Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1882)
- Date
- 1882-09-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Ein imparteWes Organ für alles jiidWe Jntereffe. Äerausaeaeben von In redactionellen Angelegenheiten 03 wende man sich an vr. L.PHilippson in Rabbiner Vr. Ludwig Vhilippson in Bonn. ISsÄ r f rrr 12 M.) sind gleichfalls an letztere eni- - zusenden. GXpeöitrorr: Leipzig, HioßpLclh 18. — vt—— Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. 46. Jahrgang. Leipzig, den 19. September 1882. JVo. 38. Inhalt. Leitende Artikel: Zu den Festen. IV. — Aktenstücke der Tißa-Eßlarer Asfaire. — Literarischer Wochenbericht, — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau, Stuttgart. — Oesterreich-Ungarn: Pest. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg, Warschau, Odessa. — Orient: Smyrna. — Amerika: Paris. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Moses Mendelssohn und Joh^ G. Zimmermann. Von Dr. M. Kayserling. (Schluß.) — Vermischtes: Englisches Kuriosum. juilei'u)e Cizl'ißef. - - j Bonn, 13. September: Zu den Felle». IV. „Es ist kein Mensch, der nicht sündigt." (l. Kön. 8, 46.) „Ist vor Gott ein Mensch gerecht, Bor seinem Schöpfer rein ein Mann?" (Hiob 4, 17) Mit den Festen, die wir jetzt feiern, ist der Begriff der menschlichen Schuldhaftigkeit eng verknüpft. Wenn Rosch- Haschanah die Erinnerung an das göttliche Gericht erwecken und stärken soll, so bedeutet dies doch nichts Anderes, als daß der Mensch in sich gehen, sein Thun und Lassen , sein Denken, Fühlen und Wollen prüfen und durchforschen und sich seiner Fehle bewußt werden solle, da er für all dies vor Gott verantwortlich ist. Wenn Jom Kippur uns auffordern soll, die Vergebung Gottes für unsre Sünden, durch Bekenntniß, Reue und Besserung mit aller Macht unsrer Seele anzustreben, und Niemandem sich hiervon äuszuschließen gestattet, so ist damit auf die Schuldhaftigkeit jedes Menschen hingewiesen. Unsre Weisen haben daher die ganzen zehn Tage, beide Feste eingeschloffen, „die zehn Tage der Büße" benannt und hiermit den Zweck und die Aufgabe dieser Tage bezeichnet. Zweifaches ist hier aber hervorzuheben. Zuerst, daß bei dieser Schuldhaftigkeit des Menschen nicht an eine allgemeine, etwa ererbte Schuld zu denken sei. - Unsre Religion läßt die Menschenseele „rein", d. h. schuldlos aus der Hand des Schöpfers hervorgehen, wie sie dies täglich dem Beter in den Mund legt. In dem Kampfe aber mit den. Trieben, die in der MenschennatUr liegen, und mit den Verhältnissen, welche die menschliche Gesellschaft geschaffen hat, und bei der Willensfreiheit, die das sittliche Wesen des Menschen ausmacht, bleibt es nicht aus, daß der Mensch unbewußten und bewußten Jrrthümern, Fehltritten, sündhaften^ Gelüsten und Handlungen anheim fällt," und sich so verschuldet.. Dies ist das Werk jedes Einzelnen, in jedem Einzelnen anders, die- Schuldhaftigkeit jedes Einzelnen, die er sühnen, von der er sich frei machen, für die er die göttliche Vergebung erstreben soll. Das zweite Moment ist, daß das Fudenthum, so ernst es auch diesen Zustand der Menschenseele betrachtet und behandelt, so nachdrücklich es allen seinen Bekennern ans Herz und ins Gewissen legt/ durch Erkenntniß und Umkehr sich aus diesem Zustande der Schuldhaftigkeit zu befreien, dennoch nicht aus dieser Anschauung einen düstern Schleier über das Leben breitet, den Menschen darum nicht als gefallen, verächtlich, verworfen ansieht und ihn deshalb nicht zu beständiger Trauer und DemüthigNng verurtheilt. Ihm ist die Gnade Gottes so unbegrenzt, daß sie auch den sündigsten Menschen, den schwersten Verbrecher in den Tiefen, zu denen er hinabgesunken, zrst finden, zu erreichen und zu erhebest vermag. '■ Ihm ist die Geisteskraft des Menschen groß und stark genug, um sich aus dem Gewühle der wildesten Leidenschaften, von dem Boden der schwersten. Verbrechen bis dahin wieder aufzurichten, wo die Gnade Gottes ihn ersaßt und ihm die Pforte der 38 .