Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1882)
- Date
- 1882-08-29
- Page
- Seite 570 (sequence 2)
- Language
- German
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thun und treiben; wir sind demselben Gesetze unterworfen j und haben dieselben Pflichten zu erfüllen; wir erstreben und erreichen nichts Anderes, als sie alle. Was man Anderes uns angedichtet, uns untergeschoben, womit man die Leidenschaften der Masse gegen uns zu erregen trachtete: es ist Lüge, es ist Verleumdung. Der Zweck, den man erreichen will, ist klar. Man will in längst vergangene Zeiten wieder zurück; man will gestürzte Mächte wieder Herstellen, niedergerissene Schranken wieder aufrichten; mit uns will man anfangen und jedes Mittel dazu ist ihnen gut. Da ist es nicht zu verwundern, daß wir in Ungeduld fragen, wie weit es in der Nacht ist? in Ungeduld, daß wir die Frage wiederholen. Aber unsre Ungeduld wird abgewiesen, selbst der Morgen, der kommt, wird uns nicht schützen vor der Nacht, wenn sie wiederkommt, und ist unser Begehren auch noch so heiß und vollberechtigt: auf den Gang des Geschickes übt es keinen Einfluß. Der Wächter, der die Stunden der Nacht, die bereits vorübergegangen, d. h. die Vergangenheit kennt und überschaut, die seit vielen Jahrhunderten über uns dahingegangen, er kann uns nur vertrösten, daß die gegenwärtige Nacht ihr Ende erreichen und die Zeit der Morgenröthe, also einer glücklicheren Gegenwart, wiederkommen werde. Aber " er darf uns nicht verhehlen, daß nach den eben gemachten Erfahrungen das Geschick Israels noch lange nicht feststeht, daß der Tag des dauernden Friedens auch mit dem anbrechenden Morgen noch nicht gekommen und die Nacht wieder Hereinbrechen könne. Das muß er uns verkünden und dennoch tröstet er uns. Begehret Ihr — lebt in Euch die frische Kraft des Geistes, der nicht aufhören will zu streben und zu wirken; gebt Ihr trotz der stürmischen Nacht und der zuckenden Blitze die Energie des Willens, die Kraft des Handelns nicht auf — so begehret nur, so heget und pfleget diesen Willen, diese Kraft, diese Lebensfrische trotz aller Hindernisse, die man Euch entgegentvirft, trotz des Steingerölles, das man Euch in die Wege wälzt. Kommt wieder! Gebt also nicht die Hoffnung auf. Fraget den Wächter, wenn abermals Stunden vorübergegangen. Lebet, bestehet, kommt wieder. Wer begehren darf und kann und wer wiederkommen soll auf den Pfaden des Lebens, der ist nicht dem Untergange ßeweiht, der ist berufen, im Kampfe zu bestehen und seine Gegner weichen, ja fallen zu sehen! . . . Ruft doch derselbe Wächter aus (B. 8 ff.): „Auf der Wacht', o. Herr, stand ich beständig am Tage, Auf meiner Wacht stand ich all' die Nächte, — Gefallen, gefallen ist Babel Und all'seine Götzenbilder hat man zur Erde geschmettert! — O du, mein zermalmtes, festgestampfles Volk: Was ich gehört von dem Ew'gen der Heerschaaren, Israels Gotte, verkündet' ich Euch." Die gegenwärtige Lage in Rußland. Seit geraumer Zeit sind wir so glücklich, aus Rußland weder von Plünderung und Mißhandlungen, noch von Austreibungen der Juden zu hören, und positiv geht die Repatriirung zahlreicher Flüchtlinge ohne behördlichen Widerstand, ja mit einiger Erleichterung durch die Eisenbahnen vor sich. Daß diese Besserung der Lage von dem Augenblicke datirt, wo Graf Tolstoi den Grafen Jgnatiew als Minister des Innern ersetzte und gemessene Befehle zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Sicherheit an die Gouverneure und Polizeibehörden erlassen hatte, ist bezeichnend im hohen Grade. Denn einerseits wird dadurch konstatirt, daß Jgnatiew und Genossen die Urheber und Träger der ganzen furchtbaren Erscheinung gewesen, aber auch, daß das Volk nur durch Agitatoren verleitet worden, welche ihm weis gemacht, der Czar habe die Plünderung und Mißhandlung der Juden befohlen. Denn mit dem Augenblicke, wo durch den Ernst der Behörden und die wirkliche Thätigkeit der Rechtspflege das Volk eines Besseren belehrt wurde, hörten auch die schändlichen Excesse auf. Hiermit ist aber auch Denjenigen der Boden weggezogen, welche die Ausschreitungen des Pöbels auf die Ausbeutung des Volkes durch die Juden und den dadurch bewirkten Haß zurückführen wollten. So schnell läßt sich eine wirkliche Erregung oder gar Wuth im Volke nicht zurückdämmen. Man bemühte sich, das russische Volk in einer Art von Verzweiflung den Juden gegenüber darzustellen. Dieser Kunstgriff der Antisemiten ist ihnen nun verloren gegangen. Denn ein durch Verzweiflung zur Wnth gereiztes Volk legt nicht auf ein bloßes ministerielles Cirknlär die Brandfackel nieder. Hier aber genügte das Bekanntwerden des ernsten Willens des neuen Ministers des Innern in Verbindung mit dem Abwiegeln seitens der panslavistischen Partei — man denke an die Artikel Katkow's — um den durch so viele Provinzen lodernden Brand zu löschen. Um so wichtiger ist es, nachdem wir das erste Cirkulär des Grafen Tolstoi wörtlich mitgetheilt hatten, auch die jüngsten Erlasse dem Wortlaut nach kennen zu lernen. Cirkulär des Finanzministers an die Steuerempfänger in den Provinzen, betreffend den Handel "mit Getränken durch die Juden: „Ein Erlaß des Minister-Komites, von S. M dem Kaiser am 3./15. Mai laufenden Jahres bestätigt, die Anwendung der gegenwärtigen Verordnungen in Bezug auf die Juden betreffend, hat unter Anderem bestimmt durch seinen Art. 5., daß die Minister des Innern und der Finanzen beauftragt seien, gleichlautend mit den genommenen Verfügungen , den Beamten der Polizei und der Steuer Instruktionen znkommen zu lassen, damit sie bis zur Veröffentlichung der neuen Reglements, die Hand auf'die strenge und