Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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I I 4 ist sich seiner schweren Aufgabe bewußt und geht mit liebenswerthem Eifer daran, das Lügengewebe, dessen Fäden schon lange vor dem betrübenden Ereignisse gesponnen wurden, zu enthüllen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es ihm gelingen werde. Nach den Berichten dirr Tagesblätter hat der Justizminister vom Jpolyfager Gerichtshöfe, welcher die Untersuchung der Garam-Kis Sallöer Angelegenheit leitete, sämmtliche Akten abverlangt, um in dieselben Einsicht zu nehmen. In antisemitischen Kreisen erregte dies peinliches Aufsehen, nachdem dies auf Verlangen des privatklägerischen Vertreters geschah. — Die Einsegnung gemischter Ehen zwischen Juden und Christen wird noch immer aufs Nachdrücklichste bekämpft Der Standpunkt des Rabbiners Dr. Rosenberg findet wohl in vielen Gemeinden begeisterte Anhänger, die dem „einzigen freisinnigen" Rabbiner Dank und Anerkennung zollen, aber an ernsten Bekämpfungen in Wort und Schrift fehlt es da auch nicht. Streitschriften vom Rabbiner Dr. Perls-Fünfkirchen und vom Redakteur Max Szabolisi, greisen namentlich die zweideutige Unterscheidung der Einsegnung und der Trauung an, denn Dr. Rosenberg segnet wohl gemischte Ehen ein, betrachtet dies aber nicht als kirchliche Trauung. Es wird hervorgehoben, daß die Resormirten die Paare verschiedener Konfession wirklich trauen und den Juden nur die Konzession machen, daß sie sie auf Gott schwören lassen. Szabolisis „Arader Segen, Araber Theologie" enthält auch eine Replik Dr. Rosenbergs, die er mit seinen Glossen versieht. Er ist von der Richtigkeit seines Vorgehens überzeugt und hofft, daß mit der Zeit die Folgen, daß Kinder gemischter Ehen verloren gehen, verschwinden werden. — Die küchenpolitischen Gesetze sind mit einer starken materiellen Einbuße für jene Seelsorger, die auch Matrikelführer sind, verbunden. Von den zur Entschädigung derselben votirten 200,000 Kronen erhalten die matrikelführenden Rabbiner nur 3000 Kronen. — Michael Szanto wurde durch Verleihung des Titels eines Ministerialrathes, die Bankdirektoren Ferdinand und Max Beck durch Erhebung in den Adelsstand und Generaldirektor Siegmund Hartenstein durch Verleihung des Titels eines königlichen Rathes ausgezeichnet.—Im Verlage des ungarischen Litteraturvereins erschien das zweite.Jahrbuch mit vielen interessanten Beiträgen von hervorragenden jüdischen Gelehrten. — Im Verein für Archäologie wurden zahlreiche Schmuckgegenstände vorgelegt, die von den zum Judenthum übergetretenen Chazaren, den Kampfgenossen der Ungarn herstammen. — In Lug os wurde Rabbiner Dr. Ludwig Venetianer feierlichst in sein Amt geführt. — In Neusohl wurde Rabbiner Dr. Emanuel Lenke-Ostrau zum Rabbiner gewählt. .> Amerika. s 6. H. Nelv-Aork, im Januar. Eine Land-Kompagnie will unweit von California in Pennsylvanien am Mononghela-Flusse eine jüdische Kolonie anlegen und hat dem Rabbiner der russischen Gemeinde in Pittsburg, Siwitz, den Antrag gestellt, 200—300 Juden als Kolonisten dahin zu senden. Ein wohlhabender russischer Jude, Namens Glück, Herausgeber eines Jargonblattes, ist an dem Unternehmen hervorragend betheiligt. — In Derby, Connecticut, wird die Errichtung einer Synagoge geplant. Das dortige Tageblatt, „Transscript", fordert mit Rücksicht auf den Antheil, welchen die Juden an dem Aufblühen der Stadt genommen haben, die christliche Bevölkerung auf, zu diesem Werke beizutragen. — Ein neuer jüdischer Tendenzroman, unter dem Titel: Dr. Cavallo, ist soeben erschienen. Verfasser sind Eugene F. Baldwin und Rabbiner Maurice Eisenberg aus Peoria, Illinois. — Frau Emanuel Mandel in Chicago hat 20000 Dollars gespendete wovon die eine Hälfte der Jewish Training School (Gewerbeschule) und die andere einer im jüdischen Viertel zu errichtenden ambulanten Klinik zugewendet werden soll. — Unter den Mitgliedern eines Komitees, welches dem Präsidenten und den Mitgliedern des Kongresses eine Petition zur Anerkennung der Unabhängigkeit Kuba's überreichen soll, befindet sich auch Rabbiner Dr. Kr aus köpf. Non Nah und Fern. | ----- Bei dem Krönungs- und Ordensfeste haben den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten: Realschuldirektor Dr. Bärwald in Frankfurt a. M., Justizrath Sutro in Bochum und Rechnungsrath und General-Postkassenbuchhalter N. Cohn in Berlin. Zum Krönungsfest wurde als Dame des Luisenordens Frau Geheimrath S chw ab ach befohlen. — Nach einer Bekanntmachung im „Reichs-Anz." hat sich die Verlagsanstalt „Frei Deutschland", ein wenig bekanntes antisemitisches Unternehmen, durch Beschluß der Gesellschafter am 9. November 1895 aufgelöst. — Dr. Otto Böckel, der ehemalige Chefredakteur des „Deutsch. Volksrechts", hat nach einem von ihm versandten Rundschreiben mit einem Herrn H. Möbius am 1. Januar d. I. eine neue Zeitschrift gegründet: „Volkskampfer", unabhängige Wochenschrift. Der „Volkskämpfer" soll das Organ eines „Deutsch-wirthschaftlichen Verbandes" sein. — Ah lwardt wird, wie der Generalanz. für Elberfeld-Barmen zu melden weiß, nicht wieder nach der Heimath zurückkehren. Als er sich nach Amerika begab, ging er nach dorthin mit der festen Absicht, dort für sich und für einen noch nicht mit Namen zu nennenden Freund eine Stellung zu suchen. Das hinderte ihn „natürlich" nicht, sein Reichstagsmandat beizubehalten und um Urlaub nachzusuchen. Ahlwardt wird, wie das Blatt bestimmt mittheilen zu können glaubt, in Amerika eine Stellung als Redakteur antreten. — Der als konservativ - antisemitischer Agitator bekannte Mechaniker Bluhm in Spandau, der lange Jahre im königlichen Feuerwerkslaboratorium beschäftigt war, hatte sich kürzlich vor dem Schöffengericht in Spandau wegen Unterschlagung zu verantworten. Er hatte gegen 600 Mark veruntreut, die er als Vertrauensmann seiner Arbeitskollegen für Kohlenlieferungen an dieselben vereinnahmt, aber für sich verwendet hatte. Seine mißliche wirthschaftliche Lage erklärte er damit, daß er anführte, seine Agitation für den konservativ-antisemitischen Reichs- und Landtagsabgeordneten Schall in Cladow habe ihn sehr viel Geld gekostet Bluhm wurde zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. — Der Musikdirektor G o l d s ch m i d t vom Königsgrenadierregiment Nr. 7 in Liegnitz ist auf speziellen Befehl des Kaisers zur Theilnahme an der Feier des 18. Januar nach Berlin berufen worden. Herr G. war insofern bei der Kaiserproklamation in Versailles thätig, als ihm die Leitung der Gesänge und der Musik oblag. — Die Ernennung des Oberstaatsanwals Hamm zu Köln zum Oberreichsanwalt beim Reichsgericht zu Leipzig ist, wie die „Köln. Ztg." meldet, durch den Kaiser bereits vollzogen worden. Herr Hamm ist dadurch in weiteren Kreisen bekannt geworden, daß er als Vertreter der Staatsanwaltschaft in dem Buschhofprozeß fuugirte. — In Düsseldorf wurde eine Komposition des Oberkantors der jüdischen Gemeinde, H. Ziv i, mit großem Beifall aufgeführt. Das Werk, der 100. Psalm, für vierstimmig gemischten Chor, Orgel und Orchester, machte einen sehr sympathischen Eindruck, sofern der Komponist im Aufbau des Werkes in vokaler wie orchestraler Beziehung von der ersten bis zur letzten Note zu interessiren weiß. — In Rödelheim wurde Herr M. Lehrberger wieder zum ersten Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung, der er seit 26 Jahren angehört, gewählt. - In Sachsen erfolgte im Jahre 1894 nur ein Uebertritt zum Judenthum, während 20 Juden zum Christenthum übergetreten sind. — Der Gemeinderath zu Metz hat in seiner vorletzten Sitzung 5000 Mk. als Beisteuer zur Anschaffung einer Orgel in der Synagoge daselbst einstimmig bewilligt. — Jeanne de Rothschild, Tochter der Baronin James Rothschild und Enkelin der Baronin Nathaniel Rothschild, hat sich wie uns aus Paris gemeldet wird, mit Baron David Leonino in Mailand verlobt. - Der Sekretär des Baron Hirsch» Dr. S. Sonnenfeld, hat sich vergangene Woche in Gesellschaft des Herrn Feinberg nach Argentinien begeben, um sich über den Zustand der dortigen jüdischen Kolonien genau zu unterrichten. - Das Leichenbegängniß von Sir Julian Goldsmid erfolgte am 15. d unter allgemeiner Theilnahme. Die Grabrede hielt Rev. Morris Joseph, der Prediger der Reformsynagoge. Für die Beliebtheit des Verstorbenen legt die Thatsache beredtes Zeugniß ab, daß, seine Wähler in Süd St. Paneras, einstimmig seinen Schwiegersohn, den Lieutenant H. M. Jessel, den Sohn des verstorbenen Lord-Oberrichters Sir Georg Jessel, zum Kandidaten für das Parlament wählten. — Bei den Unruhen in Transvaal sind jüngst in Johannesburg auch die folgenden Mitglieder des Bertheidigungskomitees verhaftet worden: L. Phillips, Fritz Mosenthal, ein Bruder des bekannten Dichters, Max Langermann, A. R. Golding, W. H. Adler, H. I. King, H. Fr. Cohen, S. B. Joel, M. Vestelheim, der türkische Konsul in Johannesburg. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauckwitz in Berlin.