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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-17 · Heft 3 (17.1.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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CO. Jahrgang. Nr. 3. [f AAtH ^-t tt () Berlin, 17. Januar 1896. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. fflfWut £>tvto iTN Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Bnchliande?, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen viertelsährl.3M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig PHUippson-Lonn Verlags-TrpeLltion: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen ftir Redaktion und Expedition sind an Die Adresse: Verlag der „Allgenr. Zeitung des Zudenthuins", Berlin, SW., Jerusalemer Straße 48/4!) zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: 3um 18. Januar. — Die Woche. — Ter Deutschisraelitische Lebrerbund. — Forderungen für eine gesetzliche Grundlage unseres Religionsunterrichtes. Von Mar Golde. — Aus Ungarn. — Die Juden in Konstantinovel. III. Non Bros. Dr. Ludwig Stein. — Indischer und allgemeiner Aberglaube. Von Dr. I. Babad. — Feuilleton: Josef der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. — Leib Weihnachtskucken und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Litterarische Mittveilimgen. — Sprechsaal. Der Gemeindebole. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Lissa. Gollantsck. Breslau. Usch. Stolberg. Hannover. Hamm. Frankfurt a. M.. Stuttgart. Wien. London, New-Hork. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. Briefkasten der Redaktion. Aum 18. Januar. Berlin, 14. Januar, ein Zweifel, daß ein Uebermaß der Feste unheilvoll ist, daß r^$\' die Ordnung gestört, daß Geist unb Gemüth aus dem rechten Geleise herausgestoßen werden, wenn wir allzuviel der Tage' zu dem Range der Feste erheben. Dies gilt für alle Gebiete des menschlichen Lebens; es erhöht die Wärme verwandtschaftlichen Empfindens, wenn im häuslichen Kreise erfreuliche Familien- Erinnerungen zu bestimmten Zeiten geweckt und durch eine Feier ausgezeichnet werden; aber der sittliche Werth dieser Gedenktage für. die Bildung unseres Gemüthes beruht wesentlich darauf, daß sie nicht allznhäufig den Lauf der Zeit unterbrechen; sonst werden sie nur als eine bequeme Gelegenheit betrachtet, einige Stunden mit müßigem Zeitvertreib todtzuschlagen und sichdabei gütlich zu thnn. Selbst die Religion verträgt nicht zu viel Feiertage. Das Dasein wäre eintönig und farblos und eine fortwährende Kirechtschaft, wenn in ununterbrochener Folge ein Arbeitstag an den andern sich reihen würde. Aber die Fröhlichkeit der Feste würde in einen wüsten Taumel äusarten, wenn sie zu lange dauerten. Es ist ein gutes Wort unserer Vorfahren, die doch religiösem Gebot so treu ergeben waren, wenn sie sagten: Der Feiertag ist schön, wenn er kommt, er ist auch schön, wenn er scheidet; die Rast ist nur wohlthuend, wenn sie kurz ist. wenn sie von vielen Arbeitstagen umrahmt ist. Diese allgemeine Betrachtung paßt natürlich auch für nationale Feste. Aber vielleicht können wir bei politischen Festen in unserer Zeit eher etwas übertreiben, ohne der guten Sache zu schaden. Denn gerade im ösfenttichen Leben des Staates treten die Gegensätze heut so scharf hervor, die Bürger desselben Landes bekämpfen sich mit solcher Erbitterung, daß im Alltagsdasein eine Versöhnung schier unmöglich scheinen möchte. So Viele drängen sich an den Staat heran und möchten, daß er ihnen sorgloses Wohlleben ohne besondere Mühe gewähre, so Viele werden von einem wilden Hasse gegen alles Bestehend^ durch das Herkommen Geheiligte entzündet und möchten alle Bollwerke niederreißen, die bisher in civilisirten Landen der Kultur Schutz geboten haben, lind vertrösten uns mit der ungewissen, mit der trügerischen Aussicht, daß sie ans dein gesäuberten Boden du Neues, ungleich Herrlicheres aufrichten werden. Auch der Streit der religiösen Bekenntnisse ist nur zurückgedämmt, aber nicht geschlichtet und aufgehoben; Nord und Süd unseres Vaterlandes sind in dem letzten Vierteljahrhundert einander näher gerückt, die Stämme haben sich in ihren maimigsachen Vorzügen würdigen gelernt, die Waffenbrüderschaft, die auf Frankreichs Gefilden geschlossen worden ist, hat manches Vorurtheil überwunden; trotz alledem ist die Kluft noch nicht völlig geschlossen, die vordem die norddeutschen und süddeutschen Stämme getrennt hat; dazu giebt es Wühler und Aufrührer, die neue Feuer einfachen, die allerorten die Unzufriedenheit schüren und zur Erbitterung und Uliversöhnlichkeit entflammen möchten. Auch unter uns Israeliten giebt es solche Alifwiegler, die stets nur darauf Hinweisen, was uns fehlt, die mit lauter Zunge es rügen, daß wir ohne Grund und sowohl gegen das Staatsrecht' wie gegen das Vernilnftrecht oft zurückgesetzt werden, daß es von vielen unserer Landesgenossen als eine Schande betrachtet werde, dem Judenthum, dieser uralten Kulturgemeinschaft, allzugehören. Wie gern möchten wir ihre Anklagen Lügen schelten; wir können es nicht. Aber die Liebe zur delltschen Heimath, zur deutschen Sitte, zum deutschen Geiste bleibt doch unser Heiligthum! Da ist es für alle Stämme, für alle Stände, für alle Bekenntnisse ein Segen, daß die Begeisterung festlicher Tage, wie wir sie seit Beginn dieses Jahres zllr Erinnerung an die Gründung des delltschen Reiches und des deutschell Kaiserthums feiern, uns hinaushebt über den kleinlichen Zank des Tages, uns inniger den Werth der hohen Güter empfinden läßt, welche das geeinte Vaterland uns spendet. Denken wir mir an das Nächste: Als vor ungefähr anderthalb Jahrzehllteil die bösen Geister gegen die Juden wachgerufen wurden, da gelang es den rücksichtslosen Widersachern, die oft vor keiner Lüge, vor feinem Frevel zurückschraken, in einigen Gegenden des Vaterlandes das öffeiltliche Urtheil zu verwirreil, und die Mellge glaubte den Thoren oder den Bösewichten, die alles Ullheil voll ben Juden herleiteten. Aber ob auch in geheimen, oft mächtigen Koilventikeln die Feindschaft gegen uns gepflegt wurde, ob auch einzelne Stämnle, je weniger sie die Juden alls mnllittelbarem Verkehr kannten, um so leichter allen Märchen glaubten, von der Vertretung des gesammten deutschen Vaterlandes sind diese Vorurtheile stets znrückgewiesell worden. Die Schlallge, die im Schlupfwinkel eines Kleinstaates vielleicht hie und da ihr Leben fristeil konnte, wurde ungefährlich, wenn sie vor die große Oeffentlichkeit des deutschen Reichstages . gezogen wurde.

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