Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1882)
- Date
- 1882-11-07
- Page
- Seite 740 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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vorgenommen, die Untersuchung vollständig beendigt und die gesummten Akten behufs Antragstellung der Staatsanwaltschaft übermittelt. Dem Anträge des Staatsanwalts, wonach die Gefangenen Amsel Vogel, Emannel Taub und Frau Jiisef Scharf auf freien Fuß zu stellen seien, wurde vom Untersuchungsrichter nur insofern Folge gegeben, daß Amsel Vogel bereits enthaftet wurde. Außerdem entschied der Untersuchungsrichter, den in Haft befindlichen Jankel Smilovics ebenfalls sreizulassen. Diesen Beschlüssen gegenüber ÄPpellirte der Staatsanwalt an den Gerichtshof mit dem Anträge, es mögen auch die Gefangenen Taub und Frau Scharf freigelaffen, hingegen Jankel Smilovics noch ferner in Haft gehalten werden, da seine Aussagen für ihn schwer . belastend und die Gefahr vorhanden sei, daß er, auf freien >Füß gesetzt, den Gang des Prozesses stören könnte. Frankreich. Paris, im Oktober. Das israel. Konsistorium wendet die größte Mühe und Sorgfalt darauf, den Religionsunterricht für die Zöglinge der Consistorialschulen, aus deren Fahrplan durch das neue radikale Gesetz der Religionsunterricht gestrichen werden mußte,. in angemessenster Weise herzustellen. Das Lehrerpersonal ist bestimmt, Räumlichkeiten noch an den Schullokalen sind gemiethet und eingerichtet und der Unterricht beginnt mit dem 1. November gleich nach Schluß der Lehrstunden. Man hat hier recht klar, wohin der Fanatismus der Radikalen führt. — In Algerien rumort der Antisemitismus in unangenehmer Weise. Ein Theil der algerischen Franzosen kann sich über die Naturalisirung der eingeborenen Israeliten durch das Dekret der provisorischen Regierung (Crömieux) noch immer nicht zufrieden geben und wühlt in mehreren Blättern gegen dasselbe. Auch hier verhindert die Aussichtslosigkeit nicht, daß der Leidenschaft, die insbesondere aus dem Conkurrenzneid entspringt, geopfert werde: — Es ist merkwürdig, wie die antisemitischen Gelüste aus Europa bis in die fernsten Gegenden übertragen werden. So wurden in Bagdad und in Bombay die Gerüchte ausgebracht, die Juden hätten ein muselmännisches Kind getödtet, um das Blut zw gebrauchen. Durch die Energie der Behörden gelang es nach kurzer Zeit, die betr. Kinder herbeizuschaffen, und so die Lügenhaftigkeit dem Volke zur eigenen Anschauung zu bringen. Dies wird dennoch nicht verhindern, bei einer anderen Gelegenheit wieder mit derselben Beschuldigung zu kommen.! Das Abenteuerliche und Ungeheuerliche hat immer für das Volk einen besonderen Reiz, noch dazu, wenn damit unbeliebte Personen zu Grunde gerichtet werden. Die Muselmanen sind in diesem Punkte die gelehrigen Schüler der Christen geworden. Paris, im Oktober. Wir haben schon bemerkt, daß in Algerien die Stimmung gegen die Juden eine gereizte ist, ohne daß von irgend einer Seite ein plausibler Grund angegeben werden könnte. Auch ist. die jüdische Bevölkerung durchaus nicht so zahlreich, wie es gewöhnlich vorausgesetzt wird. Die jüngste Volkszählung hat die Zahl der Gesammtbevölkerung aller drei Departements Algeriens auf 3,310,565 angegeben und darunter an eingeborenen, also naturalisirten Israeliten 35,665, also 1,1 Prozent. Die Volkszählung von 1876 gab 2,867,626 als Gesammtbevölkerung an, worunter 33,312 natnralisirte Israeliten. Die Gesammtbevölkerung hat also um 442,939 zugenommen, d. i. um 13,4 Prozent, während die Israeliten nur um 2,353 Zunahmen, d. i. nur 6,6 Proz. Es ist dies erklärlich, weil zu der Gesammtbevölkerung die Einwanderung ein bedeutendes Kontingent zusteuert, was bei den eingeborenen Israeliten nicht der Fall ist. Denn zu den angegebenen Zahlen derselben gehören die französischen und anderweitig eingewanderten Juden nicht, deren Zahl übrigens nicht bedeutend ist. — Es ist eine betrübende, aber nicht zu verkennende Thatsache, daß auch in Frankreich antisemitische Gelüste sich regen, die zwar,auf den Verlauf der Dinge keinen Einfluß üben können, aber doch örtlich die Stimmung verbittern. So ist in Lille ein Pamphlet der schmählichsten Art unter der Maske einer „historischen Studie" erschienen. Selbst das „Journal des Dobats" versperrt seine Spalten auffallenden Aeußerungen nicht. Ein Gabriel Charmes, der früher in Egypten eine Rolle gespielt und Reisen in Syrien gemacht und beschrieben hat, in welchen er seine Gesinnung gegen die Juden nicht verhehlte (in der Revue äes äeux urouäes), .agitirt jetzig für, die Naturalisirung der Araber in. Algerien. Er will damit die Konscription der Araber bezwecken und meint, daß, diese dann ihre Glaubensgenossen in Marokko und Tripolis zu Paaren treiben werden. Gegen eine solche erzwungene Naturalisation würden sich die Araber mit aller Macht sträuben und es könnte schließlich für die Franzosen sehr schlimm ausfallen, die Araber mit der europäischen Kriegskunst bekannt zu machen und ihnen die besten Waffen in die Hände zu liefern. Bei ihrem Fanatismus würden sie einen anderen Gebrauch davon machen als die indischen Sepoys, die auch noch nicht das letzte Wort gesprochen. Hierbei steht Charmes nicht an, die 1870 erfolgte Natüralisirung der eingeborenen Israeliten zu schmähen und zu verwerfen! Der Widerspruch, die Millionen betragenden Araber wider ihren Willen zu naturalisiren und die geschehene Naturalisirung von 30,000 Israeliten zu verurtheilen, fällt diesem Projektenmacher nicht auf. Und doch leisteten die letzteren keinen Widerstand und gingen auf die Absichten der französischen Regierung willig ein. Aber freilich das Vorurtheil macht blind. Er stellt die Vergangenheit der algierischen Araber als „ruhmvoll" hin — während sie doch nur als die schändlichsten Seeräuber sich hervorgethan. Er läßt sie