Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1882)
- Date
- 1882-08-22
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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563 — Die Zahl der russischen Flüchtlinge, die nach Paris kommen, ist in fortwährendem Steigen. Man. macht die größten Anstrengungen, die unglücklichen Ankömmlinge möglichst bald zu versorgen. Die Gemeindebeamten widmen sich diesem wohlthatigen Werke mit einer bewundernswürdigen Ausdauer. Aber der gute Erfolg scheint immer mehr anzulocken, und jeden Morgen ist das Konsistorialgebäude von Hülfesuchenden umringt. Das Schlimme daran ist, daß diese Leute mit einem Ungestüm, mit einer leidenschaftlichen Hast sich auf die Beamten stürzen, welche hierdurch bald völlig abgespannt werden müssen. Alles Zureden um Ruhe und Ordnung hilft nichts, da die Bittsteller glauben, durch ihre Zudringlichkeit eher zum Ziele zu gelangen. Rußland. Petersburg, 5. August. Die „Deutsche Petersb. Ztg." erfahrt, daß den Juden ein allgemeines Wohnrecht gewährt werden solle, wenn die Behörden des letzten Wohnortes die ordentliche Führung von Semester zu Semester bestätigt hätten. (Die Mittheilung läßt an Klarheit viel zu wünschen übrig; es scheint, daß man eine beschränkte Freizügigkeit gewähren will. Ob aber Wöhlverhaltungszeugnisse seitens russischer Ortsbehörden irgend genügende Bürgschaften bieten, ist die Frage.) Odessa, im Juli. Das große Bankhaus Ignaz Ephrussi &> Comp, führt jetzt seine, schon nach den vorjährigen Unruhen ausgesprochene Absicht, Rußland zu verlassen, aus. Es liquidirt vom 13. Juli an seine hiesigen Handels- und Finanzgeschäfte, um diese theils nach Wien, theils nach Paris zu verpflanzen. Es ist das älteste Bankhaus von Odessa, seine Operationen beziffern sich jährlich auf Hunderte von Millionen und seine Thätigkeit bewegte sich vorzugsweise im russischen Süden seit 1832. Die Entfernung dieses Bankhauses wird das südrussische Geschäft sehr benachtheiligen, besonders was die hier allgemein gebräuchlichen Vorschüsse für die Landeigenthümer besonders vor der Ernte betrifft. Schon nach den Unruhen des vorigen Jahres sprach sich das Haus darüber aus, unter solchen Umständen Rußland zu verlassen. Die diesjährigen Judenverfolgungen befestigten den Entschluß und es zeugt nicht gerade von Hoffnung auf Besserung, wenn dieser Entschluß nunmehr ausgeführt wird. Bulgarien. Sofia, im August. Die „A. A. Z." berichtet über die Juden in Bulgarien: Spanische Juden (Spaniolen), Abkömmlinge derjenigen, welche im 16. Jahrhundert Portugal und Spanien verlassen mußten, fehlen in keiner der größeren Städte des Landes; nur Tirnowo, Sistow und einige andere Städte des centralen Bulgariens mit einer merkantil sehr schlauen einheimischen Bevölkerung machen hiervon eine Ausnahme. Die größte Ansiedlung derselben befindet sich in der Hauptstadt Sofia selbst (an 5000 Seelen). Die Haussprache derselben ist spanisch, allerdings nicht die klassische Sprache des Cervantes oder Calderon, sondern ein herabgekommenes Patois mit vielen arabischen Elementen. Die Schulen derselben, gleichfalls meist der bloßen Glaubenslehre gewidmet, haben wie die türkischen zum Theil noch ein sehr alterthümliches Aussehen. Doch durch die Bemühungen der französischen Alliance israelite ist in diesen Schulen eine bedeutende Wendung zum Besseren eingetreten und an die Stelle des alten Handwerks etwas mehr Methode und Ordnung eingeführt. Die bulgarische Regierung hat an viele dieser Anstalten Unterstützungssummen verabreicht, besonders zur Unterhaltung von Lehrern der bulgarischen Sprache. Orient. Alexandrien, im August. Das Bombardement hat auch die hier in ansehnlicher Zahl wohnenden Juden schwer betroffen. Mehrere Synagogen sind sammt den Thorarollen zerstört, viele jüdische Einwohner verloren Hab und Gut. Doch läßt sich konstatiren, daß die allerärgsten Tage, als die blutdürstige Masse sich durch die Straßen wälzte, auch glänzende Züge wahrer Humanität zu verzeichnen hatte. Die israelitische Gemeinde wetteiferte mit den Griechen und Kopten in Rettung und Bergung unschuldig Verfolgter. Der Richter Osman Bey Orph trat den Meuterern, welche gegen 100 Juden verfolgten, mit seiner Autorität entgegen und es gelang ihm, die Verfolgten in eine Synagoge zu bringen, wo er auf eigene Kosten Lebensmittel unter sie vertheilte. Palästina. Paris, im Juli. Der hier erscheinende Ilnivers Isr. erhält aus Jaffa vom 7. Juli folgende, gewiß Zuverlässige Korrespondenz. Man rechnet, daß bisjetzt in Jaffa 120 Fanlilien theils aus Rußland, theils aus Rumänien angekommen sind. Fast alle sind arm, einige besitzen ein Tausend Rubel, die sie bald aufgezehrt haben werden aus Mangel an Hülfsquellen. Einige Reiche sind angekommen, die sind aber sogleich wieder umgekehrt, nachdem sie die wahre Beschaffenheit des Landes kennen gelernt haben. Von ersteren sind einige nach Port Said, nach Alexandrien und nach. Smyrna gegangen. Ich glaube, daß vielen von ihnen von Personen aus Rußland geholfen worden ist, die es bequem gefunden haben, sich von ihren Armen zu befreien. Die Reden von Oliphant, die Bemühungen eines Comites, das von Jaffa aus heftige Aufrufe zu Gunsten der Kolonisation macht, finb indessen die hauptsächlichsten Ursachen dieser Emigration von Leuten gewesen, die ungeeignet für die Arbeit sind und hier weder Handel noch Industrie finden, um sich zu ernähren. Sie finden nicht einmal ein Unterkommen in Jaffa, wo sie