Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Nr. 1. *>tVt*> Berlin, 3. Januar 1896. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. M VI & Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnement?-Preis: Dnrch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Kabbiner 8*- Ludwig PHMppson-Konn. Verlags-Crpedrtion: Lerün« Jerufatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse.- Verlag der! „Allgem. Zeitung des Judenthums', Berlin 8V^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. I Inhalt. Leitartikel: Jüdische Privatdozenten. — Die Woche. — Die Konstitüirung des Deutsch-israelitischen Lehrerbundes. — Aus der Berliner Gemeinde. —?o8t kestnm. Von A. Levy. — Ein Barmiztvah-Kalender. Von Dr. Max Simon. — Die Juden in Konstantinovel. Von Pros. Dr. Ludwig Stein. I. — Fenilletonr Leib Weihnachtsknchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Helle Trauer. Von Dr. med. I. Nuss. — Litterarische Mittheilunaen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote« Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Osterode. Inowrazlaw. Pasewalk, Hannover. Köln. Homburg v. d. Höhe. Wien, Zürich. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. Jüdische Privatdozenten. Berlin, 2. Januar. s ist bekannt, daß besonders der Jude als Prügelknabe gern herangezogen wird, namentlich überall da, wo ein Mißerfolg verdeckt, eine Mißstimmung nach einer anderen Seite abgelenkt werden soll. Die konservative Partei mit ihrem antisemitischen Anhang hat mit ihren Angriffen auf vie Lehrfreiheit all den Universitäten im Volke kein rechtes Glück gehabt. Bisher ist weder in dem „Fall Dr. Arons" noch in dem „Fall Dr. Jastrow" ein Resultat erzielt worden. Vielmehr haben gegen das die Lehrfreiheit antastende juristische Gutachten eines Professors der Berliner Universität 63 ordentliche Professoren derselben Universität protestirt. Unter diesen waren, trotz der hohen Zahl jüdischer Dozenten an der Berliner Universität, keine Inden. Trotzdem fühlt sich die-„Kons. Korrespondenz" bemüßigt, den ganzen Streit bezüglich der Disziplinargewalt über die Privatdozenten jetzt auf die Juden abzuwälzen. Dieses Organ der konservativen Partei schreibt zur Frage der Disziplinargewalt über die Privatdozenten Folgendes: „Der Mißbrauch von Universitätsfreiheiten geschieht meistens durch Juden. Ist diese Thatsache aus dem ganz ungerechtfertigten Ueberwiegen jüdischer Dozenten und Studirender auf den Hochschulen zu. erklären,' so sollte unseres Erachtens auch in diesem Punkte mit einer Reform eingesetzt werden. Freilich müßte diese Reform schon an den höheren Schulanstalten beginnen unb in dem Sinne durchgeführt werden, daß die jüdischen Mitbürger nur int Verhältnisse der Bevölkerungsziffer ihre Söhne gelehrten Berufen znzuführen berechtigt sind." Interessant ist Zunächst, daß Dr. Jastrow, ein tüchtiger Historiker, den Treitschke stets besonders unter seine Fittiche genommen hat, und Dr. Arons, der Sozialdemokrat, übrigens auch ein durchaus tüchtiger Physiker, hier die Behauptung begründen helfen müssen: „Der Mißbrauch der Lehrfreiheit geschieht stets durch Juden." Zunächst liegt hierin , ein starker Vorwurf gegen, die Staatsregiernng und die Fakultäten, sweil. beides fortgesetzt jüdische Privatdozenten wegen ihrer Tüchtigkeit 'zu-Professoren befördern. Wenn ferner die zur venia legendi zugelassenen jüdischen Privatdozenten nicht tüchtig wären, so würden ja keine Zuhörer in ihre meist gut besuchten Collegia gehen. Wenn mait von antisemitischer Seite den allerdings nicht unbedeutenden Prozentsatz jüdischer Universitätslehrer weniger auf die wissenschaftliche Tüchtigkeit dieser Männer, als darauf zurückführen will, daß dieselben „mehr Geld hätten", so sprechen zunächst die Verhältnisse an der Berliner Universität, auf die wir hier kurz eiugehen wollen, durchaus dagegen. Gerade an dieser gewiß für die Laufbahn eines Privatdozenten kostspieligsten Universität unterrichten Männer, welche als armer Leute Kinder cmgefängen, besonders in der medizinischen Fakultät Jahre lang als Aerzte sich erst die für ihre gelehrte Laufbahn nothwendigen Mittel beschafft haben. Jedenfalls muß es die Gegner ärgern, daß dem Lehrkörper dieser einen Fakultät Männer angehören wie Bernhardt, Brieger, Hirschberg, Fränkel, Israel, Jmm.. Munk, Mendel, Senator, Straßmann, und dem Dozentenkörper die Professoren Fränkel, Landau, Litten, L. Lewin, B. Baginsky, die Dr. Klemperer, Dr. Pagel, Dr. Katz. Alle diese sind Juden. Aber man frage doch in gelehrten Kreisen nach der Bedeutung dieser Männer, und man wird dann allgemein das Urtheil hören, daß sie fast sämmtlich zn den tüchtigsten und beliebtesten Lehrern gehören, daß die Universität sie nicht missen könnte noch möchte. An der juristischen Fakultät ist nur ein jüdischer Dozent, gegen den. sich also doch die Klage wegen Ueberfüllung nicht richten kann, und an der philosophischen im Ganzen, — außer den beiden „Jnkriminirten" — zwölf jüdische-Privatdozenten, darunter Männer von anerkannt wissenschaftlicher Bedeutung auf dem Gebiete der Geschichte, Litteraturgeschichte und der exakten Wissenschaften, wie Geh. Rath Aron, H. Dessau, Reg. - Rath Weinstein, Richard M. Meyer, der Goethe-Biograph, R. Sternfeld, Max Hermann, Georg Huth, einer der größten Kenner der centralasialischen Sprachen n. A. Wozu .also der Lärm, und was steht den Herren von der ^Konservativen Korrespondenz" in diesem Falle zn Diensten? Muß wirklich der jüdische Privatdozent auch diesmal als Prügelknabe herhalten für den mißlungenen Versuch, die Freiheit der Wissenschaft einzudännnen oder die Institution des Privatdozententhums, die sich für die Organisation unserer Universitäten als so heilsam und nothwendig erwiesen hat, zu beschränken? Das „ganz ungerechtfertigte Ueberwiegen" jüdischer Dozenten und Studenten auf preußischen Universitäten ist und bleibt eine jener Fabeln, an welche übrigens Diejenigen am wenigsten selbst glauben, die sie zn Nutz und Frommen gelehriger Kinder in die Welt gesetzt haben und poch weniger .Diejenigen, die sie diensteifrig weiter zu verbreiten suchen. - v:-.•• . .. . . .