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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-08-29 · Heft 35 (29.8.1882) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 35 (29.8.1882)
Date
1882-08-29
Page
Seite 581 (sequence 13)
Language
German
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und zu diesem Zwecke einige Monate in der preußischen Hauptstadt bleiben mußte. Ein Mischer Banquier in Hannover, Michel David, der „über Dreimalhuttderttausend Thaler in Vermögen hatte", gab ihm einen offenen Kreditbrief nach Berlin mit, wo er so viel Geld uns seine Rechnung nehmen konnte als er wollte. „Er will dagegen, erzählt Zimmermann, absolut keine Sicherheit von mir, keinen Zins und kein Geld , bis ich ihm dasselbe eigenhändig in Hannover in guter Gesundheit wiedergeben könne." „Aber Herr Michel David", sagte ich, „und wenn ich in Berlin sterbe?" Er antwortete: „Herr Leibmedikus, einen so rechtschaffenen Mann wie Sie sind, läßt Gott nicht sterben." „Er wollte mich auch noch ein gutes Stück Weges mit seinem eigenen Wagen führen lassen und zwar ohne Entgelt; ich habe es aber nicht angenommen."^) In dieser seiner Leidenszeit besuchte ihn Mendelssohn oft an seinem Schmerzenslager und der auf dem Zenith seines Ruhmes stehende königliche Leibarzt kam nach seiner Genesung häufig zu seinem jüdischen Freunde, „zu seiner vortrefflichen Gattin und seinen liebenswürdigen Kindern", um dem damals selbst sehr leidenden Freunde, wenn auch Nicht gerade ärztlichen Beistand zu leisten, wohl aber den: ihn behandelnden Arzte kleine Winke zu geben, „wie er ihn zu führen habe." Unmittelbar bevor Zimmermann Berlin verließ, erhielt er von Mendelssohn einen Brief, in dem er ihm seine Ansichten über die Psalmen eröffnete. Derselbe lautet: „Allerdings hat mein Freund Nicolai meine Unwissenheit ein wenig übertrieben. Herr Conststorial-Rath I a c o b i3 4) hat vollkommen Recht; es sind weit mehr als vier Psalmen so leicht zu verstehen, als nur immer eine Stelle in den historischen Schriften des Alten Testaments sein kann. Aber von vielen, sehr vielen Psalmen muß ich gleichwohl gestehen, daß ich sie schlechterdings nicht verstehe. Unter den leichtverständlichen sind viele, die ich für sehr mittelmäßige Gedichte halten muß. Verse ohne Verbindung, bald Wiederholungen eines und ebendesselben Gedankens bis zum Ueberdruß, bald Sprünge und Ausweichungen, die keine Begeisterung rechtfertigen kann. Man könnte die Verse in jeder andern Ordnung aufeinander folgen lassen, ohne daß der Zusammenhang wirklich schlechter würde. Aber von den vortrefflichen Gedichten, die wahre Muster in der lyrischen Dichtungsart sind, kenne ich nur wenige, die mir durchgehends verständlich waren. Ich habe über den „Prediger" einen Commentar herausgegeben, den Herr Rabe ins Deutsche übersetzt hat5), Ihnen und dem Herrn Consistorial-Rath 3) Zimmermann's Briefe an einige seiner Freunde in der Schweiz, 134. 4) Der Bruder des Philosophen von Pempelfort, derselbe wurde durch Gleim bei Mendelssohn eingeführt. 5) Diese deutsche Uebersetzung erschien, unter dem Titel: „Der Jacobi darf'ich aber gestehen, daß ich viele Stellen in dem „Prediger" nicht verstehe. Ich habe es gemacht, wie die Ausleger es alle machen, den Sinn hineingelegt, der sich mit dem Inbegriff der Worte einigermaßen verträgt, und damit muß der Leser schon zufrieden sein. Aber ich selbst kann es nicht sein, ich weiß daß der Sinn an vielen Stellen so unnatürlich ist, daß sich ein guter Schriftsteller so ausdrücken würde, wenn er eben dies zu sagen hätte. Und Salomo sollte sich so ausgedrückt haben? Eben also geht es mir mit vielen Psalmen. Wenn ich den gewöhnlichen Weg der Ausleger gehen wollte, so könnte ich die Psalmen so gut als den Prediger commentiren. Aber ich würde mir selber nicht Genüge thun. Fünfzehn oder zwanzig von den vortrefflichsten Psalmen habe ich mir übersetzt und diese glaube ich zu verstehen. Ich werde mit dieser Arbeit fortfähren, sobald es Ihre Kunst erlauben wird, mein vortrefflicher Freund! jetzt darf ich kaum daran denken. Herr Michaelis ist ein vortrefflicher Schriftausleger, aber mit seinen Psalmenß) glaube ich am wenigsten zufrieden sein zu können, und wer weiß, ob er nicht mit meiner Auslegung ebensowenig zufrieden sein würde. Einige schwere Psalmen sind von der Art, daß sie hineinlesen können, was sie wollen. Vermuthlich tveil man die Gelegenheit nicht weiß, durch welche sie veranlaßt worden, weil Verfasser, Zeit und Umstände davon unbekannt sind, weil einige Stellen corrumpirt sein mögen u. s. w. Ich könnte Ihnen zwei Psalmen anführen, die von den Auslegern beider Nationen für Prophezeihungen auf den Messias gehalten werden. Ich habe sie genauer untersucht und glaube in einem davon eine satyrische Ode auf den Geiz und in dem andern eine Schmeichelei zu erkennen^), die du, Hofdichter dem David gemacht, als sein Feldherr Rabba belagerte. Genug hiervon!" Die Ansichten, welche Mendelssohn in diesem Briefe über die Psalmen ausspricht, sind keineswegs neu; er hat sich ungefähr ein Jahr früher gegen Joh. D. Michaelis in Göttingen ähnlich geäußert. Auch ihm schreibt er den 12. November 1770: „Ich habe vor einiger Zeit etwa zwanzig Psalmen, worunter auch einige von den schwersten, in einem freien Silbenmaße, das dem Hebräischen, meinem Gehöre nach, ziemlich nahe kommt, ins Deutsche übersetzt"?) Der hier mitgetheilte Brief Mendelssohn's an Zimmermann o) ist „ohne Datum" und der Herausgeber hat es auch nicht versucht, dasselbe, wenn auch nur annähernd, zu be- »;r Solomo mit einer kurzen und zureichenden Erklärung nach ort-Verstand u. s. w. von dem Vers, des Phädon. Aus dem Hebräischen übersetzt von dem Uebersetzer der Mischnah. Anspach 1771. 6) Michaelis' Psalmen erschienen im Jahre 1771. 7) Es ist dies der 110. Psalm, den viele ältere und neuere Ausleger auf den erwarteten Messias beziehen; vgl. M. Mendelssohn's Anmerkungen zu den Psalmen Ges. Schr. VI, 364. 8) Mein Moses Mendelssohn, S. 510. 9) Bei Bodemann, a. a. O. S. 287 f.

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