Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1882)
- Date
- 1882-12-05
- Page
- Seite 810 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Aeurlleton. Vermischtes. Aus dem jetzigen Ungarn. Aus Pest wird geschrieben: Der antisemitische Hetzer Herr Onody ist in großer Verlegenheit; dieselbe wird ihm vielleicht beweisen, daß die Juden, gegen die er mit allen Waffen aus der - Rüstkammer der Dummheit und des Aberglaubens losgeht, doch zu etwas gut sind — nämlich dazu,. Wolle zu kaufen. Vorgestern hat sich, wie man mir mittheilt, der Abgeordnete Onody an den Direktor der hiesigen Woll- Waschgesellschaft gewendet mit der Bitte, er möge eine in Pest lagernde Partie Schafwolle von dem Onodi'schen Gute übernehmen und verkaufen. „Seit Monaten," so klagte Herr Onody — „habe ich diese Wolle in Pest und Niemand findet sich, der mir dieselbe abkauft." Es ist nicht gewiß, ob der Direktor die geächtete Wolle Onody's übernimmt, aber die kleine Episode inder unleidlichen Antisemitenhetze beweist, daß man Herrn Onody an einer Stelle getroffen hat, wo er am empfindlichsten ist — nämlich an seiner Wolle. — Aus Nyiregyhaza kommen Berichte, .welche die Affaire von Tisza- Eßlar in einem ganz neuen Lichte erscheinen lassen-werden und die demnächst'zur Veröffentlichung gelangen. Der Untersuchungsrichter Vary war vor einigen Tagen in Pest und hat hier wiederholt mit Verhovay öffentlich verkehrt. Bary ist ein junger Mensch von 22 Jahren; der Ministerpräsident Tisza weigert sich, ihm die Untersuchung abzunehmen mit der Motivirung, Bary möge nur die Sache bis zu Ende führen, damit die Antisemiten nicht Grund haben, über Ungerechtigkeiten zu klagen. Hier wird erzählt, daß bei der letzten Kongregationsversammlung in Nyiregyhaza beim Obergespan eine Soiräe stattfand. Bei derselben brachte die ganze Gesellschaft ein Hoch auf Bary aus, der in einem Toaste als Muster der ungarischen Justiz, als Leuchte der Gerechtigkeit und der Unbestechlichkeit gepriesen wurde. Alle 250 Anwesenden stießen mit Bary an — nur der Obergespan nicht. — Aus authentischer Quelle erfahre ich Folgendes. Als Oberstaatsanwalt Kozma in Nyiregyhaza weilte, erschien plötzlich Herr Verhovay bei ihm und bat um Auskünfte über die Affaire der Esther Solymosi. Herr Kozma sagte Herrn Verhovay, es freue ihn, Gelegenheit zu finden zur Aufklärung des Falles und gab ihm verschiedene Auskünfte. Schließlich bat Verhovay, die Gefangenen sehen zu dürfen. Kozma sagte: „Trotzdem es gegen meine Pflicht ist, will ich Ihnen die Gefangenen zeigen und die Verantwortung tragen, damit Sie die Leute sehen." Kozma ging mit Verhovay ins Gefängniß. Ein Angeklagter nach dem anderen wurde vorgeführt. Kein Einziger verstand deutsch, Alle sprachen nur magyarisch. Oberstaatsanwalt Kozma fragte Jeden, warum er eingesperrt sei. „Ich weiß nicht," war die Antwort. „Du sollst ein Mädchen geschlachtet haben." Alle Angeklagten erklärten mit der unbefangensten Miene, von der Sache absolut nichts zu wissen. .Mit dem seither freigelassenen Vogl, der auch nur magyarisch sprach, dauerte das Verhör länger. Kozma fragte auch ihn: „Warum bist Du hier?" Vogl: „Das weiß ich; der Abgeordnete Onody hat mir. gesagt, ich werde eingesperrt werden; er hat mir Wolle verkaufen wollen, die ich nicht annahm, und da versprach er mir, ich werde eingesperrt; deshalb sitze ich nun." Verhovay schien betroffen. Als er das Gefängniß verließ, sagte er zu Oberstaatsanwalt Kozma: „Jetzt weiß ich, was hier die Gerechtigkeit erfordert; ich werde die Haltung meines Blattes ändern; Sie werden sich überzeugen, daß mein Besuch nicht nutzlos gewesen." . . . Und er ging nach Pest zurück, um noch mehr zu trotzen, als früher. Da haben Sie zwei Miniatur-Porträts von Onody und Verhovay. . Alt-Aegyptrsches. Vor Kurzem erweckte die Kunde von der Eröffnung einer der ältesten Pyramiden, der des Königs Unas, des letzten Herrschers aus der fünften Dynastie, der im vierten Jahrtausend vor der gew. Zeitrechnung regiert haben soll und die Auffindung vieler Inschriften in derselben großes Aufsehen in der gelehrten Welt. Der bekannte französische Gelehrte Maspero, welcher gegenwärtig dem ägyptischen Museum in Bulak vorsteht, hat in der Zeitschrift Itseueil de traveaux relatifs ä ]a philologie et l’Archeologie egyptiennes et assyriennes Vol. III. Liv. 3 et 4 die Wiedergabe der Inschriften begonnen und mit einer französischen Uebersetzung versehen. Was aus diesen Inschriften sich erweist, ist in vielen Beziehungen merkwürdig. Wir wollen nur Eins hervorheben. Bekanntlich geht die Meinung mehrerer Gelehrten dahin, daß die ägyptische Götterlehre, die ein großes Pantheon von Göttern und Göttinnen, den Thierdienst und den Todtencultus umfaßt, sich allmählig aus einem Ur-Monotheismus entwickelt habe. Wir, unsrerseits haben dies stets bestritten, da wir die Vielfältigkeit des ägyptischen Götterthums aus den frühzeitig angestellten Beobachtungen der Naturerscheinungen, welchen die Nilbewohner mit großem Erfolg oblagen, hevorgegangen glauben- und die monotheistischen Anklänge vielmehr als eine priesterliche Geheimlehre betrachten. Die Vorgefundenen Inschriften erhärten unsre Ansicht gänzlich. Obgleich fast der Urzeit der ägyptischen Kultur angehörig, führen sie uns die ganze bunte Mannigfaltigkeit der ägyptischen Götter 'vor, wie sie noch in der Römerzeit von den Aegyptern geglaubt und verehrt wurden. Auch nicht eine'Spur von Monotheismus. Herr Maspero, der selbst zu den Bertheidigern jener Hypothese gehörte, .muß sich doch jetzt überzeugen, daß-sie völlig unhaltbar ist..