Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1882)
- Date
- 1882-10-03
- Page
- Seite 662 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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spricht. — Der Zudrang ist so lebhaft, wie man ihn nur wünschen kann. — Durch die hier bestehende, sehr wichtige Knabenschule ist mns viel vorgearbeitet. Obgleich erst seit 4 Jahren gegründet, hat diese Schule schon eine Anzahl junger Leute gebildet, die jetzt theils auf Comptoirs, theils an der Eisenbahn beschäftigt sind. Was nun Land und Leute in Tunis anbetrifft, so finde ich Herrn Hesse-Wartusti) ein wenig strenge in mancher Beziehung. Obgleich ich anfangs mit mancher Schwierigkeit zu kämpfen hatte, um mich einzurichten, war ich doch wieder in anderer Hinsicht angenehm enttäuscht. Das Leben ist bei weitem mehr europäisch, als man es sich bei uns vorstellt, und erinnert.mich sehr an Alexandriens (arme Stadt!) Die Umgegend, Berge, See, bewaldete Hügel mit weißen Dörfern, ist dagegen bedeutend schöner, als die ägyptische Landschaft, so weit ich dieselbe kenne. — Einen eigentümlichen Eindruck macht die große Anzahl von Juden, meist in schönem malerischen Kostüm, den blauen oder weißen Mantel über einer Schulter drapirt. Von dem Dolmetscher an, der zu uns an Bord kam, bis zu dem geringsten Handwerker und ambulanten Verkäufer, scheint alle Art Verdienst in ihren Händen zu ruhen. — Ich bin hier sehr gut Placirt, um Sitten und Gebräuche zu beobachten. In dem Augenblick,- Mährend ich dieses schreibe, spielt sich einige Schritte von mir ein Stückchen tunesisch-jüdischen Volkslebens ab. Die früheren Bewohner des Hauses, sind nach hiesiger Sitte ausgezogen,^ weil ein Sohn hier gestorben ist. Das Haus sollte das Trauerjahr hindurch leer bleiben, und nur auf dringendes Bitten des Lokal-Comite's der Alliance ist es uns überlassen worden, nachdem man sich das Sterbezimmer und die anstoßenden Räume reservirt hat, um dort die Sabbathe und Feiertage zu verbringen und nach Landessitte: allwöchentlich einmal den Todten zu beklagen. — Heute ist gerade der Tag, und trotz der wohlverschlossenen Thür meines Stud.irzimmerchens höre ich, über den weiten Vorplatz her, das ohrzerreißende Lied des Klageweibes und den langgezogenen winselnden Refrain, von plötzlichem Aufschrei unterbrochen, der Frauen, die im Kreise um jenes herum hocken, sich im Takte vor die Brust schlagen und eine die andere 1) Wir haben Auszüge aus dessen Schilderungen im vor. Jahrg. S. 817, 849, 865 gegeben. Redakt. 2) Die Dame hat früher einige Jahre in Alexandrien gewirkt. Redakt. zu übertönen suchen. Der Lärm wird zuweilen so unerträglich, daß ich, trotz der Hitze, mein Heil außerhalb des Hauses suchen muß. ' \ Ich muß jedoch gestehen, daß das Ganze zu komödienhaft ist, um einen traurigen Eindruck hervovzubringen, besonders wenn man weiß, daß nach kurzer Zeit ganz urplötzlich Klagen und Schluchzen verstummen, und daß sich statt dessen zwischen den guten Frauen, alle mit großer Körperfülle gesegnet, ein lautes, lebhaftes Gespräch entspinnt, das nur zu oft in Zanken und Keilen ausartet. — Uebrigens bin ich für die tunesischen Damen ein ebenso lebhafter Gegenstand der Neugier, wie sie für mich. Sie schlürfen auf ihren, an den Fersen niedergefalteten Schuhen in meine Zimmer, betasten Möbel und Kleidungsstücke und knüpfen eine kauderwelsche Unterhaltung an. Ihre erste Frage war: Handek speso? Es dauert lange, bis sie verstehen, daß die Mestra frances eine Jüdin ist wie sie. — Doch ich bemerke, daß mein Brief sich sehr in die Länge zieht. Aus einem fremden Lande ist ja so manches zu erzählen! Wollten Sie, geehrter Herr Doktor, dem ja alleswas unsere Glaubensgenossen betrifft, so nahe am Herzen liegt, über ein oder das andere Verhältniß hier zu Lande Auskunft wünschen, die ich Ihnen geben oder für Sie erlangen kann, so bin ich mit der größten Freude dazu bereit. - Vermischtes. - : Antisemitische Propaganda in der Oper. Man schreibt aus Pest: Zu Beginn der jüngsten „Lohengrin "-Vorstellung' in der Oper, erschien im Vestibüle ein elegant gekleideter Mann und vertheilte an die Billeteurs und Logendiener Exemplare einer in Ungarn erscheinenden antisemitischen Zeitung. Er ersuchte die Billeteurs, jedem Eintretenden ein Exemplar in die Hand zu drücken. Hierauf begab er sich in die umliegenden Gast- und Kaffeehäuser und händigte den Kellneru mehrere, derlei Exemplare gleichfalls mit der Bestimmung ein, sie an die Gäste .zu vertheilen. Einer der Billeteurs machte hiervon einem Detektive Mittheilung, welcher nun seinerseits dem diensthabenden Kommissär hiervon Meldung machte. Letzterer veranlaßte die Saisirungder bei den Dienern noch disponiblen Exemplare und die Ausforschung des unbekannten Bertheilers derselben. -