Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1882)
- Date
- 1882-10-03
- Page
- Seite 658 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227434--40242-3257869- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gestattete er ihnen unter gewissen Bedingungen die Bitte; Me Häftlinge dürfen nämlich mit einander nicht sprechen, müssen unmittelbar vor den Haftzellen stehen bleiben und dort beten. Der hierortige Rabbiner verlas ein kurzes Gebet und gab von Zeit zu Leit das Zeichen für die rituellen Posaunenstöße. Der Rabbiner hatte das erwähnte Gebet vorher in deutscher Sprache dem Untersuchungsrichter vorlesen müssen; vor jeder Zellenthür stand neben dem Häftling ein Wächter. — Der könM Staatsanwaltschaft in Nyiregyhaza sind, die gegen das Vorgehen des Untersuchungsrichters Vary gerichteten Beschwerden behufs Antragstellung zugewiesen worden. Diese Beschwerden bestehen: 1. Aus dem mit den Marmaraser Flößern zuerst vor dem Kreisnotär aufgenommenen, sodann vor dem H'ußter Stuhlrichter authentizirten und sodann durch den Marmaraser Vizegespan dem Nyiregyhazaer Gerichtshof übermittelten Protokoll. 2. Aus der Klage der Dadaer, Fischer, welche über die Vexationen von Seite des Untersuchungsrichters Klage führen. 3. Aus der bekannten Eingabe der Vertheidiger an die Ober-Staatsanwaltschaft. — Dem Egyetsrtäs geht folgende Nachricht zu: Die (gestern) auf freien Fuß gesetzten Rosenberg, Martin Groß und. Ignaz Klein erzählen merkwürdige Dinge über die Behandlung, die ihnen während des Verhörs zutheil wurde. Ho erzählt Martin Groß, daß er durch zweimal vieründzwanzig Stunden in einer übelriechenden Hühnersteige unter den Hühnern eingesperrt war. Ignaz Klein aber erzählt, der Sicherheits-Kommissär habe ihn in der Nacht vom 20. Juli in Tißa-Lök in der Weise verhört, daß er ihm bis zum Ersticken . Wasser in die Kehle gießen ließ, und wenn ihm die Zähne,zusammenschlugen, stieß ihm der Kommissär mit der Faust die.Kinnlade auf. „Mit Wasser gefüllt" sei er dem Untersuchungsrichter Vary vorgeführt worden, der den Ohnmächtigen dann angeblich wieder mit Maulschellen „verhörte". Staatsanwalt Ha v.as werde am 25. d. das Studium der Angelegenheit beendigen. Die Judenschaft befürchte, daß der Prozeß eingestellt und so die Möglichkeit nicht vorhanden sein werde, die Unschuld der Beschuldigten öffentlich zu erhärten. . Lemberg, 12. September. Nach amtlichen. Erhebungen belief sich am 2. September die Zahl der in Brody befindlichen.. russischen Juden auf 4026 Personen. In der Zeit vom 2.,. bis 9. September kehrten aus Amerika 4, aus Egypten 16 Emigranten zurück. Dagegen wurden in der abgelaufenen Woche 775 Personen repatriirt und 358 Personen nach Paris, 4 nach Rumänien, 10 nach Konstantinopel expedirt. Es verblieb daher in Brody am 9. September ein Gesammtbestand von 2899 Personen. Die von mehreren Journalen gebrachten abweichenden Daten sind ungenau. Lemberg, 15. September.. (Privatmitth.) Wir müssen uns darauf gefaßt machen, in allen jenen.Ländern, wo der Gedanke der Gleichberechtigung Noch jung istzwar inden Verfassungen stehtaber in manchen Schichten des Volkes, namentlich in denen, in welchen die Rechte früherer aristokratischer Herrschaft noch vorhanden sind, nur erst dürftige Wurzeln geschlagen hat, den Antisemitismus auftauchen und nach Kräften die Gleichstellung bekämpfen sehen. Warum sollte dies nicht auch in Galizien geschehen? Nachdem in viel aufgeklärteren Ländern sich dieses Gespenst aus vergangener Zeit offen am - Lichte des Tages -gezeigt hat-, ist den Judenfeinden überall der Muth gewachsen, sich mit ihren gehässigen Tendenzen heraus zu-wagen. Man würde nun viel weniger hiergegen einzuwenden haben, wenn es einen ehrlichen Kampf gälte. Aber die Gegner treten zugleich mit den Waffen der Lüge, mit den gröbsten Unwahrheiten auf's Schamloseste auf, und auch die nachdrücklichste Widerlegung hält sie nicht zurück, ihre verleumderische Beschuldigung wieder zu erneueru. .Wir haben schon berichtet, daß der seit Jahren in Judenhaß machende Abg. zum Galizischen Landtage Merunowicz einen Antrag gegen die Matrikenführung durch die Rabbiner bewirkt hat, daß die Regierung hierauf eine Untersuchung angestellt und als Resultat derselben-die ganze Anklage für unbegründet und falsch -erklärt hat. Was macht sich aber ein solcher Abgeordneter aus einem noch so gründlich erwiesenen ' offiziellen Dementi? Er hat den Antrag ' noch einmal eingebracht „auf Regelung der Rechtsverhältnisse der galizischen Judenschaft" und erregte gestern' damit eine sehr lebhafte Scene im Landtage. Der Bericht darüber lautet wie folgt: M e r u n o w i c z wiederholte - bei Begründung des Antrages die schon bei früheren Gelegenheiten wider die Juden erhobenen Anschuldigungen. Die Statthalterei sei im Jrrthum,. wenn sie behauptet, daß die Rabbiner ganz ordnungsmäßig die Matrikenbücher führen, Redner sei hierüber besser informirt, und deshalb könne man den Rapporten der .Bezirkshauptleute, welche mit der Untersuchung dieser Angelegenheit betraut wurden, keine Bedeutung beilegen. Der Antragsteller wisse es^ daß die Rabbiner ungiltige Ehen in die Trauungsbücher einzutragen, dagegen die neügebornen Judenkinder nicht gehörig in Evidenz zu chatten pflegen. Sogar die Wiener Presse habe auf Beseitigung dieser Uebelstände gedrungen. Es sei auch durchaus nothwendig, die „Geheimnisse des Talmuds" wissenschaftlich zu ergründen. Der religiösen Motiven entsprungene Mord in Tisza-Eszlar beweise jadaß die Behauptung von Benutzung des Christenblutes zu rituellen Zwecken keineswegs die Fabel sei, als welche man sie gerne hinstellen Möchte. Die jüdischen Abgeordneten Dr. Goldmann, Dr. Zucker und Dr. Fruchtmaun rufen erregt dazwischen: „Wo sind die Beweise hierfür?" Merunowicz: Die Blätter, haben doch ausführlich davon geschrieben. Berichtigt wurden diese Mittheilungen von- Niemandem. Die Juden beobachten in allen Ländern und