Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228157--52610-3258241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 strebungen recht bald verwirklicht werden. — Die Tngesblätter veröffentlichen anläßlich des Todes des Bischofs Dulanszky eine ältere Aeußerung des Nuntius Galim berti,? die mit Rücksicht aufdie Verhältnisse. in Wien reproduzirt zu worden verdient. In der bischöflichen Residenz wurde dem Nuntius zu Ehren ein Banket gegeben, zu welchem auch Josef Engel de Janoshaza geladen war. Im Laufe des Gespräches versicherte ihn der Nuntius, daß die Kirche keine Antipathie gegen den jüdischen Glauben hege. „Sie ist," fügte er Hinzu, „aus dem Judenthum hervorgegangen und besitzt viele gemeinsame Züge mit diesem. Jede positive Religion ist besser als der überhandnehmende Atheisnrus, der die gesellschaftliche Ordnung untergräbt. Darum müssen alle Konfessionen Zusammenhalten und Zusammenwirken. In Uebereinstimmung mit den Intentionen des heiligen Vaters ist auch mein Bestreben auf dieses Ziel gerichtet. Versichern Sie Ihre Glaubensgenossen meiner aufrichtigen Sympathie." Großbritannien. 8. London, 16. Februar. Im Vordergründe des öffentlichen Interesses steht in den Londoner jüdischen Kreisen ein Artikel der Quarterly Review „Der moderne Jude", der von den schmähendsten Angriffen gegen Juden und Judenthum Merfließt.i- Es genügt zur Charakterisirung dieser Angriffe, die übrigens anonym erschienen sind, darauf hinzuweisen, daß ein guter Theil derselben den Brochüren und der Zeitung Drumonds wörtlich entnommen sind. Zwar ist die Quarterly Review veraltet und nimmt längst nicht mehr den früheren angesehenen Rang ein, ist vielmehr wie etwa die deutschen „Grenzboten" nur eine Ruine aus früheren Zeiten, aber die englischen Juden sind ungleich empfindlicher gegen alle Angriffe als die Juden des Kontinents, und der Artikel der Quarterly Review hat daher eine energische Abwehr in den jüdischen Organen und von den Kanzeln herab gefunden. — Ebenfalls viel Staub wirbelt der Passus der Thronrede auf, der eine Bill gegen die armen Einwanderer ankündigt. Im Oberhause versuchte Lord Roseberry den Premierminister Lord Salisbury zu einer Erklärung hierüber zu zwingen, allein umsonst und auch im Unterhaus, wo ein Anti-Clearist, wie der neueste Titel heißt, Namens Howard, gelegentlich der Adreßdebatte die Angelegenheit zur Sprache brachte und Sir Charles Dilke energische Bekämpfung dieser Bill ankündigte, schwieg die Negierung. Dagegen weiß der Standard zu melden, daß die Bill „marg limited“, das heißt sehr enggefaßt in ihren Bestimmungen sein wird. Es scheint fast, als würde die Regierung nur Maßregeln vorschlagen, die von keiner praktischen Tragweite sein sollen, die aber das Geschrei der protektionistischen Arbeiter zu beruhigen bestimmt sind. — Lord Pirnbrigh t, früher Baron de Worms, legte Dienstag 11. ds. den Eid ab und nahm sodann Sitz im Oberhaus. Amerika. 6. H. New-York, im Februar. Dr. David Philippson, Rabbiner in Cincinnati, hat seinen in der Sommerschule in Plymouth, Massachusets, gehaltenen Vortrag: Moderne Anschauungen innerhalb des Judenthums, in der theologischen Quartalschrift The New World veröffentlicht. — Der Wohlthätigkeitsbazar in New-Jork hat ein Resultat von mehr als 100 000 Dollars ergeben. — In Chicago wurde eine Schule zu Ehren eines vor einem Jahre verstorbenen jüdischen Bürgers Charles Kozminski-Schule genannt. Non Nah und Fern. ---- Die Strafkammer zu Bromberg verhandelte wegen Betruges gegen den Restaurateur Gustav Brandt. Derselbe war ein Führer der Bromberger Antisemiten und sein Lokal ausschließlich von Gesinnungsgenossen besucht. Der Gerichtshof verurtheilte den Angeklagten wegen versuchten Betruges zu 3 Monaten Gefängniß. — In Wr eschen wurde Dr. M. Lew in, ein Zögling des Berliner orthodoxen Seminars, zum Rabbiner gewählt. — Dem Religionslehrer und Kultusbeamten Daniel Kasse zu Liebstadt im Kreise Mohrungen wurde das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen. — Mit Bezug auf die Notiz in Nr. 6, daß vor 50 Jahren der Vater des Herrn Louis Jakobi in Lautenburg als Stadtkämmerer der erste von der preußischen Regierung bestätigte Beamte war, erhalten wir die Mittheilung, daß schon vor 70 Jahren ein Herr Moses Peßner in Pleß Kämmerer gewesen und die städtischen Abgaben in seiner eigenen Wohnung in Empfang genommen hat. — Am 14. d. M. starb in M ratschen Lew in Hirsch, vulgo Salomon, im Atter von 112 Jahren. Er war vielleicht der älteste Manu in Deutschland. 50 Urenkel von ihm leben in Preußen, 100 in Amerika. Das Leichenbegängniß fand am 16. d. M. in Mrotschen statt, die Leichenrede hielt Rabbiner Dr. Perlitz aus Rakel — Unter der unglaublich rohen und widersinnigen Ueberschrift „Geschächtet" bringen antisemitische Zeitungen die Nachricht von einem gräulichen Mord in Köln, den ein Jude Salomon verübt haben soll. Der wahre Sachverhalt ist, daß Salomon nur als Zeuge vernommen wurde. Und solche Zeitungen, die ohne jegliche Erkundigung einen Menschen zum Mörder oder, wie der wahnsinnige Hinweis anspielt, zum Ritualmörder stempeln, wagen es noch, über die Verlogenheit der „Judenpresse" zu klagen. — Der Kantor Trachmann aus Hamburg ist von der israelitischen Kultusgemeinde zu Basel zum Oberkantor gewählt worden. — Der antisemitische Agitator und Mitbegründer des antisemitischen Reformvereins in Zittau, F. A. Geißler, wird jetzt wegen Betruges steckbrieflich verfolgt. — Wie man uns aus Eisenach meldet, liegt dort der verdienstvolle Schriftsteller B. Hause seil dem 6. d. M., von einem Schlaganfall getroffen, schwer krank darnieder. — Der Rabbiner Dreyfuß in Za bern i. E, Vater des Oberrabbiners Dreyfuß in Paris, der älteste Rabbiner in Elsaß-Lothringen, hat im Hinblick auf sein hohes Alter das Rabbineramt freiwillig niedergelegt. Aus diesem Anlaß hat der Kaiser ihm den Rothen Adler-Orden 4. Klasse verliehen. — In einer Wiener antisemitischen Versammlung sagte ein Redner, die Engländer seien „arische Juden". Die Rassenangriffe werden immer unsinniger. — In Gyön-. gyösmellek (Ungarn) starb vor Kurzem der Rabbiner Ich es Adler, der sich allgemeiner Beliebtheit erfreute. An seiner Bahre hielt der Ortsgeistliche einen warmen Nachruf, und Glockengeläute ertönte, als er in das stille Grab gesenkt wurde. — Sechs Hörer der Landesrabbinerschule zu Budapest werden dieser Tage zu Rabbinern promovirt. Mit diesen beläuft sich die Zahl der stellenlosen Rabbiner auf 14, während nahezu 100 Rabbinate vakant sind. — Der in Aussicht genommene Landes - kongreß der Orthodoxen wurde wieder, und zwar schon zum xten Male, aufgeschoben. — Ad calendas graecas? — Der vor Kurzem verstorbene David James in London hat in seinem Testament 20 verschiedene Gesellschaften, jüdische und allgemeine Institute, mit größeren Beträgen von . 5000 bis 80 000 Mark bedacht. In Summa sind 400 000 Mk. schon zur Vertheilung gelangt, weitere ca. 600 000 Mark werden noch wohlthätigen Vereinen und Gesellschaften zugehen, so daß im ganzen eine Million diesen gemeinnützigen Zwecken zufließt. — Der Maler Solomon, Präsident des Makkabäer-Klubs in London, ist zum Mitglied der königlichen Akademie der Künste daselbst ernannt worden. Solomon hat die Aufmerksamkeit der Akademie durch sein Bild „Samson und Delilah" auf sich gezogen, das durch scharfe Charakteristik und Lebendigkeit in hohem Maße Interesse erregte. — Baron Ferdinand v. Rothschild wurde zum Schatzmeister des British Museum gewählt. — Der Sultan hat Elie Leon zum Attache bei der türkischen Gesandschaft in Paris ernannt. — Das rumänische Minister - Konseil hat das jüdische Hospital zu Jassy zur Annahme folgender Legate ermächtigt. 15 000 Francs von M. D. Lothringer, 10 000 Francs von M. Weiß. Ebenso ist das Waisenhaus von Jacob und Fanny Neuschotz ermächtigt worden, ein Legat von 100000 Francs anzunehmen. — Herr und Frau Lazar de Poljakoff in Moskau haben in Liberias ein jüdisches Hospital begründet. — Julius Freiberg, der Präsident der Union der amerikanischen Gemeinden, ist zum Stadtkämmerer von Cincinnati (Trustee okthe city’s Sinking Fonds) ernannt worden. Sein Sohn ist gegenwärtig daselbst Präsident der Handelskammer. — Der „Australasian Hebrew“ bringt in feiner letzten Nummer eine Biographie des Reverend Dr. Joseph Abrahams in Victoria und als Beigabe eine Photographie dieses Rabbi in einem Sportboot, mit der Bemerkung, daß derselbe einer der stärksten und kühnsten Ruderer in Victoria sei! — Bis nach Jerusalem ist mm schon die Ritualmordfabel gedrungen. Ein griechischer Missionar Ibrahim hat sie dort verbreitet, als ein arabisches Kind vermißt wurde. Infolgedessen wurde ein österreichischer Jude Perlemann geschlagen und verwundet. Als das Mädchen wiederkehrte, erhob Perlemann Anklage, infolge deren der Missionar verhaftet wurde. Jetzt hat die Behörde das Strafverfahren gegen denselben eingeleitel. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. . Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.