ergebenes Salisbury." Diese Antwort sieht einer höflichen Ablehnung sehr ähnlich. — Die amtliche Statistik der Stadt London stellt die betrübende Th atsache fest, daß die Kindersterblichkeit bei den Juden Londons viel größer ist als bei den Christen. Während in ganz England die Zahl der Todesfälle von Kindern unter 10 Jahren nur 25pC1. der Gesammtziffer ist, beträgt sie bei den Juden 54—6OpCt. Freilich ist sie bei der reichen Klasse 20pCt., bei der mittleren Schicht 36pCt., aber bei den armen Juden des Ostends 81 pCt. Die Ursachen dieser betrübenden Erscheinung sind noch nicht völlig aufgeklärt, dieselben müssen aber eifrig studirt werden. — Der korrespondirende Sekretär der Organisation der Arbeitslosen hat sich an den Chief Rabbi Dr. Adler gewendet, um seine Aufmerksamkeit auf die angeblich große Zahl von beschäftigungslosen Juden zu lenken. Nachdem der Chief Rabbi die nöthigen Informationen eingezogeu, war er in der erfreulichen Lage, den folgenden Brief an den Sekretär zu richten: „In Erwiederung Ihres werthen Schreibens vom 17. bitte ich Sie, von der Feststellung Kenntniß zu nehmen, daß zur Zeit nach meinem besten Wissen die Zahl der beschäftigungslosen Juden keine bedeutende ist. Die Berechnung übet diesen Gegenstand ist in dem gerade jetzt erschienenen Bericht des Board of Guardians for the Relief of the Jewish Poor enthalten und aus ausgezeichnete Informationen, begründet. Sie kommt, zu dem Schluß daß die Erwerbszweige, in denen die Juden vorzugsweise thätig sindl in diesem Jahr ziemlich gut gegangen sind. Mit Rücksicht auf das allgemeine Elend, das unzweifelhaft existirt, bin ich überzeugt, werden meine Glaubensgenossen, die im Unterhause sitzen, sich ihrer Pflicht voll bewußt sein und keines weiteren Hinweises von mir bedürfen. Ihr ergebenster H. Adler." * Non Nah und Fern. ---Die königliche Akademie der Wissenschaften hat den Professor Dr. Heinrich Weil in Paris, Mitglied des Institut de France, zum korrespondirenden Mitgliede ihrer philosophisch-historischen Klasse gewählt. — Der Abg. Dr. Böckel hat sich wieder ein eigenes Organ geschaffen. Es ist dies ein in Berlin erscheinendes „unabhängiges unh unpolitisches Wochenblatt für Volkswirthschaft und geistiges Lebens, das sich der „Vorkämpfer" betitelt und den Interessen des „Deutschwirthschaftlichen Verbandes" dienen will. — Der israelitische Frauenverein in Ostrowo hat beschlossen, das bisherige Vorstandsmitglied desselben, Frau Caroline Liebes, anläßlich ihrer Uebersiedelung nach Frankfurt a. M. und in Anerkennung ihrer vielseitigen Wirksamkeit unH ihrer Verdienste um das Gedeihen des Vereins zum Ehrenmitglieds ernennen und ihr ein Diplom überreicht. — Lehrer Hope in Usch ist an Stelle des aus dem Schuldienste geschiedenen Lehrers Faroszynski an diö einklassige Schule in Kurnik versetzt worden. — In Görlitz ist am 11. M nach klangen schweren Leiden die verwittwete Frau Kommerzienrats- Julie Katz, Inhaberin der Kriegsdenkmünze von 1870/71 für NichU kombattanten, gestorben. — Bei dem großen Festessen, welches am 7. d. M. zum Abschied des Oberreichsanwalts Hamm in Köln stattfand und an welchem 660 Personen, darunter der Herr Obech Präsident Nasse und alle höheren Behörden theilnahmen, führte der Gefeierte u. A. aus: Sein Lieblingsgedanke sei stets gewesen. Alles,iy den Hintergrund zu drängen, was die Menschen trenne. Freudig habe ihn die Sitzung des Gefängnißverekns im Gürzenich berührt, wo ein katholischer Bischof,, ein protestantischer Prediger und ein jüdischer Rabbiner nacheinander für ein Werk der Barmherzigkeit gesprochen haben. — Der Professor der Heidelberger Universität/ Dr. Georg Jellinek, wurde von der Princeson TJniversity zu New--Jersey anläßlich der Feier ihres hundertfünfzigjährigen Bestandes zum Ehrendoktor ernannt. — Der Kaufmann und Kultüsvorsteher August N athan zu Runkel a. d. Lahn, seit etwa 10 Jahren Mitglied des Stadtraths, ist einstimmig als Bürgermeister-Stellvertreter gewählt und von der kgl. Regierung zu Wiesbaden bestätigt worden. — Zur Berichtigung einer Notiz in voriger Nr. wird uns mitgetheilt, daß nicht nur drei, sondern über ein Dutzend jüdischer Lehrer an Kommunalschulen in Hessen angestellt sind. — Der israelitische Religionslehrer Marcus Slodki in Ober-Ramstadt ist einstimmig zum Kantor in Pirmasens gewählt worden. — In Stuttgart rettete Brandnleister. Jakobi unter eigener Lebensgefahr ein Kind aus den Flammen. — Bon dem Wiener Schwurgerichte wurde nach mehrtägiger sensationeller Verhandlung der Direktor der „Export-Union-Kommanditgesellschaft" Wilhelm Julius Schmidt wegen Betruges und Kautionsschwindeleien, bei welchen 46 Firmen durch gefälschte Jnserätenbestellungen geschädigt erscheinen, zu vier Jahren schweren und verschärften Kerkers und zur Landesverweisung verurtheilt. Wilhelm Julius Schmidt war ein großer Antisemit und will einmal einen ihm angeblich gemachten günstigen Antrag mit der Motivirung abgelehnt haben, „weil er mit Juden nichts zu thun haben wolle". — Ein ehemaliger armer Rabbinatskandidat ist gegenwärtig Hauptingenieur an der si b irischen Eisenbahn und leitet die Arbeiten dieses Schienenstranges, welcher Asien mit Europa verbinden soll. Der Name dieses bemerkenswerthen Autodidakten ist I. B. Günz-" bürg. — Die englischen T hierschutzvereine, die eine sehr lebhafte Bewegung im Sinne ihrer Bestrebungen unterhalten und eben erst wieder eine Petition mit 1200 Unterschriften gegen die Vivisektion dem Minister des Innern überreichten, denunzirten einen Schlächter und dessen Gehilfen, der einen Ochsen nach jüdischem Brauch „geschächtet" hatte, dem Richter wegen Thierquälerei. Das Verfahren endete mit der Abweisung der Klage, da mehrere Schlächter und Thierärzte übereinstimmend sich dahin aussprachen, daß das sogenannte „Schächten" keine Thierquälerei sei. — Kaiser Wilhelm ließ sich in Venedig das älteste Mitglied der italienischen Kammer, den Professor der Nationalökonomie Luigi Luzzatti, vorstellen und' vertiefte sich mit ihm in ein Gespräch, welches, wie der „N. Fr. Presse" mitgetheilt wird, länger als eine halbe Stunde währte. Das Gespräch streifte alle Fragen des europäischen Staatslebens. — Bei der jährlichen Prüfung an der Universität in Kalkutta im vorigen Monat war die einzige Dame, die das Doktorexamen bestand, Fräulein Mathilde Cohen. — /Auf seinen Reisen durch die Süd-Staaten besuchte Kardinal Satolli, der päpstliche Legat in den Bereinigten Staaten, die Stadt Galveston in.Texas, wo ihm zu Ehren ein Banket gegeben wurde. Unter den geladenen Gästen befand sich auch Henry Cohen, Rabbiner der Gemeinde B'nei Israel. . Er war der einzige Nichtkatholik. Nach beendeter Mahlzeit wurde dem Rabbiner angedeutet, daß es dem Kardinal angenehm wäre, wenn er das Tischgebet vortragen möchte. Unter üthemloser Stille erhob sich Rabbiner Cohen und trug das Tischgebet in englischer und lateinischer Sprache vor) wonach er das Magnifikat hebräisch rezitirte. Hierauf folgten die üblichen Tischreden. Auf allgemeines Verlangen eröffnete Rabbiner Cohen den Reigen, indem er zuerst dem Kardinal und den versammelten Priestern für die ihm gewordene Einladung seinen tiefgefühlten Dank aussprach. Hierauf nahm Kardinal Satolli das Wort .und sagte u. A.: „Vom Gesichtspunkte der katholischen Kirche, nicht minder von dem der Humanität betrachte ich diesen Augenblick als einen höchst feierlichen., Es ist mir höchst angenehm, bei dieser Gelegenheit einen Rabbi unter uns zu sehen, denn er verkörpert, was'ich mit Bezug auf Kirche und Humanität sagen wollte. Er ist der würdige Vertreter einer Religion; ich der einer anderen. Lassen Sie uns die Hoffnung aussprechen, daß in Zukunft alle Menschen Brüder im Herzen sein werden, wie ich es heute schon, mit dem Rabbi bin." . ' Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlim Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlü