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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-06 · Heft 10 (6.3.1896) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
Seite 119 (sequence 11)
Language
German
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„Du hast recht." sagte er und versuchte die Thränen zurückzlldräugeu. Was ihm vorhiu deu Seufzer erpreßt, was ihn nun so tief ergriff, war neben dem Mitleid mit dem armen, jungen Geschöpf, dem das Schicksal und die Niedertracht der Menschen schon so früh tiefen Schmerz zugesügt, eine Erinnerung, die sich ihm unwillkürlich aufdrängte: so bestimmt und dabei doch wieder so gut und weich war auch Chane's Art gewesen, ehe sie Roth und Kampf hart und bitter gemacht. „Du hast recht," wiederholte er und wehrte den Thränen nicht, die ihm langsam über die Waiden rollten, „morgen wollen wir zum Grabe Deiner Mutter gehen und dann heim!'' Am nächsten Morgen tobte das Unwetter schlimmer als je; das focht sie nicht an, und sie machten sich zum Gang bereit. Aber als sie eben das Hans verlassen wollten, trat ein unerwarteter Gast ins Zimmer, der Pope Hilarion. . „Lieber Leibko," begann er freundlich, „ich habe Dich um etwas zu bitten." Er warf einen Blick auf das Mädchen. „Es wird nicht lange bauern, Miriam." Sie trat in die Kammer zurück; die beiden Männer blieben auf dem Flur. „Also, lieber Leibko," sagte der Pope und schlug seinen regenschweren Mantel fester um die Glieder, denn es zog hier mächtig, „es betrifft den Jauko. Was ihm begegnet ist, weißt Du?!". „Ich hab's gehört," erwiederte der Jude mitleidsvoll. „Er hat einen Mann getödtet und mehrere verwundet. . . ." „Was nicht noch?!" lachte der Pope. „Die Leute können doch das Uebertreiben nicht lassen! Als ob das Unglück nicht ohnehin groß genug wäre! Er hat einen einzigen Menschen verwundet, einen Gerichtsdiener, den allerdings schwer. Einige Tage schien die Sache bedenklich, aber der Kerl hatte zum Glück eine Hirnschaale von Eisen; in zwei Wochen ist er wieder frisch und wohlauf." „Gottlob!" rief der Kleine in aufrichtiger Freude. „Dann wird auch seine Strafe nicht gar so schwer sein?!" „Doch!" erwiederte der Geistliche. „Schwere Verwundung, dazu noch obendrein bewaffneter Widerstand gegen die Staatsgewalt — wenn's die Herren sehr gnädig machen, so muß er doch immerhin ein halbes Jahr brummen. Aber das ist nicht zu ändern. Hingegen möchte ich bewirken, daß sie ihn bis zur Verhandlung auf freien Fuß setzen, sonst wird leicht ans dem halben ein ganzes Jahr und inzwischen geht seine Wirthschaft ganz zu Grunde. Das kannst Dn Dir ja wohl denken?!" „Gewiß, aber —" „Was Du dabei thun kannst? Sehr viel! Und darauf eben bezieht sich meine Bitte. Ich weiß, mein braver Leibko, Dn wirst sie mir nicht abschlagen. . . Also-, kurz und gut, der Bezirksrichter verlangt zwei Bürgen ans Winkowze, nicht, um darüber beruhigt zu sein, daß sich der Janko zur Verhandlung einfindet, — wie könnte er auch entlaufen, da er ja all sein Hab und Gut im Dorfe hat?! — sondern um gegen Vorhaltungen seiner Oberen geschützt 511 sein, wenn der Mann in der Zwischenzeit wieder irgend eine Gewaltthat begehen sollte. Ich war ganz erfreut, als mir Willczuk nur diese Bedingung stellte, denn es schien mir sehr leicht, sie zu erfüllen. Aber denke nur, — es geht nicht! Der eine Bürge will natürlich ich sein, aber von den Bauern.mag keiner d'ran. Natürlich nur, weil sie den armen Teufe! seiner Sparsamkeit und Nüchternheit wegen hassen. Mir aber sagen sie: „Wie kann ein Mensch für den anderen einstehen? Dem trotzigen Tölpel ist Alles zuzutrauen. Und stellt er was an, so muffen wir mit ihm ins Loch!" Und so dachte ich denn: Du, mein Leibko, bist ein braver Mensch, sein guter Freund — Du wirst es thun, wenn ich Dich drum bitte!" „Ich?" rief Leib erblassend und trat zurück. „Aber wannn nicht?" fragte der Pope. „Weil er Dir alles Mögliche angedroht hat. wenn Du Deine Tochter verlobst?! Das ist doch kein Gnmd dagegen! Denn erstens ist vom Reden zum Thun doch immerhin noch ein langer Weg, und zweitens: gerade weil er Deine Tochter so liebt, wird er ihr doch nichts anthnn!" Der Jude schüttelte den Kopf. „O doch," sagte er, „weil er sie feinem Anderen gönnt. . ." . , „Daß doch jeder Jude ein Hasenfuß ist!" rief der Pope unwillig. „Ist das Deine Freundschaft für den Janko?! Aber ich will Dich mit Deinen eigenen Waffen schlagen! Für welchen Fall hat er Dir denn gedroht? Doch nur. wenn Du Deine Tochter verlobst! Und ich nehme zu Deiner Ehre an, das Du in diesem Augenblick nicht daran denkst. Ihr seid zwar Juden, aber am frischen Grabe der Mutter werdet ihr doch nicht die Tochter Hochzeit machen lassen?! Ihr werdet doch mindestens ein halbes Jahr warten! Nun denn, in sechs Monaten sitzt er ja jedenfalls schon seine Strafe ab und Dil hast auf weiß Gott wie lange nichts von ihm zu befürchten!" Der Jllde schwieg und starrte brütend vor sich hin. „Aber was ist da zu überlegen?!" rief der Pope ungeduldig. „Nun macht mir auch sogar der Jude Schwierigkeiten! Um Geld an ihnl zu verdienen, dazu war Dir der Janko gut genug, im Unglück willst auch Du ihn verlassen!" Leib hörte die Worte nicht oder sie schlugen doch wie ein leerer Schall an sein Ohr. Er lauschte, wie in jedem Augenblick einerschweren Entscheidung, auf die Stimme in seiner Brust, und ob er darunter jene Herallshören könne, durch die Er zu ihm sprach. Aber er konnte sie diesmal nicht deutlich erkemlen. War es Seine Stimme die in ihm rief: „Befreie den armen Janko?" — oder war sie es, die ihn mahnte: „Schütze Dein Kind vor dem Rasenden" —?! „Ich weiß nicht . . . nmrmelte er endlich und bat um Bedenkzeit. „Aber was ist da zu bedenken?" rief der Pope ungeduldig. „Ja, ja, ihr Juden geltet mit Recht als dankbare Leute!" Aber dann änderte er die Tonart und bat wieder: „Lieber Leibko, weiln Dir an meiner guten Meinlmg nur etwas gelegen ist, so wirst Dn's thun!" „Ich kann nichts versprechen," erwiederte der Kleine, diesmal entschieden. „Erst muß ich wissen, was —" Er hielt inne. „Was Er will," hatte er sagen wollen, aber das ging den Popen nichts an. „In einigen Tagen," schloß er und war davoil nicht mehr abzubr'mgen. : Erzürnt ging der Pope von dannen. „Was hat er von Dir gewollt?" fragte Miriam, als der Kleine wieder in die Kammer trat und sie ihm vom Antlitz ablas, wie sehr ihn das Gespräch erregt habe. „Frag' mich nicht," bat er, „Dn weißt, ich kann nicht lügen, und die Wahrheit sagen kann ich Dir auch nicht!" Darauf schwieg sie und machte sich abermals zum Gang bereit. Aber das Geschick hatte es anders beschlossen: sie sollten beide ihre Heimstätte nie wieder betreten. Kaum daß sie ihr Tuch abermals feftgeknotet hatte, trat Meyerl ein und winkte den Kleinen hastig auf den Flur. „Kommt," sagte er dort fliegenden M)eui§, „Reb David will mit Euch reden! Er wartet!" „Mit mir?!" fragte Leib zaghaft. „Was will er —"

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