Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
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182 \!?'■!:■ :5:'„ l'1’ Jntereffen geschädigt wurde und daß das ganze Volk die Politik der Judenverfolgung durchaus mißbillige, faßte der Kongreß einstimmig folgende Resolution: „Die Lage der Juden ist eine anormale. Alle redlichen Wege zur Erlangung eines Erwerbes werden ihnen verschlossen. Unter : anderen Verhältnissen aber könnte die orthodoxe Bevölkerung die den Juden von der Natur verliehenen Fähigkeiten vortheilhaft aus- . nützen. Die Heranziehung der jüdischen Bevölkerung zur gleichberechtigten Theilnahme an dem ökonomischen Leben des Reiches würde auf den Wohlstand der Gesammtbevölkerung einen günstigen Einfluß üben, denn die Juden weisen die glückliche Bereinigung von Arbeitsamkeit, Ehrlichkeit und Unternehmungslust auf, welche Eigenschaften gegenwärtig zum Bedauern Aller dem ökonomischen Leben des Reiches entzogen werden. Der Kongreß erachtet es deshalb für seine patriotische Pflicht, die gleichberechtigte Theilnahme der Juden am ökonomischen Leben des Reiches wärmstens zu befürworten." Der Kongreß hat aber auch seine Resolution dem Ackerbau- Ministerium zugeschickt, nachdem der Vorschlag eines Mitgliedes, den Zaren selbst auf die Lage der Dinge aufmerksam zu machen, aus naheliegenden Gründen fallen gelassen werden mußte. Was werden nun erst die Tschinowniks im Ackerbauministerium für dumme Gesichter schneiden, wenn sie diese Manifestation des Ständekongresses von Lochwitza zu lesen bekommen? Aber freilich, Rußland ist groß und der Zar ist weit. So wenig wie die Klagen der unglücklichen Juden, ebenso wenig werden die Bitten der armen Bauern auch nur nach Petersburg gelangen. Und es ist kaum Aussicht vorhanden, daß diese Resolutionen irgend eine praktische Bedeutung in absehbarer Zeit erringen werden, aber einen hohen moralischen Werth erhalten sie allemal. Diese Mani-. festationen des Volkswillens sind glänzende Zeugnisse für die viel geschmähten russischen Juden und niederschmetternde Argumente gegen deren Feinde. Das russische Volk als solches kennt keinen Judenhaß; nur die sogenannte „Gesellschaft" hat mit allen anderen Korruptionen auch diese aus dem „faulen Westen" freundwillig übernommen, und sie hat sich mit allein Eifer bemüht, sie auch in das Volk hinein zu tragen. Glücklicherweise ist dieses Experiment nicht gelungen. Der russische Baller kennt seinen Vortheil und weiß, von wenr er eine wirkliche Förderung seiner Interessen zu erwarten hat. Und deshalb haben diese oben erwähilten Petitionen und Resollltionen des russischen Bauern in verschiedenen Theilen des großen Zarenreiches eine ganz besondere Bedelltung. Handelt es sich doch hier gerade um jene viel geschmähten Zwischenhändler, gegen welche die Antisemiten ihre Giftpfeile gerichtet haben. Wie nothweildig braucht erst das Volk die jüdischen Handwerker, die im Schweiße ihres Angesichts ihr kärgliches Vrod verdienen, die sehr oft die einzigen Vertreter ihres Handwerks in einem Dorfe sind und die über 40 Prozent der gesammten jüdischen Bevölkerung Rußlands und Polens ausmacheil! Ohne diese jüdischen Handwerker könnten ganze Städte und weitverzweigte Bezirke auch außerhalb des Ansiedelungsrayons gar nicht auskommell. In vielen Dörfern sind sie die einzigen Schnliede. Tischler, Glaser, Steinklopfer, Dachdecker u. s. w. Und der Verkehr zwischen ihneil und den russischen oder polnischen Bauern ist ein bllrchweg freundlicher, ja sogar gemüthlicher. Die Antisemiten werden natürlich überall, in Rußland sowohl wie bei uns, diese merkwürdigeu Thatsachen todtschweigeu, aber damit sind dieselben, Gott. sei Dank, nicht aus der Welt geschafft. Sie existiren, und die Stimme des russischen Volkes wird schließlich doch einmal, trotz aller Hindernisse, auch bis zu dem Thron des Zaren dringen und dort Gehör finden. Berlin, 14. April, fröhliche Bruderzwist zwischen den Konservativen und SÄg) Christlich-Sozialen bringt jetzt allerlei erbauliche Einzel- ' heiten aus der Geschichte des Antisemitismus in Berlin zu Tage, die registrirt zu werden verdienen. So plauderte dieser Tage das „Volk" folgende Indiskretionen aus der Schule: „Anfangs der achtziger Jahre ist, begünstigt vom Wohlwollen der leirenden Staatsmänner und unterstützt durch große Summen, die ein Einzelner verauslagte (das von ihm erhaltene Preßorgan verschlang allein eine halbe Million), der Kampf gegen Freisinn und Sozialdemokratie mit großem Eifer geführt worden. Selbst die „Sprengkolonnen" der Antisemiten wurden ruhig in den Kauf genommen, und man erzählt sich, daß selbst sehr hochgestellte Personen daran ihre Freude hatten. Als aber diejenigen Elemente, welche der. Bewegung geistigen Inhalt und Schwung gegeben, mit dem praktischen Christenthum Ernst gemacht wissen wollten, da wurden die besten Kräfte der Bewegung an die Wand gedrückt, unbekümmert darum, daß alle Erfolge des seitherigen Kampfes aufs Spiel gesetzt wurden und zum Theil auch verloren gingen." Diese Bekeuutuisse sind ohne Zweifel sehr interessant; mit großer Offenheit wird zugestauden, daß die antisemitische „Berliner Bewegung" den Spenden hauptsächlich eines Einzelnen ihr Entstehen verdankt hat, daß sie das „Wohlwollen" damaliger Staatsmänner genossen, daß selbst ihre Ausschreitungen in gewissen „vornehmen Kreisen" Freude .verursachten. Richtig ist, daß die „Bewegung" den Krebsgang einschlug, als der Betreffende die Patrone erkannte, die er eine Zeitlang so freigebig patronisirt hatte, als die Geldquellen versiegten. Die leitenden Staatsmänner ans jener antisemitischen Aera haben es ja kürzlich versucht, ihr Wohlwollen und ihre Begünstigung der Agitation in Abrede zu stellen. Vielleicht hören wir im Laufe der Polemik auch noch die Namen jener hochgestellten Höflinge des Antisemitismus, die s. Z. selbst die „Sprengkolonnen der Antisemiten" in den Kauf nahmen iiixb an ihren Thaten „Freude hatten". * In Meister Ahlwardt's Wahlkreis, Friedeberg-Arnswalde, macht sich eine starke Ströniung geltend, deren Zweck es ist, den „Reichstagsabgeordneten auf Reisen" zlnn Rücktritt von seinem Mandat zu veranlassen. Während der letzten Tage waren einflußreiche Persönlichkeiten aus Arnswalde uud dem Städtchen Neuwedel nach Berlin gekommen, um sich zu informiren, ob Ahlwardt durch irgend welche gesetzliche Gründe gezwungen werden kann, sein Mandat niederzulegen. Obgleich solche wohl schwerlich gefunden werden dürften und Ahlwardt sicherlich nicht freiwillig Verzicht leisten wird, hoffen seine ehemaligen Anhänger doch noch, Mittel und Wege zu finden, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Mehrere, jetzt in Berlin lebende Friedeberg-Arnswalder reisten während der Feiertage nach ihren Heimathsorten, um gegen Ahlwardt zu agitiren. Nach ihren Mittheilungen ist im Kreise besonders ein Anwachsen der Sozialdemokratie wahrzunehmen. Schreiben, die Ahlwardt von einer Anzahl seiner Wähler erhielt und in denen er zur Rückkehr von Amerika aufgefordert wurde, blieben bisher unbeantwortet. Ein solcher, ziemlich energisch gehaltener „Mahnbrief", der von mehreren seiner „Freunde" unterzeichnet war, ging am Mittwoch an Ahlwardt ab. * Die Wiener Mechitaristen-B uchdruck er ei annoncirt eine neue Uebersetzung des Schulchan-Aruch in zwei Bänden von Heinrich C. F. Loewe sen. Der Prospekt behauptet, daß die von der Marugg'schen Verlagshandlung Basel 1887 begonnene Uebersetzung