Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 wahrem Freudegefühl, sondern auch mit thatenbereitem Pflichtbewußtsein aufnahm, beweist der Umstand, daß mehrere Private, deren Namen jid) des besten Klanges erfreuen, der Fondskommission den Betrag von 200,000 Kronen zur Verfügung stellten und daß sämmtliche Kultusgemeinden und konfessionellen Vereine sich anschicken, die Schaffung des Landesfonds mit thunlichster Freigebigkeit zu ermöglichen. — In der letzten Konferenz der liberalen Reichstagspartei, in welcher der Voranschlag des Kultusministeriums verhandelt wurde, ersuchte der Abgeordnete Moriz Mezey den Minister, daß die für israelitische Kirchenzwecke bestimmte Subvention in billiger Weise erhöht werde. Der Minister, der diese Frage in Erwägung zu ziehen versprach, erklärte einige Tage später im Abgeordnetenhause, daß das Kabinet demnächst eine Vorlage unterbreiten werde, welche die stufenweise Befriedigung der Dotations¬ und Seelsorgeansprüche zu bieten berufen sein wird. — Aus dem amtlichen statistischen Ausweis der in den ersten zwei Monaten geschlossenen Mischehen zwischen Juden und Christen ist es ersichtlich, daß der größte Theil der 181 Mischehen nur behufs Legitimirung alter, bisher illegitimer Verhältnisse geschlossen wurde. In den weiteren drei Monaten ist schon eine rapide Abnahme dieser Mischehen eingetreten. Großbritannien. 6. London, 1. März. Das Russo-Jewish Komitee hielt seine jährliche gemeinsame Versammlung mit dem Board of Guardians und der Anglo-Jewish Association am Mittwoch, dem 26. Februar, in der Central-Synagoge ab. Der Vorsitzende, Sir Samuel Montag«, leitete die Versammlung mit einer Gedächtnißrede für den dahingeschiedenen früheren Präsidenten, den vielbeklagten Julian Goldsands ein.^ dann erstattete er den Bericht des Russen-Komitees, ans dem wir die Erklärung hervorheben, daß sich die Hoffnungen, die die Juden auf dey jetzigen Zaren gesetzt haben, nicht erfüllten und die heutige Lage dex russischen Juden nicht wesentlich von der früheren sich unterscheide. Dennoä) sind erheblich weniger Flüchtlinge aus Rußland gekommen als in früheren Jahren, und der Bericht hebt hervor, daß auch von diesen die meisten nur als Durchreisende kommen. Die Leistungen des Komitees erweisen sich deshalb als so nützlich, weil^man es^mit Klassen von Menschen zu thün hat, die den eifrigsten Trieb haben zur Arbeit und zur Besserung ihrer sozialen Lage. Die vom Komitee eingerichteten Abendschulen erweisen sich als sehr erfolgreich, denn sie ermöglichen vielen fremden Juden in verhältnißmäßig kurzer Zeit, sich genügendIEnglisch anzueignen. Im Verlaufe der Debatte erhob Oswald I. Simon Protest gegen die angekündigten Maßregeln der Regierung, welche die Einwanderung armer Ausländer beschränken sollen, und regte die Abhaltung eines Massenmeetings mit diesem Thema an. Die weiteren Verhandlungen boten wenig allgemein Interessantes. Amerika. G. II. New- Aork, im Februar. Der lokale Rabbineroerband in Baltimore hat Schritte unternommen, um die Legislatur des Staates Maryland zu veranlassen, die dort noch bestehenden Sonntagsgesetze aufzuheben, v. h. zu Gunsten Derjenigen, welche einen, anderen Tag als Sonntag feiern, abzuändern. Das letztere Prinzip ist in New-Jork und in vielen anderen Staaten von der Gesetzgebung anerkannt. — Vor Schluß der Post trifft die Naäiricht ein, daß Ahlwardt dem Vater-, land, das ihn so schnöde verkannte, dauernd den Rücken kehren will und im Westen (Milwaukee?) eine Zeitung herauszugeben beabsichtigt. Non Nah und Fern. ----- Seinen 70. Geburtstag feierte am 29. v. Mts. der Musiklehrer und Komponist A. W. Blumenfeldt. Am 29. Februar 1826 geboren, kam er am 2. Juni 1845 aus Lissa nach Berlin. Als Lehrer war er in den angesehensten Kreisen thätig. Er schrieb Klavier- und Liederkonipositionen, sowie eine Oper „Künstlerleben". Nach dem österreichischen Kriege schrieb er ferner den Berliner Einzugsmarsch und 1871 nach denn, französischen Kriege den deutschen Triumphmarsch. Im Jahre 1888 schrieb er zum Heimgang Kaiser Wilhelms I. den Tranermarsch All-Deutschlands Klage. — Die „B olksrund schau", das Blatt, das den Antisemitismus populär machen sollte, hat nun auch ausgerungen, nachdem dasselbe während der kurzen Zeit seines Bestehens über eine halbe Million Mark verschlungen hat. — Der bekannte Antisemit Buchdruckereibesitzer Waldemar Glöß und der Redakteur der antisemitischen „Deutschen Wacht", Viktor Welker, standen wegen Beleidigung der jüdischen Kaufleute Heller und Göttel, gegen die sie schwere Beschuldigungen erhoben halten, in Dresden vor Gericht. Glöß wurde der einfachen Beleidigung wider besseres Wissen, Welker der einfachen Beleidigung für schuldig erachtet und Glöß zu drei Monaten Gefängniß, Welker zu 300 Mark Geldstrafe verurtheilt. - Noch Einer! Der Volksschullehrer Sobe, der früher in Brand bei Freiberg und zuletzt in Aue im Erzgebirge angestellt war und der als ein eifriger Anhänger und Wortführer der Antisemiten galt, wurde vom Landgericht Zwickau wegen schwerer Sittlichkeitsverbrechen, deren er sich Schulkindern gegenüber schuldig gemacht hatte, zu sechs Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurtheilt. — In Budapest ist am 17. d. Mts. der hauptstädtische Arzt und Privatdozent Dr. Sigmund Purjeß, der sich auch als medizinischer Schriftsteller verdient gemacht hat, im Alter von 51 Jahren gestorben. — Der ungarische Hetzkaplan Joseph Knezits aus Rczkave, der gegen die Civilehe und die Juden agitirt hatte, wurde zu sechs Monaten Kerkers verurtheilt. — Der österreichische Komponist Richard Mandl wurde zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. — An der Leols?rakiyns clss Haukes Lindes in Paris ist ein Lehrstuhl für Geschichte des talmudischen und rabbinischen Lehrstudiums kreirt und Rabbiner Israel Levi zum Professor für diese Disziplin ernannt worden. — Unter den Soldaten, welche durch Akte der Tapferkeit in Algier sich ausgezeichnet haben, nennt das „Journal offizielle" auch Juda Azulay, Brigadiers der Polizei in Sidi-Bel-Abbes, der bei verschiedenen schwierigen Anlässen seinen persönlichen Muth bewiesen hat. — Frederic Mocatta, der Schwager des verstorbenen Sir, Julian Goldschmidt, ist an dessen Stelle zum ersten Vorsteher der Westsynagoge in London einstimmig gewählt worden. Auf Antrag von Sir Philipp Magnus wurde zugleich beschlossen, ein Gebäude als „The Goldschmidt Hall“ für den Religionsunterricht der Kinder dieser Gemeinde zu erbauen — Seit einigen Jahren weilt in Rom der Bildhauer Moses Ezechiel aus den Vereinigten Staaten. Er hat in Kardinal Hohenlohe einen großmüthigen Protektor gefunden. So verschaffte ihm der Kardinal ein Atelier in den Thermen des Diocletian und im Sommer gewährte er ihm Gastfreundschaft in seiner Billa zu Tivoli. Ezechiel hat jetzt für das Waisenhaus in New-Uork ein Monument des Begründers, Joseph Seligmann, vollendet, das von den römischen Blättern als ein Meisterwerk gesä)ildert wird — Dem Staatsrath Dr. A. Harkavy in St. Petersburg wurden am 1. ds. von der Gesellschaft zur Verbreitung der Volksbildung unter den Juden in Rußland aus Anlaß eines litterarischen Jubiläums große und wohlverdiente Ovationen zu Theil. — Die Kasaner Zeitungen melden, daß der Richter am dortigen Kriminalgericht, M. L Dillon, seine Entlassung gegeben hat. Herr Dillon ist Jude. 1866 durften mehrere Juden in die Verwaltung eintreten. 1870 zählte man 18 jüdische Richter, Substitute und Friedensrichter. 1881 gab es nur noch 3. 1895 blieb nur noch ein einziger. Jetzt zählt das russisd)e Beamtenthum keinen Juden mehr zu seinen Mitgliedern Auch von dem Jubiläum eines jüdischen Lieutenants in der Garde, Abel Ofchansky, berichten die russischen Zeitungen. — Auf der Versammlung des Amerikanischjüdischen Geschichtsvereines in Philadelphia wurde zum Präsidenten gewählt Mr. Oscar S. Strauß von New - Jork, der bekannte frühere Gesandte der Vereinigten Staaten in der Türkei. — Nach Nachrick)ten aus Tanger ist die verhältnißmäßige Ruhe, deren sich die Juden in Marokko in der letzten Zeit erfreuten, in der letzten Woche arg gestört worden. Allerlei rohe Ausschreitungen sind wieder gegen die Juden im Zuge, und besonders die Juden in Azimour haben schwer darunter zu leiden, dieselben, gegen die erst vor wenigen Jahren die schlimmsten Grausamkeiten ausgeübt worden sind. Die Mauren sind in das Judenquartier von Azimour eingedrungen und haben dort auf das Aergste gehaust. Sie schlugen und verwundeten die Männer, begingen die ärgsten Frevelthaten gegen Frauen und Kinder und verließen das Quartier erst, als es nichts mehr zu rauben gab. Ein vierzehnjähriges Mädchen haben sie mitgeschleppt, und auch die Intervention der Mächte, die die unglücklichen Juden von Azimour durch Vermittelung des Rabbinats in Tanger angerufen haben, wird kaum im Stande sein, das arme Mädchen zu retten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlins