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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-06 · Heft 10 (6.3.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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«0. Jahrgang. Nr. w. Dev Ä-rlin. o.Märr 18i,6. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes ZuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 2. März. Der Israelitische Frauen-Unterstützungs-Verein hielt am 26. v. M. in Cassel's Hotel seine ordentliche General-Versammlung ab Nachdem der Vorstand und die Revisions- Kommission ihren Bericht gegeben, wurden die ausscheidenden Vorstandsmitglieder und Revisoren wiedergewählt. Die Einnahmen und Ausgaben des Vereins deckten sich ziemlich mit 8473,07 Mark. Der Reserve-Fonds beträgt 6000 Mark. Die immerwährende Mitgliedschaft haben erworben im Jahre 1896: Frau Geheimrath Meyer-Cohn und Frau Pauline Weinberg. Die freiwilligen Spenden betrugen im abgelaüfenen Jahre 1502 Mark. Die Mitgliederzahl beträgt 1450. Der Verein ist also bei weitem der größte auf diesem Gebiete in Berlin. Hoffentlich umfaßt er bald die ganze Gemeinde. L2 Berlin, 1. März. Im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hielt am 25. ds.Herr Gymnasialoberlehrer Dr. M. Schäfer einen sehr interessanten Vortrag über „Hiob und Odysseus". Die Parallele zwischen den beiden Duldern erweiterte sich aber zu einer vergleichenden Betrachtung der beiden Völker, aus deren Geiste die beiden dichterischen Schöpfungen hervorgegangen sind: Hiob und die Odyssee So lag der Reiz der Parallele eigentlich mehr in dem, was die beiden Helden derselben scheidet, als in dem, was sie beide gemeinsam haben. Der Vortragende behandelte sein interessantes Thema, in sehr geistvoller und anregender Weise und fand deshalb bei dem zahlreich versammelten Auditorium lebhaften Beifall — Am 27. ds. veranstaltete der Verein sein P u r i m f e st;im Saale des Brüder-Vereins, um dessen Zustandekommen sich die Agitationskommission, vor allem aber Herr Benas Levy große Verdienste erworben hat. Mit dieser Purim-Feier war zugleich das fünfjährige Bestehen des Vereins verbunden, und so war die Theilnahme an diesem Feste eine sehr lebhafte, das aus drei Theilen bestand: Souper, Festspiel und Tanz. Während des Soupers wurden ernste und heilere Toaste in bunter Reihe von den Herren B. Levy, Dr. Karpeles, Julius Jsaac, Dr. Hildesheimer, Prof. Breslaur gehalten. Den Mittelpunkt bildete eine warme und geistvolle Ansprache des Herrn Dr. I. Kastan über die Bedeutung des Purimfestes und über die Lehren, die dasselbe besonders den jüdischen Frauen der Gegenwart ertheilt. Während des Mahles erfreute die bekannte Rezitatorin, Fräulein Jdsigsohn, die Gesellschaft durch den prächtigen Bortrag einigerheiteren Gedichte. Nach einer kurzen Pause begannen die musikalischen Aufführungen. Frau König sang mit wohlklingender Stimme zwei. Lieder von Mascagni und Koß, und der preisgekrönte russische Pianist Herr Joseph Lhevinnö spielte mit großer künstlerischer Vollendung zwei Klavierpiöcen, die rauschenden Beifall fanden. Hierauf folgte das Purimspiel: „Der Kampf ums Hängen", eine sehr amüsante Burleske mit Gesang in einem Akt von N. I. Anders und Max Jungmann. Die lustige Travestie der Purimgeschichte mit witzigen Kuplets und guten Einfällen versetzte die Gesellschaft in die heiterste Stimmung, zumal dieselbe von den Herren Treu, Johannes, Levinsohn, Cohn, Marcus, Grün, Friedländer und Frau König vorzüglich dargestelli wurde. Namentlich der Darsteller des Mordechai erregte mit seinen Kuplets hellen Jubel. Den Abschluß des Festes bildete ein Tanzvergnügen, das die angeregte Gesellschaft noch lange zusammen hielt. Möge es dem Verein noch lange beschieden sein, sein Stiftungsfest in so schöner Weise und in ungetrübter Harmonie zu feiern. — Außerdem hielt der Verein am 29. d. eine Wanderversammlung in Charlottenburg ab, bei der Herr Dr. Karpeles einen Vortrag hielt. — Aus anderen Vereinen erfahren wir: In München wurde am 25. d. Mts. vor einem zahlreichen, aus allen Kreisen der Gemeinde sich zusammensetzenden Publikum die öffentliche Thätigkeit des Vereines mit einer kurzen, die Vereinszwecke geschickt darlegenden Begrüßung durch den Justizrath Gotthelf eröffnet, worauf Rabbiner Dr. Werner über die Sittenlehre des Talmud einen eingehenden Vortrag hielt; die Zuhörerschaft, darunter der frühere Reichstagsabgeordnete und jetzige Landtagsabgeordnete Professor Dr. Günther, folgte demselben während seiner anderthalbstündigen Dauer mit gespannter' Aufmerksamkeit und war für die durch den Vortrag ihr geschaffene reiche Belehrung überaus dankbar. Der Verein zählt bereits 400 Mitglieder. In den nächsten Wochen stehen weitere Vorträge von den Herren Professor Dr. Lazarus und Karl Emil Franzos sowie verschiedene Diskussionsabende in Aussicht, auch große, jüdische wissenschaftliche Bibliotheken sind dem jungen Verein bereits zur Verfügung gestellt worden. — In Straß bürg i. E. hielt Dr. Joseph Wiener eine Reihe von Vorträgen über jüdische Geschichte und Litteratur in der spanisch-arabischen Periode: über Chasdai ibn Schaprut, Samuel Hanagid, Salomon Gabirol u. s. w. Kand. jur. Brück sprach am 15. Februar über „Handel und Geldgeschäfte der Juden im Mittelalter". Die Vortragsabende erfreuten sich stets regen Besuches. — In Lissa sprach Dr. Heinrich Loewe über die jüdischen Schulen im Orient, in Kassel und Marburg Herr Albert Katz über die Ethik des Talmud. <ys> Berlin, 1. März. „ Zwei berühmte Judengestalten auf der Bühne." Dies war das Thema eines Vortrages, dm vor einem überaus zahlreichen Auditorium am 24. d. M. im Saale der Gesellschaft der Freunde Kammergerichtsrath Ernst Wichert im „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" gehalten hat. Ehe der Vortragende verrieth, wer diese beiden Gestalten wären, schickte er voraus, weshalb er gerade ein solches Thema vor diesem Kreise sich erwählt. Einmal sei er als dramatischer Schriftsteller zu seinem Vorwurf, gelangt und sodann durch seine Beziehungen zu den Bestrebungen des Vereins, die, den Gedanken der Toleranz hochhaltend, nicht separatistischer Tendenz wären. Man habe sich hier vereinigt, eben um die Angriffe derer abzuwehren, welche die Juden wieder in einen nationalen Verband treiben wollen. Als er in Königsberg Schule und Universität besuchte, war es dort ein Unerhörtes, -einen Unterschied zwischen Juden und Christen zu machen. In der „Stadt der reinen Vernunft" habe man die humanistischen Bestrebungen und die Toleranz immerdar hochgehylten, und so knüpfe er mit seinem Thema nur an jene vom Vereine und von ihm verfolgten Bestrebungen der Toleranz und der Humanität. In Nathan und Shylock erblickt nun Wichert die dramatische Verkörperung der Toleranzideen, Eine unüberbrückbare Kluft scheine zwischen den beiden Charakteren zu liegen, und dennoch sei es möglich, eine Parallele zwischen beiden Gestalten zu ziehen. Hier Nathan,die dichterische Verklärung eines edlen Menschen.dort Shylock, die tiefste Schmachgestalt der Juden. Wichert schloß, nachdem er so die beiden Gestalten in Parallele gestellt, mit den bemerkenswerthen Worten: Es gehört mit zu dem Traurigsten, das ich erlebt, daß der Gedanke der Toleranz im Rückgang begriffen ist. Dennoch aber hoffe ich, es werde Goethes Ausspruch wahr werden, welchen er bezüglich Lessing's Nathan gesprochen: „Möge dies göttliche Schonungs- und Duldungsgefühl der Nation erhalten bleiben!" Dem geistvollen Vortrage folgte der lebhafteste Beifall. Hierauf besprach der Vorsitzende des Vereins, Rechtsanwalt Horwitz, das Urtheil im Prozeß Sedlatzek. Die über den auffallenden Rechtsspruch eröffnete Diskussion gab Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer Veranlassung, das Urtheil eingehend zu beleuchten. In einem eindrucksvollen Schlußwort verwies Professor Köbner auf die Nothwendigkeit, daß man sich in das zahlreich vorhandene Rüstzeug vertiefe, welches die jüdische Litteratur biete, um derartigen infamen Verleumdungen wirksam entgegentreten zu können. L2 Berlin, 1. März. Der diesjährige Vortrags-Cyklus im Verein zur Unterstützung jüdischer armer Gelehrter hatte am Sonnabend, dem 22. d. M., in der bis aufs letzte Plätzchen gefüllten Aula des Friedrich-Werderschen Gymnasiums einen überaus glücklichen Anfang. Als Redner des Abends trat der an vielen Orten Deutschlands durch feine populärwissenschaftlichen Vereinsvorträge beliebte Historiker Dr. Franz Stern auf und behandelte in einem gedanken-

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