Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Ar. 10. Berlin, 6. Mar; 1896. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. —~7-TTT—n—“TTI Begründet von Diese Zeitung encheint wöchentlich. I Abonnements.Preis- Durch Buchhandel. UahbXXttt 0r* LuLwlN Vllilivv!0N - Ä0NN Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M.! Redactcur: Gustav Karpeles. | Verlags-CrpLLition: feint, Lerujaiemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der! »Allgem. Zeitung deS Judenthums", Berlin I SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. I JuhaU. Leitartikel: Orient und Occident. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Die Silberjubelfeier der ..Amicitia". Von Bernhard Traubenberg. — Die Schulen in Palästina. I. Von W. Bambus. — Abraham Geigers Briefe an I. Terenbourg. Von Prof.Dr. Ludwig Geiger. — Feuilleton: Josef der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. — Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Litterarische Mtttkieilungen. - Sprechsaal. — Briefkasten. Der Gemeindedote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin. Aus Westpreußen. Ans der Provinz Posen. Lissa. Frankfurt a. O., Hannover. Lcmgeuschwalbach. Driburg. Stuttgart. Wien. Budapest. London New-Bork. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. Grient und Occident. Berlin. 2. Miirz. n einem vielbesprochenen amtlichen Reskript wurde jüngst den BerlinerSchulbehörden mitgetheilt. daß die jüdischen Lehrerinnen für den Unterricht in der Geschichte und imDeutschen ungeeignet seien, weil sie die Kreuz'züge nicht in richtiger Weise darstellen könnten. Bei dieser auch vielfach sonst geäußerten Auffassung lohnt es sich einen Augenblick zu verweilen, um sie auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Unser durchaus christlich-germanischer Geschichtslehrer legte bei der Betrachtung der Krenzzüge den Hanptnachdruck auf die Schilderung der dadurch hervorgerufenen näheren Berührung zwischen Abendland und Morgenland, der Verpflanzung wichtiger Erfindungen, einzelner Genußmittel, wie der vorher unbekannten Gewürze, aus dein Orient nach Deutschland, und verfehlte nie, besonders für den zweiten und dritten Krenzzng die vielfach weltlichen Motive der Führer der Kreuzfahrer und dieser selbst hervorznheben. Gegenüber der allgemeinen Verflachung in geographischem nnd geschichtlichen Befrachtungen sollten gerade unsere, mit dem Bewußtsein der geschichtlichen Sendung des Judenthums erfüllten Lehrkräfte im Staude sein, von Palästina und seinen Schicksalen, auch während des Mittelalters, wohl bedacht zu reden und so die Wahrheit des Goethe'schen Ausspruches zu erweisen: „Orient und Occident reichen sich die Hände." In einer. Epoche, wie die heutige, in der die gegenseitige Eifersucht der europäischen christlichen Staaten die türkische Herrschaft in Europa erhält, nimmt sich der Vorwurf seltsam aus, daß jüdische Historiker für die Kämpfe gegen die Sarazenen kein Verständniß haben könnten. Volksschullehrer lehren das, was ihnen koinpetente Historiker sagen. Auf keinem Gebiete aber haben .gerade jüdische Geschichtsforscher mehr eindringenderes Verständniß gezeigt, als auf dem ihnen so nahe liegenden der Geschichte des Orients. Wir erinnern hier nur an G. Weil 's Geschichte des Khalifats, an Geigers nnd Ph ilipp sons Untersuchungen. Namentlich Letzterer hat daraus hingewiesen, daß der große.Weltkampf zwischen Orient und Occident in natürlichen Ursachen begründet liegt, daß er aber mit der Rassenverschiedenheit nichts zu schaffen hat, da die europäischen Völker ebenso arischen Ursprungs sind wie solche ^Völker, die im Orient zurück und orientalisch geblieben sind. Während die ganze neue Welt in kurzer Zeit enropäisirt worden ist, sind nicht nur Griechen und Römer, Byzantiner und Kreuzfahrer, über dem Versuch, occidentälische Staaten im Oriente zu bilden, untergegangen, sondern ganz Europa zerbricht sich noch heute über die orientalische Frage den Kops, so daß es wahrscheinlich ist, daß in nicht zu ferner Zeit die Hauptinteressen der europäischen Staaten untereinander auf asiatischen Schlachtfeldern ausgefochten werden, wozu Napoleon I. das erste Vorspiel gegeben. Es ist bester so für uns. Denn einst wurden an den Ringmauern Wiens nnd den Ufern der Oder die Entscheidungsschlachten geschlagen, durch welche die Horden des Ostens zurückgewiesen wurden. Diese Zeiten sind vorbei. Aber das gelobte Land ist mehr als einmal Schauplatz des Weltkampfes zwischen Orient und Occident geworden. Nicht nur die Kreuzfahrer vollbrachten hier ihre Kriegsthaten. Mit ver Zerstreuung der Inden nach dem babylonischen Exil sehen wir das eigenthümliche Schauspiel, daß der eine beträchtliche Theil dieses Volksstammes im Orient verbleibt, der andere sich im ganzen Occident, sogar auch in der neuen Welt, ansiedelt. Wir sehen jenen Theil ganz orientalisch, diesen ganz oceidentalisch werden, trotzdem beide sorgfältig ihre Abstammung, ihre Religion und eine gewisse typische Gleichartigkeit bewahren. Die anderen Völker der semitischen Raffe haben diese Eigenschaft nicht im Entferntesten; so sind die in den Occident eingedrungenen Araber ganze Orientalen. — Witt man nach diesem geschichtlichen Exkurs noch behaupten, daß eine gebildete jüdische Lehrkraft gerade für den Orient kein Verständniß haben wird oder sich nicht mindestens eine so erhabene Auffassung kulturgeschichtlicher Vorgänge aneignen kann, wie ein aus den ehrsamen Ständen unseres flachen Landes hervorgegangener Seminarist? ^Beide werden in gleicher Weise suchen ihre Pflicht zu thun. Frau v. Stael, gewiß keine jüdische Genleindeschullehrerin, vertritt in ihrem Buche „Ueber Deutschland" eine sehr nüchterne Auffassung von den Ursachen der Krenzzttge. Wir Juden neigen da. wo das Land unserer Väter in Frage konunt, eher zur Schwärmerei als zu ver von oben in diesenl Falle befürchteten Nüchternheit. Am Ende aber hat jener deutsche Geschichtsprofessor auch in diesem Falle recht, der einmal erklärte: Nur ein jüdischer Lehrer könne die Geschichte der Refor- .matton objektiv, vortragen, da er nicht so dabei betheiligt sei wie ein '. protestantischer oder katholischer Lehrer. Was aber von der Reformation gilt, das kann maii gdtrost auch auf die Darstellung der Krenzznge anwenden.