Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1882)
- Date
- 1882-10-03
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Außerordentliche Beilage M Mg. Zeitung des Iudenthnms Ar. 40?) In Mrmoriam I. L. Wertheim's. „Liebe ist das Sonnenlicht, Das durch dunkle Nächte bricht." Am 18. August entschlief zu Amsterdam im 42. Lebensjahre nach langem Leiden Herr Jakob Leon Wertheim, ein Dichter von der Gnade Gottes, — wie unser unsterblicher Heine gesungen — dessen Hinscheiden in Noord und Zuid- Nederland — von dem Dollart bis zum Pas de Calais — einet} Schmerzensruf schrillster Art hervorgerufen, und von seinen zahlreichen Freunden, von sämmtlichen Stimmen der Presse seines engeren Vaterlandes aufs Tiefste betrauert wurde. Als Jüngling schon der Liebling Lamartine's wegen seiner eingehenden Kenntniß und Vorliebe für die französische Literatur , und seiner sehr gut gelungenen Versuche, französische Gedichte wiederzubringen, in reiferen Jahren intim befreundet mit Manuel, Coppee, Aicard und den hervorragendsten Societaires de la Comedie Fran^aise, welche ihm zu Ehren eigens (das von ihnt in seine Muttersprache übertragene) 1/Absent von Manuel vor ihm spielten; mit den bedeutendsten niederländischen Schriftstellern Meiltatuli, Schimmel rc. eng liirt, von Hendrich Caiseieuce hochgeschätzt, mit dem huldvollen Wohlwollen Sr. Majestät des Königs der Niederlande beehrt, blieb der Heimgegangene doch stets der bescheidene, milde, edle Charakter, war er nie zufrieden 'mit sich selbst und seinen vortrefflichen Leistungen, stets nachgiebig und zuvorkommend gegen Andere. Obwohl seine Berufspflichten auf ganz anderem Felde als dem literarischen lagen, gelangte er durch gediegenes Studium und warmes Berständniß tzu einer geläuterten Form in Poesie und Prosa? sowie, was noch schwieriger ist, bei Uebertragungen der Werke deutscher, französischer und englischer Autoren zu einer solchen Vollkommenheit, daß ihnen nicht die Mängel, welche Uebersetzungen meist an sich tragen, anhafteten, ja selbst seine Arbeiten in dieser Richtung als ganz ursprünglich in niederländischer Sprache verfaßt erschienen. Als Mitbegründer und Sekretär der Pflanzschule für dramatische Kunst erwarb er sich große Verdienste mit der Aufbesserung der sehr darniederliegenden vaterländischen Dramaturgie, in welcher Funktion er noch bis zu der äußersten Phase seines schweren schmerzlichen Leidenskelches mit besouderer Liebe und Aufopferung thätig blieb. Seine Uebersetzungen von Tennyson's: „Enoch Arden44; Manuel's: „L’Absent44, „Les ouvriers“, „La robe“; Coppee's: „La. grfcve des forgerons“; Theuriets: „Jean Marie“, Brett Hartes Novellen; Bonvilles: „Gringoire44; Herz: „Jolanthe“, sowie seine eigenen Schöpfungen „Eveline44, „Tusschen licht en donker“ rc. erfreuten sich großer Anerkennung auf der Bühne sowohl wie in den Lesekreisen. Einem huldvollen Aufträge seines Königs, ein Meisterwerk Augiers Lions et Renards zu übertragen, konnte er wegen schnell fortschreitender Krankheit nicht mehr gerecht werden. Die Theilnahme über das frühe Hinscheiden des vortrefflichen und allgemein beliebten edlen Menschen bekundet sich in der Presse, an seinem Grabe und in zahlreichen Leidensbezeugungen von den ansehnlichsten Persönlichkeiten auf dem Gebiet der schönen Kunst, welche in ihm einen eifrigen Verehrer und Förderer verloren: M. K. De Amsterdammer Weebblad Noor Nederland. I. L. Wertheim. „De mortuis nil nisi bene44 besagt das Sprichwort und bedeckt gewissermaßen mit dem Mantel der Liebe die Gebrechen und Mängel des Dahingeschiedenen. Für diesen Heimgegangenen, für den Dichter Jakob' Leon Wertheim ist dieses Sprichwort jedoch nicht am Platze. Liebenswürdig und geliebt, bescheiden und einfach, streng gegen sich selbst, mildgesinnt gegen Andere, nahm er Jedermann, mit dem er in Berührung trat, für sich ein. Sich selbst gönnte er stets nur den bescheidensten Platz, und bei . Allem wessen er sich hätte rühmen können, wußte die rechte Hand nicht was die linke that. Seine poetischen Gaben überschätzte er nicht; nie pochte er auf seine Arbeiten, und blieb stets von denselben unbefriedigt; eine Verbesserung folgte der andern. Die Kritik urtheilte und beurtheilt im entgegengesetzten Sinne. Sie räumt I. L. Wertheim eine hervorragende Stelle unter den jetzt lebenden Dichtern ein. Französische Autoren wie Manuel, Aicard und Coppee nannten ihn ihren Freund und schätzten ihn wegen seiner poetischen Begabung. Diese Dichter sprachen ihn mehr als andere an; in ihren Gedichten spiegelte sich seine Gemüthsstimmnng ab: Liebe für den Arbeiterstand, Zartgefühl für all das im Stillen erduldete Ungemach und Kämpfen um's Dasein: „L’ouvrier, la Grreve des forgerons“, „la marchande de Jonrnaux“, „l’Absent“, „Gringoire et Jolanthe“, bezeugen dies. Neben Feingefühl vereinigte sich in I. L. Wertheim völlige Beherrschung der Sprache, die häufig als,Musik im Ohr erklang, worin „Jean Marie44 es beispielwtziseangeführt zu werden verdient. Wem es vergönnt war Bruchstücke aus seiner metrischen Bearbeitung der französischen Klassiker zu hören, betrauert, daß es bei diesen Fragmenten verblieb. Aber Wertheim hegte zu viel Pietät für diese Meister und zu wenig Einbildung von sich selbst — wie vortrefflich er auch diese Meisterwerke übertrug — als daß er es nicht bei diesen Bruchstücken belassen hätte. Auch als Autor hatten wir Wertheim günstig kennen gelernt. Drei Novellen unter dem Titel „Tusschen licht en donker44 verliehen ihm hiezu Berechtigung, und zeigten uns sein poetisches und zartbesaitetes Gemüth. Auch in französischer Sprache existiren Gedichte aus seiner Feder. Für das öffentliche Leben fühlte Wertheim wenig Neigung. Sekretär des Curatoriums der Schule für dramatische Kunst war fast die einzige öffentliche Stellung, der er sich speziell widmete. Aber dieser Schule war er von ganzem Herzen zugethan, er versprach ihr, und mit Recht eine schöne Zukunft. Die Zöglinge schätzten in hoch und die ältern Bühnenmitglieder, welche ihn nicht in seiner Eigenschaft als Sekretär kennen gelernt, waren begeistert von seinem „Henoch Arden44, den ihnen der tief betrauerte Rennefeld mit seelenvoller Stimme vorgetragen. Mit welcher Sorgfalt studirten sie unter der vortrefflichen Leitung der Frau Kleine seine Verse in dem von ihr ausgewählte „Das Kinderkleidchen" ein. Leider war es ihm nicht gegönnt so Vieles, was er für diese Anstalt unternehmen wollte, zu vollbringen. Eine schleichende Krankheit benahm ihm Lust und Kraft aber Nie. . . seine Liebe. Bis iu die letzte Phase seines Schmerzenslagers zeigte er für Alles Interesse und beschäftigte sich noch, so schwer es ihm auch fiel, mit literarischer i) Für alle „Beilagen" übernimmt die Redaktion die Verantwortlichkeit nur dem Gesetze gegenüber.