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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-03 · Heft 14 (3.4.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 gegenüber den in der Interpellation bezeichneten bedauerlichen Vorgängen innerhalb eines kleinen Theiles der Studentenschaft, welche den akademischen Frieden ernstlich zu gefährden geeignet sind, nicht blos sofort ihre schärfste Mißbilligung ausgesprochen, sondern den bestehenden akademischen Gesetzen gemäß eine strenge Untersuchung eingelcitet und auf Grund der bisherigen Resultate dieser Untersuchung in der Sitzung des akademischen Senats vom 20. d. Beschlüsse gefaßt und hierüber vorläufig aniuit berichtet. Hiernach wurde zunächst gegen denjenigen Studirenden, welcher der Versammlung der sogenannten wehrhaften deutschen Studentenvereine am 11. März prüsidirte, die Strafe der dauernden Relegirung von der Wiener Universität, gegen zwei weitere Studirende, welche am 14. März das Absingen von Liedern in der Universitätshalle veranlaßten und dadurch die Ordnung störten, die' Strafe der Relegation für ein Semester, gegen diejenigen Studirenden, welche die Aussage bezüglich ihrer persönlichen Theilnahme an der Versammlung vom 11. März infolge eines gemeinsamen Beschlusses verweigerten, die Strafe der Rüge durch den Rektor vor dem versammelten akademischen Senat, verschärft mit dem consilium abeundi, verhängt, und soll gegen die Letzteren die Untersuchung ihren weiteren Gang nehmen." Allein bis jetzt ist die Untersuchung des akademischen Senates über die Affäre der wehrhaften Studenten noch keineswegs abgeschlossen. Gegen nicht weniger als sechzehn Universitätshörer soll der Antrag aus Relegirung gestellt worden sein. — Vor dem Schwurgerichte in Budapest stand vorgestern der katholische HilfsPriester Johann Fuß unter der Anklage der Verleumdung und Ehrenbeleidigung, weil er in einem im „Magyar Allam" veröffentlichten Berichte den Kissaloer Gastwirth Ignaz Adler beschuldigt hatte, an einem fünfjährigen Bauernmädchen im September vorigen Jahres einen Ritualmord ' begangen zu haben. Dieser angebliche Ritualmord bildete auch bereits den Gegenstand einer Kriminaluntersuchung vor dem Jpolysager Gerichtshöfe gegen Ignaz Adler und Genossen, die aber mit der Einstellung des Strafverfahrens endete, weil sich nicht die geringsten Anhaltspunkte dafür ergaben, daß Adler und Genossen die Mörder des kleinen Mädchens seien. Ignaz Adler hat vor einem Monate einen Selbstmord verübt, doch bestanden dessen Kinder auf Fortsetzung des Prozeßverfahrens. In der gestrigen Verhandlung wurde der Angeklagte einstimmig der Verleumdung schuldig erkannt und derselbe zu vierzehn Tagen Arrests, fünfzig Gulden Geldstrafe und Veröffentlichung des Urtheils im „Magyar Allam" verurtheilt. Unter den Geschworenen befanden sich neun Christen und drei Juden. Der Vertheidiger Hortovany, welcher Herausgeber und Redakteur des „Magyar Allam" . ist, erklärte, er sei der Ueberzeugung, daß der Ritualmord ein albernes Märchen sei und daß Derartiges weder bei den aufgeklärten, noch bei den orthodoxen Juden jemals vorgekommen. Er müsse aber die Bertheidigung darauf basiren, daß von einer Verleumdung nicht die Rede sein könne, weil in der betreffenden Korrespondenz nicht direkt behauptet worden sei, daß das Bauernmädchen ermordet wurde. Amerika. H. New-Aork, im März. Der soeben erschienene Jahresbericht der United Uebrew Obarities in New-Jork giebt ein lebendiges und erhebendes Bild des Wirkens dieses unzweifelhaft großartigsten aller jüdischen Wohlthätigkeitsvereine. Die Jahreseinnahmen betrugen in runder Summe 143 000, die Ausgaben 139 000 Dollars. Die Gesammtzahl der berücksichtigten Unterstützungsgesuche belief sich auf 24 750, davon waren 7508 neue Applikanten. Von den 6751 Bewerbern um Nachweis einer Stellung konnten 6629 untergebracht werden; die Uebrigen waren zumeist unfähig oder unwillig, eine Stelle zu übernehmen. Die Unterstützungsbewerber waren zumeist, mehr als 80 Prozent, Polen und Russen; dasselbe Verhältniß herrscht unter den Einwanderern vor, deren man in dem mit dem 30. September abschließenden Etatsjahre 27 065 zählte und von denen 17 371 aus Rußland kamen und 19 518 in New-Z)ork verblieben, dessen russisch-jüdische Bevölkerung auf eine Viertelmillion geschätzt wird. Von Nah und Fern. — Die Louisenstädtische Brüdergemeinde A Hamas R ei'm hat in ihrer ~ Generalversammlung Herrn Rabbinatskandidaten I. Bleichrode zu ihrem Predigerund Religionsschuldirektor gewählt. - Heinrich Grün selb wurde vom Kaiser durch die Verleihung einer kostbaren Chiffrenadel in Brillanten ausgezeichnet, die ihm mit einem höchst schmeichelhaften Begleitschreiben des Oberhofrnarschalls Grafen Eulenburg zugestellt wurde. — Der erste Michael Beer-Preis war für Maler jüdischer Religion ausgeschrieben. Es meldeten sich zwei Bewerber, deren Arbeiten jedoch zur Ertheilnng des Preises nicht ausreichend erschienen. — Die Redaktion des „Israelitischen Jugendfreund" hat drei Preise von 100, 60 und 30 Mark für die besten jüdischen Jugenderzählungen von 30-36 Seiten Umfaug ausgeschrieben. Preisrichter sind die Herren Rektor Dr. Adler, Redakteur Alphonse Levy, Realschullehrer Dr. Engländer und Lehrer B. Traubenberg. — Der Freund Ahlwardt's, der „deutsche" Gastwirth Bodek hat „nach den bisherigen schlechten Erfahrungen, die hohe Politik an den Nagel gehängt und will nur noch der „Förderung des deutschen Gastwirthgewerbs" leben. Er war der Kompagnon Böckels bei deni Berliner Zeitungsunternehmen, das anstatt des erwarteten Goldes den Krach brachte. — Die antisemitische Verhetzung hat wieder einmal eine nette Frucht gezeitigt. Die „Eberswalder Zeitung" berichtet: „Ein ruchloses Bubenstück ist auf dem hiesigen jüdischen Kirchhofe verübt worden. Zwei Grabdenkmäler sind umgeworfen und theilweise zertrümmert worden. Es wäre sehr bedauerlich, wenn es nicht gelingen sollte, den Thäter zu ermitteln; die jüdische Gemeinde hat eine Belohnung von 100 Mark für die Entdeckung desselben ausgesetzt." — Professor Dr. B. Pick, wissenschaftlicher Beamter des herzoglichen Münzkabinets in Gotha, ist zum außerordentlichen Professor der Münzkunde an der Universität Jena ernannt worden. Sein Amt an Gotha behält er bei. — In Hessen sind folgende jüdische Lehrer in Simultanschulen angestellt: Lehrer Rothschild in Worms, Sondheimer in Darmstadt und Weinberg in Bürgel. — Gegen den Führer der württembergischen Antisemiten, Paul Meyer in Stuttgart, veröffentlichen der „Beobachter" und die „Franks. Ztg." einen Vertragsentwurf, durch den derselbe einen in Bedrängniß gerathenen Familienvater verpflichten wollte, gegen eine monatliche Subvention von 10 Mark aus Stuttgart fortzuziehen und seine Elternrechte über die hübsche 18jährige Tochter auf Meyer zu übertragen. — Am 28. d. M. ist in Mühlhausen in Thüringen der allgemein geachtete und beliebte Prediger und Lehrer M. Fackenheim, von seiner Gemeinde tief betrauert, nach kurzem Leiden gestorben. — Der Bischof von Waitzen, Constantin Schuster, spendete dieser Tage 100 000 Gulden zur Errichtung eines Spitals, in welchem Kranke ohne Unterschied der Konfession Aufnahme finden sollen. — Laut Verordnung des österreichischen Kriegsministeriums ist der Rabbiner Dr. Maximilian Pollack in Oedenburg zum Feldrabbiner 2. Kl. ernannt worden. — In Wien hat ein Duell wegen der Verrufserklärung derjttdischen Studenten zwischen dem Schriftsteller Hermann B a hr und einem deutsch-nationalen Studenten stattgefunden. Bahr wurde verwundet. — Das russische Ministerium der Volksaufklärung ist zur Zeit mit der Einsammlung von Nachrichten über die im ganzen Reiche bestehenden jüdischen Elementarschulen, sowie die Zahl der Schüler derselben beschäftigt, was zu Gunsten der Juden gedeutet wird. — Staatsrath Dr. med. Schapiro wurde zum ältesten Assistenten des klinischen Institutes der Großfürstin Helene Pawlowna ernannt. — In Kairo ist der bekannte Petersburger Rechtsanwalt W. L. Bermann gestorben, der trotz seines jungen Alters (er wurde kaum 35 Jahre alt) sich um die Sache unserer Glaubensbrüder in Rußland verdient gemacht hat. Im Jahre 1893 delegirte ihn das Petersburger Central-Komitee der Jewish-Kolonisation Association behufs gründlicher Erforschung der Emigrationsbewegung und ihrer Hilfsmittel nach Berlin, Hamburg, Bremen, Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen, Brüssel, Parisund London. Hür legte er die Grundlage zu einer besonderen, für nicht nach Argentinien gehende russisch-jüdische Auswanderer bestimmten Abtheilung des Central-Komitees, an deren Spitze er unermüdlich bis zu dem Augenblicke stand, an dem ihn sein unheilbares Leiden in die Ferne trieb. — New-York ist die einzige Stadt des Erdenballs, die drei jüdische Theater besitzt. Selbstredend werden da nur „jüdische Stücke" aufgeführt, und zwar in dem Dialekt des „Jargon". — Die theologische Fakultät des Hebrew-Union College in Cincinnati hat Herrn Prof. Dr. Moritz Steinschneider anläßlich seines 80. Geburtstages zum Doktor der Theologie (Ooetvr ok Divinity) ernannt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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