Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1882)
- Date
- 1882-10-31
- Page
- Seite 726 (sequence 14)
- Language
- German
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das Judenthum besitzt keine innere Lebenskraft, dann wären alle unsere Sorgen und Bemühungen um seine Erhaltung vergebens; oder aber diese Kraft ist ihm wesentlich eigen, dann wird es, trotz aller Verfolgungen fortbestehen für alle Zeiten, wie es sich durch viele Jahrtausende erhalten hat ungeachtet der so ungünstigen Verhältnisse, die vielleicht noch viel ungünstiger waren, als die gegenwärtigen es sind.- Diese Lebenskraft, mein Sohn, besteht — meiner Meinung nach — darin, daß das Judenthum seine Ideale nicht schon jetzt verwirklicht sieht, sondern erst in der Zukunft zu verwirklichen hat. Das goldene Zeitalter des allgemeinen Weltfriedens und der Gerechtigkeit, sieht es nicht hinter sich, sondern vor sich.. Und solange diese Ideale nicht verwirklicht sind, bevor das von den Juden gehoffte goldene Zeitalter nicht angebrochen, wo alle Völker „ihre Schwerter zu Pflügen und ihre Speere zu Sicheln geschmiedet, wo kein Volk gegen das andere sein Schwert erhebt und sich nicht mehr übet im Kriegsdienste", — bevor das noch nicht in Erfüllung gegangen ist, liegt kein Grund zur Auflösung des Judenthums vor. Zum Heile der Menschheit ist es nothwendig, daß' unter den zahlreichen Gruppen der großen Bölkerfamilie, wenigstens ein Theil vorhanden sei, der den Glauben an dieses goldene Zeitalter zum religiösen Dogma erhebe. Und wer an Etwas wahrhaft glaubt, der wird auch darnach streben und Andere darnach streben lehren und so schließlich sein Ziel erreichen. — Aber, mein Sohn, außer dieser innern Kraft, welche dem Judenthume wesentlich eigen ist, hat zu seiner Erhaltung noch eine andere, rein äußere Kraft beigetragen, deren Quelle namentlich in den häufigen Verfolgungen liegt, deren es in der ganzen Zeit seines Bestehens ausgesetzt war. Wenn irgend eine besondere Gruppe von Menschen, die für die Idee leben, unaufhörlich für ihre Existenz kämpfen muß, so hängt der Sieg in diesem Kampfe nicht etwa von der Menge der Kämpfenden ab,-sondern einzig von der innigen Hingebung, mit der alle Glieder dieser Gruppe ähre Idee verfechten. Die in ihrer Mitte lebenden indifferenten, folglich nicht organisch mit ihr verwachsenen Glieder können der Gruppe leicht verderbenbringend sein; je früher und vollständiger solche aus ihrer Mitte scheiden, desto besser ist es. Diese einfache Wahrheit bedarf keines. Beweises. So haben die beständigen Verfolgungen stets die Möglichkeit zum Austritt aus dem Judenthume geboten, aber auch gleichzeitig dazu beigetragen, das Judenthum von der lockern, nur mechanisch mit ihm in Verbindung stehenden Elementen zu reinigen. Und so vollzog sich im Laufe der Jahrhunderte unter diesen unbarmherzigen Hammerschlägen der Verfolgung die historische Läuterung und Stählung des Judenthums. Auch das Eisenerz wird unter der Wirkung des Feuers von den lockeren, undichten Theilen gereinigt. Es verliert dadurch an Umfang, gewinnt dagegen aber an Festigkeit und Stärke. Daher hat auch Moses die läuternde Kraft der Verfolgung ^2 genannt, was in euerer modernen Sprache „historische Zuchtwahl" heißen kann; denn sie wirkt in derselben Richtung, wie die natürliche Zuchtwahl in der organischen Welt. Dieses Gesetz der „historischen Zuchtwahl" herrscht in der ganzen Geschichte unseres Volkes vor und nur dadurch läßt sich jenes wunderbare Räthsel lösen, welches die Freunde des Judenthums verdutzt und seine Feinde rasend macht. — Naive Philister! ihr fragt, worin die unüberwindliche- Kraft dieses Simson besteht, und womit man ihn fesseln müsse, um ihn gänzlich zu entkräften! Ihr habt auf den Rath der grausamen Delila euch immer neue Fesseln erdacht, aus stärkeren, frischeren Stricken. Ihr begreift es nicht, daß seine Kraft in den Fesseln, welche ihr ihm anlegt, sich nur erhöhet, in den Qualen, deren ihr ihn unterzieht, sich nur mehret. Bindet ihn noch fester, quälet ihn noch schmerzlicher! — nur gemach, — solange Simson seinem nasaräischen Gelöbnisse nicht untreu wird, ist er unüberwindlich! Und bei dem Rufe: Philister über dich Simson! erwacht der eingeschläferte, gefesselte Held und breitet seine Arme aus, als wären sie nie gefesselt." — Die letzten Worte wurden von meinem Gaste mit solcher Energie gesprochen, daß meine Blicke wie gebannt an ihm hingen; und siehe da, Rabbi Nachum war wie verwandelt: vor mir stand nicht der schwächliche, gelähmte Greis, sondern ein mächtiger Held, mit kräftig erhobener Hand , mit starker, hoch gewölbter Brust und mit hellen, durchdringenden Blicken, in denen das Bewußtsein innerer Kraft sich abspiegelte. „Seid Ihr das, Rabbi Nachum?" — wollte ich eben fragen; allein ich wagte es nicht auszusprechen. Doch er — meine Frage errathend, sah freundlichen Blickes mich an,, und indem er seine mächtige-Hand mir aufs Haupt legte, sprach er von dem, was am Ende der Tage einst geschehen werde . .. . Sanft und leise war seine Stimme, sie ertönte meinem Ohr, wie liebliche Klänge einer fern rauschenden MuM Ich konnte den Sinn seiner Worte nicht begreifen . . .. : Mir war es, als entströmte seiner auf meinem Haupte, ruhenden Hand eine magische Kraft, die mein ganzes Sein -in sanfte Betäubung hüllte und — ein süßer Schlummer schloß mein müdes Auge. Sr.-."' - ' ■ummMimmärnümmmiii